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Digitale Vernetzung : Das ist die Zukunft unseres Landes

Die Kanzlerin mit ihrem Gefolge auf dem Siemens-Stand in Hannover: „Wir müssen uns sputen.“ Bild: REUTERS

Das Internet der Dinge erobert die Fabriken rasend schnell. Für Deutschland ist das die größte Chance im 21. Jahrhundert. Aber auch die größte Gefahr. Es muss handeln.

          6 Min.

          Das Internet verschmilzt mit den Anlagen in den Fabriken und mit den Produkten, die dort hergestellt werden: Immer mehr Sachen sind im sogenannten Internet der Dinge zu jeder Zeit mit dem weltumspannenden Datennetz verbunden. Elektrotechnik, Maschinenbau, kaufmännische Funktionen werden Bestandteil sogenannter „Cyber-Physikalischer Systeme“. Auf der Hannover Messe konnte es in dieser Woche jedermann sehen. Das, was hierzulande Industrie 4.0 genannt und im angelsächsischen Raum mit dem Begriff Industrial Internet bezeichnet wird, ist die Zukunft.

          Das ist eine Revolution, von der nicht erst unsere Enkel entscheiden müssen, ob es wirklich eine war. Der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin ist sogar der Ansicht, dass die Auswirkungen dieser Vernetzung als treibende Kraft für die Entwicklung der Volkswirtschaften künftig wichtiger sein werden als der Kapitalismus als solcher.

          Was geschieht da? In die Welt der Produktion hält Moore’s Law Einzug, also die Beobachtung von Gordon Moore, des Mitbegründers des amerikanischen Chipherstellers Intel, dass sich die Zahl der Transistoren, die sich auf einem gleich großen Stück Silizium unterbringen lassen, alle 18 bis 24 Monate verdoppelt. „Und in Moore’s Law stecken noch einige Zehnerpotenzen drin“, sagt Siegfried Russwurm, der im Vorstand von Siemens für die Industriesparte zuständig ist.

          Exponentialfunktionen haben es in sich

          Was man dabei leicht überhört, ist, dass es sich bei Moore’s Law um eine Exponentialfunktion handelt. Und Exponentialfunktionen haben es in sich. Um das auch mathematischen Laien zu verdeutlichen, wählen Technikautoren im angelsächsischen Raum gern die Legende vom Erfinder des Schachspiels. Zuletzt erinnerten daran Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem Buch „The Second Machine Age“, zuvor Ray Kurzweil in seinem Werk „The Age of Spiritual Machines“.

          Die Legende handelt davon, dass das Schachspiel einst in Indien erfunden worden ist – und als der Erfinder zu seinem Fürsten ging, war dieser so begeistert, dass sich der Erfinder seine Belohnung aussuchen durfte. Dessen Wunsch: Nur ein Reis-, oder, je nach Version der Legende, Weizenkorn auf das erste Schachfeld, dann auf jedes weitere der 64 Felder die jeweils doppelte Menge.

          Das Lachen ob des vermeintlich so bescheidenen Wunsches verging dem Fürsten der Legende nach aber schnell. Nach rund 32 Feldern dürfte der Erfinder des Schachspiels seine lustige Idee sogar mit seinem Leben bezahlt haben. Denn irgendwann war eine komplette Reisernte fällig, am Ende wäre ein Reisberg höher als der Mount Everest erreicht worden. Wenn man nun unterstellt, dass die Exponentialfunktion von Moore’s Law sich in der Welt der Informationstechnologie inzwischen der ersten Hälfte des Schachbretts nähert, wird es in den kommenden Jahren tatsächlich höchst spannend mit der IT, die schon jetzt so viele Veränderungen in den Alltag der Menschen gebracht hat.

          Die Kanzlerin mahnt Europa

          Im Moment dieser Erwartung steht die deutsche Industrie vor der Herausforderung, ihre weltmarktführende Stellung in der Produktionstechnologie mit einer Welt zu verbinden, in der die Deutschen bisher kaum Erfolge in der Königsklasse hatten: mit der der Software im Besonderen und der IT im Allgemeinen. Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint in diesem Zusammenhang Ungutes zu ahnen. Sie hat zu Beginn der Messe in Hannover zu mehr Innovationskraft in Europa aufgerufen. 90 Prozent des Wachstums fänden außerhalb von Europa statt. „Insofern müssen wir uns sputen und alles dafür tun, dass wir unseren Mehrwert auch wirklich nutzen“, sagte sie.

