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Cyberkrieg : Angriffsziel Computer

Tummelplatz digitaler Viren: Leiterplatten aus Computern Bild: dpa

Je stärker sich die Welt vernetzt, desto größer wird die Gefahr von Hackerangriffen. Der Schaden ist hoch. Die Mittel der Verteidiger sind begrenzt, aber nicht wirkungslos.

          3 Min.

          Sie beobachten das Internet, Tag und Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat. Sie sind auf der Suche nach Viren, Würmern und Trojanern, nach Spam aller Art, nach Schadsoftware übelster Sorte, und sie werden fündig - jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Sie sind voll im Bild und haben alles im Blick: Westeuropa und Osteuropa, Nord- und Südamerika, den Nahen Osten, den Fernen Osten, China, Australien, alle Kontinente, sämtliche Länder.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unter der Decke hängt ein werbepostergroßer Bildschirm, darauf flimmert grün-rot-blau eine Weltkarte. In allen Ecken des Erdballs blinken kleine Lampen. „Serverparks, die wir gerade auf Sicherheitslücken untersuchen“, sagt Carsten Dietrich. Er ist einer jener IBM-Ingenieure, die sich die Sicherheit des Internets auf die Fahnen geschrieben haben. Seit dem Fall des Computerwurms Stuxnet, der 2010 in Iran eine ganze Atomanlage lahmlegte, sind nicht nur Konsumenten und Unternehmen alarmiert, sondern auch Regierungen. Von Computerterrorismus und Cyberkrieg ist die Rede, vom digitalen Armageddon. Dietrich sieht die Sache gelassener.

          Der Schaden ist riesig

          Er arbeitet mit einer kleinen Mannschaft in einem Betonbau am Rande eines Gewerbeparks von Kassel in einer der Kommandozentralen der Internetsicherheit. Oben im zweiten Stock des Hauses liegen die Büros, unten im ersten stehen die schweren, algorithmengesteuerten Computer. Schrankwandgroße Rechner in einem wohltemperierten Saal, schwere Eisentüren, armdicke Betonmauern, Sicherheit wird hier ganz groß geschrieben. Die Wände hängen voller Monitore, unter dem Fußboden liegen armdicke Kabelstränge, die ausreichen würden, ganz Lateinamerika zu verdrahten.

          Heinz-Hubert Weusthof lacht. Der Entwicklungschef für digitale Securitysyteme von IBM, sagt: „Sicherheit ist nicht billig, sie aber nicht zu haben, ist teuer.“ Sehr teuer. Die Kosten gehen rasch in die Milliarden, der Schaden ist dann riesig, meint Jewgeni Kaspersky von der gleichnamigen russischen Firma. Howard Stringer bekam das zu spüren. Der Präsident von Sony sah seine Firma im April vorigen Jahres von einer Attacke schwer getroffen. Datendiebe hatten dem japanischen Elektronikriesen hundert Millionen Kundendateien aus einem Rechenzentrum gestohlen: Adressen, Passwörter, Nummern von Kreditkarten, bis heute der größte Vorfall seiner Art. „Wir sind geschockt“, wird Sony-Präsident Stringer noch Wochen später im Gespräch sagen. Er ist nicht allein.

          Geschäft mit gestohlenen Daten floriert

          Zuvor schon waren deutschen Callcentern Millionen von Kundendaten von den Rechnern gestohlen worden, wurde versucht, die Computer von Börsen an der Wall Street und von Regierungen in Europa, von Unternehmen in Japan und Konzernen in Australien zu knacken. Das Geschäft mit gestohlenen Daten floriert. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter beziffert es hierzulande auf mehrere Milliarden Euro und nennt die dahinter stehenden Strukturen „mafiös“. Das Bundeswirtschaftsministerium schätzt den jährlichen Schaden für Deutschland auf einen zweistelligen Milliarden-Euro-Betrag.

          Die IT-Messe Cebit in Hannover wird Sicherheit in der kommenden Woche zu ihrem diesjährigen Thema machen. Es geht um Datenklau, Firmen- und Wissenschaftsspionage. In aller Welt werden die Schäden vom Analystenhaus mi2g Intelligence Unit auf einen dreistelligen Milliardenbetrag veranschlagt. Daher hob die Bundesregierung vor einem Jahr ein nationales Cyber-Abwehrzentrum aus der Taufe, um in Zusammenarbeit mit europäischen und amerikanischen Behörden die Netze zu sichern, so gut es geht. Denn Angriffe, warnt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, machen vor keiner Grenze halt.

          „Hochgebildet und scheuen vor nichts zurück“

          So hatten im Mai vergangenen Jahres Hacker die Rechner des amerikanischen Rüstungskonzerns Lockheed Martin attackiert. Das IT-System stammte aus dem Hause EMC, einem der Großen der Branche. Die virtuellen Eindringlinge kamen nicht weit. „Sicherheit steht bei uns ganz vorn in der Agenda“, sagt Sabine Bendiek, Deutschland-Chefin von EMC. Doch ein Ende der Attacken ist nicht in Sicht. „Die Zahl der Angriffe nimmt nicht rascher zu als in der Vergangenheit“, sagt IBM-Ingenieur Weusthof. „Aber sie werden intelligenter.“

          Das lässt Firmen wie IBM das Internet systematisch nach Schwachstellen und Schadsoftware durchforsten, unbescholtene Nutzer lässt es reagieren, den Markt für Sicherheitsprogramme lässt es wachsen. In diesem Jahr könnten dort erstmals mehr als 20 Milliarden Dollar erlöst werden. Vor fünf Jahren war nach Angaben des Analystenhauses Gartner der Markt kaum halb so groß. Shlomo Kramer, der israelische Gründer und Chef der amerikanischen Softwaresicherheitsfirma Imperva, sagt: „Kriminelle Computerhacker sind hochgebildet und scheuen vor nichts zurück.“ Kramer war einer der Ersten, die sich in den achtziger Jahren mit der Sicherheit von Computern beschäftigten. Damals war er Soldat in der IT-Abteilung von Israels Armee; heute ist er Softwaremillionär. Nach dem Wehrdienst hatte er in der Küche seiner Mutter in Tel Aviv eine erste kleine Firma gegründet, dann eine zweite, mit Imperva ging er im November an die Börse von New York. Seitdem legte der Kurs um die Hälfte zu.

          Computersicherheit steht nicht nur in IT-Abteilungen oben auf dem Programm. Jewgeni Kaspersky, Chef der russischen Firma für Antivirensoftware seines Namens, warnte auf der Sicherheitskonferenz in München Anfang Februar vor einem Cyberkrieg. Als sich im Juni 2010 der Computerwurm Stuxnet erst unbemerkt durch die Steuerungssysteme der Atomanlage in Iran arbeitete und diese dann lahmlegte, war das ein Warnschuss für alle. Angesichts der Abhängigkeit der Menschen von IT-Systemen werde eine virtuelle Kriegsführung im Cyberspace Schäden von unbekanntem Ausmaß anrichten. Richard A. Clark umriss in seinem Buch „Cyber War“ ein potentielles digitales Armageddon. „So weit wird es nicht kommen“, sagt IBM-Ingenieur Carsten Dietrich. Er ist sich da sicher, ganz sicher. Er ist auf digitalem Beobachtungsposten.

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