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Craigslist : Der Zeitungskiller

Craigslist-Gründer Craig Newmark und Vorstandschef Jim Buckmaster Bild: AFP

Craigslist mischt den Markt für Kleinanzeigen in Amerika auf. Als Gratisdienst im Netz. Den Zeitungen entgeht dadurch viel Geld, doch Craigslist macht das nicht reich.

          4 Min.

          Ab und zu läßt es sich auch Jim Buckmaster gerne einmal gutgehen. Bei seinem Trip nach New York ist er im supernoblen Traditionshotel Carlyle abgestiegen, wo das billigste Zimmer 650 Dollar die Nacht kostet. Eine Selbstverständlichkeit für jeden anderen amerikanischen CEO, aber Buckmaster will sich von der Masse abheben. Genauso wie das Unternehmen, das er führt.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Buckmaster ist CEO von Craigslist, einem Online-Marktplatz für Kleinanzeigen und einer der populärsten Internetadressen in Amerika. Das Unternehmen aus San Francisco pfeift aber auf die neue Interneteuphorie. Nur ein Schulterzucken hat Buckmaster übrig, wenn er auf Mega-Deals wie den Kauf der Videoseite Youtube durch Google für 1,65 Milliarden Dollar angesprochen wird.

          Kein Hang zum Protzen

          Buckmaster will nicht verkaufen, er will noch nicht einmal möglichst viel Umsatz und Gewinn machen. „Vielleicht der einzige CEO, den man je beschuldigte, ein Kommunist zu sein“, stellt er sich auf der Craigslist-Seite vor. Und auch wenn er gerade in der schicken Carlyle-Hotelbar einen Mojito schlürft: Einen Hang zum Protzen kann man ihm nicht vorwerfen. Andernfalls würde er sich wohl nicht mit seinem klobigen Blackberry erwischen lassen, der vor ihm liegt und offensichtlich älteren Datums ist: „Den habe ich gebraucht gekauft. Auf Craigslist. Für 75 Dollar“, sagt er.

          Kaum zu glauben, daß dieser im Gespräch fast schüchtern wirkende Mann zum Totengräber einer ganzen Industrie hochstilisiert wird. Craigslist gilt mit seinen Kleinanzeigen als der Wilderer im Revier von Zeitungen. Auf der Craigslist-Seite stehen Anzeigen für Wohnungen, Jobs, Autos, Konzerttickets oder Partner - all die Dinge also, die traditionell in Zeitungen zu finden waren. Der Unterschied: Zeitungen verlangen für die Anzeigen Geld, Craigslist ist (weitgehend) umsonst. Das macht Craigslist zum Zerstörer einer wichtigen Umsatzquelle von Zeitungsverlagen.

          Mit Yahoo, Google und Youtube in einer Liga

          Für viele Amerikaner ist Craigslist heute die erste Anlaufstelle, wenn sie sich von Habseligkeiten trennen wollen oder wenn sie auf der Suche nach einem Schnäppchen sind. Das Marktforschungshaus Alexa zählt Craigslist zu den zehn meistbesuchten Internetseiten in Amerika - neben Yahoo, Google, Myspace oder Youtube.

          Hinter Craigslist steht tatsächlich jemand mit dem Namen „Craig“: der 54 Jahre alte Craig Newmark, der das Unternehmen zusammen mit Buckmaster (44 Jahre) führt. Craigslist gehört nicht zu den jungen Senkrechtstartern wie Youtube, sondern ist schon mehr als zehn Jahre alt. Es begann mit einer Art Rundbrief, den Newmark per E-Mail regelmäßig an Freunde und Bekannte in San Francisco verschickte.

          In 50 Länder expandiert

          Newmark wies auf Veranstaltungen hin, die er für interessant hielt. Im Jahr 1995 entstand daraus ein Internetforum, und weil Newmarks Rundbrief unter seinen Empfängern ohnehin als „Craig's List“ bekannt war, behielt man den Namen gleich bei. Neben Veranstaltungen kamen immer mehr Kategorien hinzu, und die Seite wurde zu einem lebhaften Marktplatz.

          Craigslist war lange Zeit eine lokale Sache in San Francisco, der Erfolg ermutigte Newmark aber im Jahr 2000, in andere Städte wie Chicago und New York zu expandieren. Zuletzt kamen immer schneller neue Orte hinzu, auch im Ausland. Heute gibt es Craigslist für 450 Städte in 50 Ländern. Allein im November waren es auf einen Schlag 135 Neuzugänge. In Deutschland gibt es eine Craigslist-Seite für acht große Städte wie Berlin und München, allesamt aber noch in englischer Sprache.

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