          Europa dürfe die nächste industrielle Revolution – und damit meint sie die Auswirkungen der digitalen Vernetzung der Produktionswelt – nicht verschlafen. Deshalb hat Merkel die Europäer aufgefordert, gemeinsam eine Aufholjagd in der Informations- und Telekommunikationstechnologie zu beginnen. Die EU-Staaten hätten in etlichen Bereichen den Anschluss an die Konkurrenten in der Welt verloren. Die Aufholjagd müsse europäische Router zur Steuerung des Internetverkehrs ebenso einschließen wie die weitgehend abgewanderte Chiptechnologie.

          Auch der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, warnte, dass Deutschland bei der Informations- und Kommunikationstechnik den Anschluss an die Weltelite verliere: „Auf den IKT-Märkten sind die Europäer weit abgeschlagen. Weniger als zehn Prozent des Umsatzes in dieser Branche werden von europäischen Unternehmen erwirtschaftet“, sagte Grillo. „Die Global Player ordnen die digitale Wirtschaft neu, und Deutschland verliert den Anschluss an die Weltelite.“

          Eine Schach-Legende

          Der Blick in eine ganz neue Studie der Investmentbank Morgen Stanley zum Internet der Dinge scheint das zu bestätigen. In dieser Analyse ist von auffällig vielen amerikanischen Softwareunternehmen die Rede. Das ist, wenn man sich die Exponentialfunktion von Moore’s Law in Erinnerung ruft, eine bittere Erkenntnis. „Das laufende Jahr wird von einem Automatisierungsschub in der industriellen Produktion und der bevorstehenden Transformation der weltweiten Energiesysteme geprägt“, sagt auch Jochen Köckler, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG. Und, so darf man mit Blick auf die Legende vom Erfinder des Schachspiels anfügen: In jedem Jahr danach wird alles noch viel schneller gehen.

          Antworten darauf muss gerade auch ein deutsches Vorzeigeunternehmen wie Siemens finden. Wenn man dem dafür zuständigen Manager Russwurm in diesem Jahr auf der Messe zugehört hat, merkt man zwar, dass rund um das Thema „Industrie 4.0“ bei Siemens sehr viel mehr Druck auf dem Kessel ist als noch im Jahr zuvor. Damals wurde gern die Formulierung von einer wohl eher gemächlichen „Evolution“ bemüht. Zugleich begegnet Russwurm dem Handlungsdruck jedenfalls öffentlich noch immer mit der Gewissheit, mit den Erfahrungen der Ingenieure aus dem amerikanischen Thema „Big Data“, das mit dem Internet der Dinge unmittelbar zusammenhängt, die deutsche Erfolgsgeschichte „Smart Data“ machen zu können. Das heißt: Er will die Datenerkenntnisse, die der Produktionsprozess in Echtzeit liefert, effizient und wirklich zum Nutzen der Kunden auswerten können.

          Es gehe nicht darum, die Daten einfach nur zu speichern, um danach in der schieren Masse zu ersticken. Was dabei unausgesprochen bleibt, ist, dass genau diese Ineffizienz nicht zuletzt auch dem amerikanischen Geheimdienst NSA inmitten der von ihm gesammelten Datenmassen unterstellt wird. Mit den Amerikanern gehen Russwurm und seine Kollegen im Übrigen genauso pragmatisch um wie mit den Russen, wie es der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser bei seinem Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgemacht hat. Man arbeitet auch mit den Amerikanern zum gemeinsamen Nutzen zusammen, zum Beispiel mit dem IT-Sicherheitsunternehmen McAfee, das seit einiger Zeit zum Chiphersteller Intel gehört. Schließlich sieht sich Siemens mit seinen vielen Tochtergesellschaften und Angestellten in den Vereinigten Staaten auch selbst zu einem Teil als amerikanisches Unternehmen. Warum soll man also wehklagen?

