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Cyber-Angriffe : Die dritte Säule der IT-Branche

Die Branche muss neue adäquate technische Abwehrsysteme entwickeln Bild: dapd

Das Internet ist ein offenes, jedermann zugängliches Netzwerk. Das hat es populär gemacht, das muss auch so bleiben. Doch die Offenheit hat einen Preis: Sie macht das System angreifbar. Es ist höchste Zeit für die IT-Industrie, auf den Datenklau zu reagieren.

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          Es war der größte Datendiebstahl in der Geschichte der Computertechnik. Hacker drangen über das Internet in ein Rechenzentrum von Sony ein, stahlen hundert Millionen Kundendaten und entkamen unerkannt. Ihre Beute: Namen, Adressen, Bankverbindungen. Der Coup hat Folgen. Die IT-Industrie muss nun schnell reagieren. Denn dieser Datenklau war ein Signal.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ohne wirksamen Schutz von Computern, Netzwerken, Daten- und Rechenzentren vor Angriffen von softwaregeschulten Kleinkriminellen und organisierten Cyber-Banden sind nicht nur wichtige Infrastrukturen wie Strom, Verkehr, Kommunikation oder das Gesundheitswesen in vielen Ländern in Gefahr. Auch die Zukunft des mehr als 600 Milliarden Euro im Jahr erlösenden elektronischen Handels in der Welt steht auf dem Spiel.

          Während sich die Regierungen in Berlin, London und Paris nach dem Vorbild Washingtons nun endlich daran gemacht haben, nationale Cyber-Abwehrzentren zu etablieren, deren grenzübergreifende Zusammenarbeit und die damit verbundene Verbrecherjagd im Netz zu institutionalisieren, schlagen Branchenunternehmen neue Wege ein. Waren Anforderungen an Computer bisher durch ihre Arbeitsleistung und ihre Energieeffizienz bestimmt, so kommt jetzt eine dritte Säule hinzu: die Sicherheit.

          Der traurige Rekord des Diebstahls

          Dafür ist es höchste Zeit. Börsen, Banken und Industrie, staatliche Einrichtungen und internationale Organisationen sehen ihre Computer im Visier von Hackern. Cyber-Kriminelle haben das Internet mit Würmern, Viren und Trojanern so vollgepackt, dass nichts und niemand mehr sicher zu sein scheint.

          So wurden im Dezember die Internetseiten der Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard lahmgelegt. Im Januar fand sich die elektronische Plattform für den Handel mit Emissionszertifikaten in Europa manipuliert. Im Februar sah in Amerika die Technologiebörse Nasdaq ihre Datenbank geknackt. Im März wurden die Rechner der EU-Kommission gehackt, im April die von Sony.

          Vor dem Hintergrund solcher Angriffe hat die IT-Branche zu handeln. Erstens muss sie ihre Nutzer schneller als bisher über jede Art von Attacke aufklären. Sony brauchte eine Woche dafür. Das war zu lange und rückte die Japaner zu Recht ins Zentrum der Kritik. Zweitens dürfen die Anbieter von Software keine halbfertigen, mit riesigen Sicherheitslücken behafteten Programme mehr auf die Märkte bringen. Denn damit begünstigen sie Datendiebe bei ihren Beutezügen nach sensiblen Informationen. Drittens hat die Branche neue adäquate technische Abwehrsysteme zu entwickeln. Dafür muss sie neben herkömmliche statische Sicherheitsmechanismen wie Firewalls auch präventive und flexible IT-Lösungen stellen. Hier gehen Unternehmen wie Microsoft und Intel schon in die richtige Richtung. Microsoft, das größte Softwarehaus der Welt, hat für die Sicherheitsapplikationen des neuen Betriebssystems der Marke Windows mehrere Milliarden Dollar ausgegeben, Tausende Programmierer beschäftigt und damit deutlich mehr getan als bei früheren Versionen seines Grundlagenprogramms. Der Chiphersteller Intel peilt an, Schutzsoftware gleich in jenen Computerchips zu verankern, durch die der gesamte Datenfluss eines Rechners läuft. Dafür hat es gerade zwei Softwareunternehmen gekauft. Der Preis: 9 Milliarden Dollar. Das war nicht billig, doch wichtig und richtig. Denn es wäre einfältig zu glauben, dass der traurige Rekord des Diebstahls von Sony bei der wachsenden Zahl der Angriffe lange Bestand hat. Wird doch jedes Jahr der digitale Datenberg auf der Welt höher. Jedes Jahr werden anderthalb Milliarden internetfähige Computer verkauft. Jedes Jahr werden Hunderte Kilometer Breitbandverbindungen neu verlegt. Das Internet aber ist verwundbar.

          Patente, Pläne und vertrauliche Personaldateien

          Das IT-Unternehmen IBM zählt jeden Tag auf der Welt 13 Milliarden digitale Angriffe. Das Bundesinnenministerium registriert für das Internet allein in Deutschland Angriffe im Sekundentakt. Die Angriffe zielen vor allem auf Firmen. Die Hälfte aller Unternehmen, die Opfer von Wirtschaftskriminalität werden, sind durch Hacker im Internet geschädigt worden. In Frankreich, Großbritannien und Amerika sieht es nicht besser aus. So summiert sich der Schaden für die Weltwirtschaft auf mittlerweile 100 Milliarden Dollar im Jahr.

          Die Unternehmen bangen um Patente, Pläne und vertrauliche Personaldateien auf ihren Computern. Regierungen sehen lebenswichtige Infrastrukturen in ihren Ländern gefährdet. Das westliche Verteidigungsbündnis Nato hatte auf einer Strategiekonferenz im November erstmals vom „Cyber War“ gesprochen. Der Computer als Waffe im täglichen zivilen Leben. So weit darf es nicht kommen.

          Das Internet ist ein offenes, jedermann zugängliches Netzwerk. Das hat es populär gemacht, das muss auch so bleiben. Doch die Offenheit hat einen Preis: Sie macht das System angreifbar. Politik, Wirtschaft und der aufgeklärte Verbraucher müssen sicherstellen, dass diese Angriffe die Freiheit des Datenverkehrs nicht zerstören. Dafür muss die IT-Branche ihre dritte Säule so rasch wie möglich errichten. Der Datendiebstahl bei Sony war dafür ein Signal.

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