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Online-Lexikon wird 15 : Der Alleserklärer von Wikipedia

Jimmy Wales Bild: dpa

Vor 15 Jahren hat Jimmy Wales das Lexikon Wikipedia ins Netz gestellt. Mit dem Erfolg seiner Seite hat er dabei seiner eigenen Leidenschaft den Garaus gemacht.

          Jimmy Wales hat manchem Unternehmer schon den Weg gewiesen, zum Beispiel Oliver Samwer, dem Vorstandsvorsitzenden der Berliner Internetbeteiligungsgesellschaft Rocket Internet. Von Samwer ist überliefert, er recherchiere in dem von Wales mitgegründeten Online-Lexikon Wikipedia, bevor mit einer der zahlreichen Rocket-Internet-Beteiligungen aus den Branchen Online-Handel oder Finanztechnik in ein bestimmtes Land expandiert. Besonders interessieren ihn in den Wikipedia-Einträgen Daten zum Bruttoinlandsprodukt und zum Wirtschaftswachstum einzelner Staaten, sagte Samwer dem Magazin „Focus“ einst. Entscheidungshilfe für Investoren - so weit hat es Wikipedia also schon gebracht.

          An diesem Freitag ist es genau 15 Jahre her, dass dessen Mitgründer Wales die englische Version des Online-Lexikons ins Netz gestellt hat. Die deutsche Version folgte zwei Monate später. Seitdem hat die Wikipedia nicht nur Unternehmern wie Samwer Informationen geliefert, sondern auch zahllosen Schülern und Studenten Hausaufgaben oder Hausarbeiten gerettet. Zudem hilft sie vielen Menschen, sich in einer immer komplexeren Welt zurechtzufinden, indem sie ihnen so gut wie alles erklärt.

          Nach Angaben der Wikimedia-Stiftung, die hinter dem Online-Lexikon steht, hält es inzwischen 27 Millionen Artikel in rund 280 Sprachen vor. Die deutsche Version umfasst 1,8 Millionen Artikel, am Tag kommen 400 weitere hinzu, die hierzulande mehr als 5700 Autoren ehrenamtlich verfassen. Laut dem Marktforschungsunternehmen Comscore rangiert Wikipedia auf Platz sechs der beliebtesten Internetseiten der Welt. Fast eine halbe Milliarde Menschen greift im Monat auf sie zu.

          Spenden von 420.000 Menschen

          Und keiner von ihnen muss dafür bezahlen, weil sich die hinter dem Lexikon stehende Stiftung über freiwillige Spenden finanziert. Alle Jahre wieder rund um Weihnachten ruft Wikipedia auf ihrer Startseite Nutzer auf, den Betrieb der Seite mitzufinanzieren. 2015 haben in Deutschland mehr als 420.000 Menschen 8,6 Millionen Euro für „freies Wissen“ gespendet, wie der deutsche Arm der Wikimedia-Stiftung zum Jahreswechsel mitteilte. Der freie Zugang zum Wissen hat auch den Mitgründer Jimmy Wales stets angetrieben, auch wenn er sich inzwischen aus dem operativen Geschäft der Stiftung zurückgezogen hat. Wales hält heute einen Sitz in deren Kuratorium, doch ist er weiter das Gesicht der Online-Enzyklopädie.

          Schon in seiner Kindheit beschäftigte sich der 49 Jahre alte amerikanische Unternehmer leidenschaftlich mit Lexika. Die Grundlage dafür legte seine Schulausbildung. Wales ging in eine Schule mit Montessori-Ausbildung, die seine Mutter und Großmutter leiteten. In den jeweils vier Schüler großen Klassen konnten er und seine Mitschüler den eigenen Interessen nachgehen. In Wales’ Fall waren dies vor allem: Nachschlagewerke.

          Trotz der ungewöhnlichen Schulausbildung wählte Wales im Anschluss ein handfestes Studienfach: An der Auburn University und der University of Alabama studierte er Finanzwirtschaft. Eine Dissertation blieb unvollendet, stattdessen begann er 1994, an der Rohstoffbörse von Chicago Derivate zu handeln. Dort kam Wales auch mit dem Internet in Kontakt.

          Die klassischen Nachschlagewerke verloren an Bedeutung

          Seine ersten unternehmerischen Erfahrungen mit dem neuen Medium sammelte er aber mit eher profanen Inhalten. Wales rief das Suchportal Bomis ins Leben, das sich schnell auch als Anlaufstelle für die Suche nach erotischen Bildern etablierte. Sein nächstes Projekt war dann schon der Vorläufer der heutigen Wikipedia. Allerdings sollten bei dem im Jahre 2000 gegründeten Online-Lexikon Nupedia Fachleute die Artikel bearbeiten, woran das Projekt letztlich scheiterte. Erst als Wales und sein Mitgründer Larry Sanger auf freiwillige Autoren setzten, begann langsam der Aufschwung der Enzyklopädie.

          Deren wachsender Erfolg im vergangenen Jahrzehnt wurde zugleich zum Menetekel für die Branche der klassischen Nachschlagewerke. Im August 2005, gut vier Jahre nach dem Start, erreichte die englische Version des Online-Lexikons rund 678.000 Einträge und überholte damit die Encyclopædia Britannica. Die deutschsprachige Version umfasste damals mehr als 275 000 Begriffe - und damit mehr als der Große Brockhaus.

          „Unser Anspruch muss es sein, so gut zu sein wie der Brockhaus“, sagte Wales dem Berliner „Tagesspiegel“ einmal. Ob das Wikipedia tatsächlich gelingt, hängt davon ab, wie versiert die freiwilligen Autoren in ihrem Fachgebiet sind. Über die Jahre hat es auch immer wieder Falscheinträge oder bewusste Fälschungen von Einträgen gegeben. Trotz allem hat Wales’ Online-Lexikon manchen Wettbewerbern aus Papier den Garaus gemacht. Im Juni vor drei Jahren stellte der Traditionsverlag F. A. Brockhaus sein Geschäft ein. Eigentlich wollte er die 22. Auflage des berühmten Lexikons in 30 Bänden im vergangenen Jahr auf den Markt bringen. Die Encyclopædia Britannica hatte schon vor vier Jahren das Ende ihrer gedruckten Version angekündigt.

          Der Mann, der dieses Ende mit dem kostenfreien Zugang zum Wissen der Welt zum guten Teil mitzuverantworten hat, setzt sich bis heute weiter für Transparenz ein. Er bedient sich dabei der Mittel, die ihm das Internet bietet. Kürzlich stellte Jimmy Wales einige Privatfotos auf Twitter ein. Zu sehen war er auf einer Demonstration in London, wo er vor der saudi-arabischen Botschaft für die Freilassung des Bloggers Raif Badawi protestierte.

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