          Plug and play

          Aber überlässt es Siemens nicht doch zu sehr den Amerikanern, wenn es darum geht, Stimmung für die neue Welt des Industriellen Internets zu machen? Die amerikanischen Konzerne AT&T, Cisco, General Electric, IBM und Intel haben jüngst das „Industrial Internet Consortium“ (IIC) gegründet. Dessen Ziel ist der Abbau von Hindernissen auf dem Weg der Vernetzung der physischen und der digitalen Welt – oder, anders formuliert, die Setzung von Standards: „Neunundneunzig Prozent der Dinge sind immer noch nicht zu jedem Zeitpunkt mit dem Internet verbunden. Wenn es aber gelingt, immer mehr Dinge mit dem Netz zu verbinden, dann kommt die nächste industrielle Revolution. Cisco schließt sich mit führenden Unternehmen der Branche zusammen, um solche Verbindungen in industriellen Umgebungen sicher und zuverlässig zu machen. So ebnen wir den Weg für das Internet der Dinge“, wird Guido Jouret, der für dieses Thema zuständige Vice President von Cisco, in der Mitteilung zur Gründung des IIC zitiert.

          Als weitere Gründungsmitglieder werden AT&T, der Siemens-Wettbewerber General Electric, IBM und Intel genannt. Sie streben, ebenso wie Siemens, funktionierende „Plug and play“-Lösungen für das Industrielle Internet an. Explizit genannt werden zum Beispiel von einem Vertreter von General Electric die Branchen Luftfahrt, Transport, Gesundheit und Energie. Russwurm beschäftigen auf seiner Pressekonferenz in Hannover zwar exakt dieselben Themen. Er aber meinte zugleich, es beim IIC vor allem mit einer IT-Veranstaltung zu tun zu haben, die mit Blick auf die Industrie wenig Kraft entfalten werde.

          Grillo und Merkel werden gemeinsam die Daumen drücken, dass er recht behalten möge. Sonst werden die Amerikaner gegenüber den Europäern, die außerhalb Deutschlands ohnehin schon so deindustrialisiert sind, wie es die Amerikaner derzeit (noch) sind, auch auf diesem Weg den Ton angeben. In Deutschland bemühen sich die hiesigen Verbände unterdessen in der ihnen eigenen Akribie um Normungs-Fragen wie in guten alten Zeiten. Allein mit dem Thema der Normen für die vernetzten Städte der Zukunft, für das als solches auch schon der Anglizismus Smart Cities geprägt worden ist, sind hierzulande mehr als 20 Normungs-Gremien befasst.

          Dabei müsste Deutschland einfach nur Gas geben. Denn die Grundlagen sind hervorragend. Der amerikanische Autohersteller Ford zum Beispiel setzt im Rahmen eines Pilotprojektes in seinem Werk in Wayne im Bundesstaat Michigan eine neue Software von Siemens und eben nicht von einem einheimischen Wettbewerber ein, die eine virtuelle Navigation durch Produktionswerke ermöglicht. Sie soll Ford zu einer besseren Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg verhelfen: Durch den Einsatz der Infrastruktur von Google Earth kann der Nutzer in 3D bis auf Arbeitsplatzebene durch die Fabriken wandern. Auch mit Volkswagen verbindet Siemens eine viel beworbene Partnerschaft, um die Produktion mit Hilfe von Elementen der Industrie 4.0 intelligenter zu machen.

          Das Pfund, mit dem Deutschland noch immer wuchern kann, ist das hohe Ausbildungsniveau, das Systemdenken der Ingenieure und die gute Vernetzung von Unternehmen und Hochschulen. Das sind Ergebnisse des neuen VDE-Trendreports 2014, der auf einer Umfrage unter den 1300 VDE-Mitgliedsunternehmen und Hochschulen basiert und der ebenfalls auf der Messe in Hannover vorgestellt worden ist.

          Die Schattenseite: Nach einhelliger Meinung der Befragten nimmt der Wettbewerb um die besten Köpfe zu. Sowohl Unternehmen wie auch Hochschulen klagen über personelle Engpässe – und das in einem Moment, in dem es gilt, besonders die Softwarekompetenz in der Industrie deutlich zu erhöhen. Es scheint, als müsse Deutschland den Weckruf der Exponentialfunktion von Moore’s Law noch etwas lauter hören als diese Woche in Hannover. Wie wäre es mit einer Partie Schach?

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