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China : Umweltaktivisten halten Apple für einen faulen Apfel

Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen? Der Computerspezialist Foxconn, der auch für Apple liefert, steht immer wieder im Zentrum der Kritik Bild: dapd

Ist Apple eine Ausbeutermarke? Die provokante Frage stellen Umweltschützer in China. Grund sind schwere Vorwürfe gegen Zulieferfirmen, die gegen Arbeits- und Umweltstandards verstoßen sollen. Apple selbst mauert und will sich dazu nicht äußern.

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          Die Umweltschützer verteilen glänzend rote Äpfel, warnen aber davor, sie zu essen. „Man muss sie erst waschen, sie sind gespritzt“, mahnt Li Li von der Nichtregierungsorganisation Enviro-Friends in Peking und zieht ein iPhone hervor. „Das ist wie bei diesen Äpfeln hier!“ Sie fragt im Saal herum, wer ebenfalls ein Telefon der amerikanischen Computerfirma Apple dabeihabe, und bittet die Besitzer nach vorn. Dort stehen ein Waschzuber und eine Handvoll Bürsten bereit.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Die publikumswirksame Reinigung der Geräte ist Teil einer Kampagne, mit der chinesische Aktivisten auf die vermeintliche Verschleierungspolitik des kalifornischen Technikkonzerns aufmerksam machen wollen. Der Vorwurf lautet, Apple ignoriere die Unzulänglichkeiten in einigen seiner Zulieferbetriebe. Viele Mitarbeiter dort verdienten zu wenig, arbeiteten unter unwürdigen Bedingungen und hantierten mit gesundheitsschädlichen Stoffen. Apple weist die Vorwürfe zurück.

          Der Bericht, den 36 chinesische Umweltgruppen unter dem Namen „Die andere Seite von Apple“ in Peking und Schanghai vorgelegt haben, enthält viele Beispiele. Bei Lianjian Technology in Suzhou westlich von Schanghai, einem Tochterunternehmen der taiwanischen Wintek-Gruppe, seien 49 Arbeiter schwer erkrankt, nachdem sie sich an dem Reinigungsmittel N-Hexane vergiftet hätten. Damit würden die Sensorbildschirme (Touchscreens) für Apple-Produkte entfettet und desinfiziert. Ein Video der Nichtregierungsorganisationen zeigt Patienten und ihre Angehörigen in engen Krankenhauszimmern und zitiert sie mit den Worten, sie hätten zeitweilig kaum laufen oder die Essstäbchen halten können. Ihre Entschädigungen seien viel zu gering ausgefallen.

          Eine chinesische Arbeiter von Foxconn in deren Fabrik in Shenzhen

          Wintek teilte zu den Vorwürfen mit, man verwende das gefährliche Mittel schon lange nicht mehr, alle Beschäftigten seien wieder wohlauf. Weiter heißt es in der Untersuchung, Shengyi Electronic im kantonesischen Dongguan verunreinige die Natur mit Sondermüll und giftigen Abgasen. Bei Dafu Computer in Changshu in der Ostprovinz Jiangsu hätten weibliche Beschäftigte ihre Kleider öffnen müssen, um den Diebstahl von Produkten auszuschließen. Auch der taiwanische Massenfertiger von iPhones und iPads, Foxconn, taucht als schlechtes Beispiel auf. Dort müssten Arbeiter bis zu 136 Überstunden im Monat leisten und verdienten trotzdem kaum 2200 Yuan (250 Euro); erlaubt seien höchstens 36 Überstunden. Das Unternehmen war in die Schlagzeilen geraten, nachdem sich dort mehrere Wanderarbeiter umgebracht hatten. Daraufhin kündigte Foxconn höhere Bezüge, bessere Arbeitsbedingungen und eine Teilverlagerung in die Herkunftsregionen der Wanderarbeiter an. Diese Verbesserungen lässt der Bericht außer Acht.

          „Ist Apple eine Ausbeutermarke?“

          Da Apple über den Preis und die Lieferbedingungen die Lage in den Zulieferbetrieben beeinflusse, trage es eine Mitverantwortung, sagt Ma Jun, Direktor des Institute for Public and Environmental Affairs. Er ist Hauptautor der Studie und des Films und einer von Chinas bekanntesten Umweltschützern. „Wir müssen uns fragen: Ist Apple, das die Regeln festlegt, eine Ausbeutermarke?“ Ma und seine Mitstreiter bringt besonders auf, dass sich das Unternehmen jeder Diskussion entziehe. Die Amerikaner äußerten sich nicht einmal dazu, ob sie überhaupt Geschäftsbeziehungen zu den genannten Betrieben unterhalten. Lediglich beim Endfertiger Foxconn steht das außer Frage. Der Bericht der Umwelt- und Arbeitsschützer hat ein Jahr lang 29 internationale Konzerne der Informationstechnik auf ihre Transparenz und Zugänglichkeit in Fragen des Gesundheits- und Umweltschutzes untersucht. Apple kam auf den letzten Platz. „Apple hat sich völlig selbstgefällig und unnahbar gegeben“, klagt Ma. Viel positiver hätten Unternehmen wie Hewlett-Packard, Vodafone, Samsung, Toshiba, Sharp oder Hitachi reagiert.

          Apple teilte mit, den Bericht aus China zu kennen, nimmt dazu aber nicht direkt Stellung. Das Unternehmen, das seine Lieferkette nicht offenlegen will, verweist vielmehr auf seine hohen Umwelt- und Arbeitsstandards und auf eigene Qualitätsprüfungen. Dem Audit-Bericht von 2010 zufolge, der im Internet einsehbar ist, halten sich 72 Prozent der 102 untersuchten Unternehmen oder Arbeitseinheiten an die Vorschriften zu den Arbeits- und Menschenrechten. 76 Prozent stehen im Einklang mit den Auflagen zu Gesundheit und Sicherheit, 74 Prozent erfüllen die Anforderungen an den Umweltschutz.

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