https://www.faz.net/-gqe-q0h4

Computerchips : Jagd auf Branchenprimus Intel eröffnet

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Mit einem neuen Superchip wollen IBM, Sony und Toshiba die Vormacht des Marktführers Intel brechen. Der Chip namens „Cell“ soll PCs zehn Mal schneller machen - und gleichzeitig mehrere Betriebssysteme unterstützen.

          3 Min.

          Zwei Nachrichten dieser Woche klingen nach einer Götterdämmerung in der Chipindustrie: Steht der Branchenriese Intel mit seinem nahezu unvorstellbaren Börsenwert von 150 Milliarden Dollar und einem Anteil auf dem Markt der Mikroprozessoren für Personalcomputer (PC) von rund 80 Prozent davor, seine Technologieführerschaft auf diesem Markt zu verlieren?

          Denn es war nicht Intel, sondern ein Konsortium der Unternehmen IBM, Sony und Toshiba, das auf einer Konferenz in San Francisco seinen "Cell Chip" enthüllt hat. Der Chip mit dem in deutschen Ohren mysteriös klingenden Namen soll nicht nur einfach mehr Leistung bieten als die bisher üblichen PC-Prozessoren, sondern gleich eine um den Faktor zehn gesteigerte. Nicht zwei Prozessorkerne statt einem sollen auf dem Chip zu finden sein, denn das wird man ja auch bald von Intel bekommen können - bei IBM und seinen Verbündeten ist von acht Kernen auf einem Chip die Rede. Der Prototyp des Cell hat etwa die Größe einer Briefmarke und integriert dabei 234 Millionen Transistoren. Mehr noch: Es handelt sich nicht um ferne Zukunftsmusik. Die Pilot-Produktion des Cell wird noch in diesem Jahr in einer neuen Chipfabrik von IBM in East Fishkill in der Nähe von New York begonnen.

          "Das IBM-Entwicklungszentrum in Böblingen ist maßgeblich an der Entwicklung von Cell beteiligt und trägt die Verantwortung für zentrale Funktionskerne im Prozessordesign", ist von der deutschen IBM-Pressestelle zu hören. Rund 40 Chip-Fachleute entwickelten dort die Kerne für die Fließ- und Festkommaberechnung im Prozessor. Der Chip wird in der Lage sein, gleichzeitig mehrere Betriebssysteme zu unterstützen - und ist vor allem für Computernutzer interessant, die große Datenmengen verarbeiten, was im Alltag der meisten Menschen der Umgang mit anspruchsvollen Videospielen sein dürfte. Schon die nächste Generation der Spielkonsole Playstation von Sony soll von der Leistung des neuen Prozessors profitieren. Und selbstverständlich ist der Chip in der Lage, in einem Rechenschritt Daten mit einer Breite von 64 Bit zu verarbeiten.

          Galt gerade noch als schnell: Pentium 4

          Deutsche Ingenieure haben ihren Anteil

          Ein heute gebräuchlicher Pentium- 4-Chip aus dem Hause Intel schafft in einem Rechenschritt lediglich die Verarbeitung von Daten mit einer Breite von 32 Bit. Und dieses Thema ist die andere Schmach, die Intel in den vergangenen Monaten zu verarbeiten hatte. Wenn Intel nämlich - in der zweiten wichtigen Meldung aus der Branche in dieser Woche - ankündigt, noch in diesem Monat Pentium-4-Chips ausliefern zu wollen, die über eine entsprechende 64-Bit-Erweiterung verfügen, wird der bisher einzig ernstzunehmende Wettbewerber im Geschäft mit Chips für PC und kleinere Netzwerkrechner (Server) antworten können, über solche Prozessoren schon lange zu verfügen. Auch daran haben deutsche Ingenieure ihren Anteil, denn der Wettbewerber Advanced Micro Devices (AMD) fertigt die entsprechenden Prozessoren in seinem Werk in Dresden. Für AMD sind die 64-Bit-Prozessoren mehr als nur ein Imagegewinn und Marketingerfolg. Das Unternehmen, das früher immer nur Intel-Technologie nachbaute, hat mit einem besseren Gespür für die Wünsche des Marktes Intel unter Handlungsdruck gesetzt.

          Und Intel muß sich nicht nur von Analysten der Marktforschungsagentur Forrester vorwerfen lassen, mit Blick auf die 64-Bit-Architektur und die Wünsche privater Kunden zu stur an der alten Taktik einer stetigen Steigerung der Taktrate der Chips festgehalten zu haben - daß Intel nach der Meinung Forresters dennoch Volumenführer im 64-Bit-Segment werden wird, hat dann wieder eher mit der schon bestehenden Marktmacht zu tun. Für Sturheit war jedenfalls kein Platz mehr, als Intel im vergangenen Oktober bekanntgeben mußte, seine Pläne für die Entwicklung eines Pentium-4-Prozessors mit einer Taktrate von 4 Gigahertz aufgeben zu müssen. Diese Geschwindigkeit sollte eigentlich schon Ende 2004 erreicht werden, jetzt wird es wohl eine ganze Weile keinen Chip geben, der schneller getaktet ist als das aktuelle Topmodell mit seinem Tempo von 3,8 Gigahertz. "Das bedeutet aber nicht das Ende von Moore's Law", heißt es dazu sowohl bei Intel als auch bei allen Analysten.

          Einer der technischen Tricks

          Damit ist gemeint, die Beobachtung, daß sich die Zahl der Transistoren auf einem Chip alle 18 bis 24 Monate verdoppelt, werde auch in der Zukunft Gültigkeit haben (siehe Graphik). Allerdings ist diese Entwicklung nicht mehr wie früher gleichzusetzen mit einer entsprechenden Steigerung der Taktung. Vielmehr werden die zusätzlichen (und immer kleineren) Schaltkreise zum Beispiel dazu genutzt, mehrere Prozessorkerne auf einem einzigen Chip abzubilden - und das ist einer der technischen Tricks, die den neuen Cell-Chip möglich machen. Doch gehen Branchenbeobachter davon aus, daß Intel aus seinen Marketingfehlern der Vergangenheit nachhaltig gelernt hat. Das zeigt sich nicht nur daran, daß nun tatsächlich eine 64-Bit-Erweiterung von Intel für den Hausgebrauch kommt - gerade noch rechtzeitig, bevor Microsoft ein Windows-Betriebssystem vorstellt, das diese technische Fähigkeit auch tatsächlich nutzt. Vielmehr vollzieht sich mit dem Wechsel an der Unternehmensspitze von Craig Barrett zu Paul Otellini, der im Mai dieses Jahres ansteht, auch ein grundsätzlicher Wandel in der Intel-Struktur hin zu einer größeren Kundennähe.

          Das Unternehmen setzt künftig nicht mehr nur auf einzelne Chips wie den Pentium, sondern auf sogenannte Plattformen einer Chipfamilie wie der unter dem Namen Centrino bekannten Chiplösung für mobile Computer. Bei diesen Plattformen kann der Marktführer dann wieder die ganze Breite seiner Branchenerfahrung in die Waagschale werfen und zugleich den Anbietern von Zusatzchips etwa zur Einwahl eines Laptops in ein drahtloses W-Lan-Funknetz das Wasser abgraben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

          Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

          Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.