https://www.faz.net/-gqe-7hzou

Breitbandausbau : Die Selbstanschließer

Hoch im Norden: An dieser Stelle soll das „Bürgerbreitbandnetz“ ins Internet münden Bild: Martin Gropp

Schnelles Internet gilt als Wachstumsmotor. Doch in ländlichen Gegenden lohnt es sich für kommerzielle Anbieter nicht, in Festnetzleitungen zu investieren. Eine Region in Nordfriesland geht deshalb ihren eigenen Weg.

          Die Zukunft der Internetversorgung ragt als fingerdickes orangefarbenes Kabel aus einem Blumenbeet bei Husum. Vor einem Klinkerbau in der 661 Einwohner großen Gemeinde Löwenstedt taucht das Kabel aus dem Erdreich auf. Noch ist es in einem Bogen über einen Blumenkübel gelegt, doch in ein paar Wochen soll es durch die Wand geführt werden und wird dann im Wohnzimmer von Peter Thoröe landen – und ihn mit der Welt verbinden.

          Bis vor drei Monaten war der 71 Jahre alte ehemalige Landwirt Bürgermeister von Löwenstedt. In dieser Rolle hatte er im März mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsident Torsten Albig den Spatenstich für das erste nach dem Solidarprinzip finanzierte Breitbandnetz Deutschlands absolviert: Die Einwohner und Unternehmen der Region investieren selbst in das Netz, damit es überhaupt entsteht. „Dieses Engagement hat Symbolkraft“, sagte der SPD-Politiker Albig damals an Bürgermeister Thoröe und die Anwesenden gewandt. „Bundesweit einmalig beweisen Sie anderen in ähnlicher Lage, wie Zukunft gelingen kann.“

          Wo das Internet lahmt, wollen nicht viele leben

          Für Thoröe und die anderen Löwenstedter heißt diese Zukunft, eine Glasfaserleitung im eigenen Haus zu haben, über die er sich voraussichtlich noch in diesem Jahres mit hoher Geschwindigkeit mit dem Internet verbinden wird – auch wenn ihm dazu neben dem Anschluss noch eine weitere wichtige Voraussetzung fehlt. Thoröe besitzt bislang keinen Computer, wie er sagt. „Aber wenn wir erst einmal an das schnelle Netz angeschlossen sind, dann werde ich mir einen anschaffen.“

          Engagiert im Breitbandausbau: Ute Gabriel-Boucsein

          Sätze wie diese hört Ute Gabriel-Boucsein oft. Die Geschäftsführerin der Bürgerbreitbandnetz GmbH&Co.KG kann aber auch reichlich Anekdoten erzählen, die sich alle um die mangelnde Internetverbindungsgeschwindigkeit hier im südlichen Nordfriesland drehen. Vom Milchbauern, der mit dem Laptop über Land fährt, bis die mobile Internetverbindung ausreicht, um seine neu geborenen Kälber den Behörden zu melden. Von Hauseigentümern, die ihre Immobilien nicht losbekommen, weil die Käufer nicht dorthin ziehen mögen, wo das Internet lahmt. Von Kommunen, die es nicht schaffen, ihre Baugrundstücke zu vermarkten, weil potentiellen Investoren die schnelle Anbindung verlangen. Oder von Selbständigen und Gewerbetreibenden, die verzweifeln, weil sich ihr E-Mail-Postausgang nur langsam leert.

          Die Anekdoten sind laut Gabriel-Boucsein keine Einzelfälle. Die vorhandene Telefonleitung aus Kupfer erlaube mancherorts gerade einmal eine Anschlussgeschwindigkeit von 384 Kilobit pro Sekunde. Und weil die Region zu dünn besiedelt ist, als dass kommerzielle Netzanbieter wie die Deutsche Telekom sie für einen Ausbau in Betracht ziehen würden, hätte sich das auch wohl in Zukunft nicht geändert. Wenn sich die Bürger auf Initiative der Kommunen nicht zur Eigeninitiative entschlossen hätten, um in 59 Gemeinden der Ämter Eiderstedt, Nordsee-Treene und Viöl sowie in Teilen der Städte Husum und Tönning ein Breitbandnetz aufzubauen – von Löwenstedt bis St. Peter-Ording.

          Jeder kann Anteile erwerben

          Zwar hat die deutsche Bundesregierung sich im Rahmen ihrer Breitbandstrategie zum Ziel gesetzt, dass bis zum nächsten Jahr mindestens 75 Prozent der Haushalte in Deutschland Übertragungsraten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen. Zwar verfügen nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie inzwischen mehr als 50 Prozent der Haushalte über Bandbreiten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde. Allerdings stehen diese Bandbreiten erst einmal nur auf dem Papier. Laut Daten des Netzwerkunternehmens Akamai hatten in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres gerade einmal 13 Prozent der Internetanschlüsse eine Geschwindigkeit von mehr als 10 Megabit pro Sekunde. Deutschland rangiert in dieser Rangliste auf Platz 22, hinter Ländern wie Tschechien, Rumänien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

          Weitere Themen

          Reißt Euch zusammen! Video-Seite öffnen

          Oxfam in Davos : Reißt Euch zusammen!

          Vor Beginn des Weltwirtschafsforums in Davos ruft Oxfam dazu auf, den Reichtum gerechter zu verteilen. Laut der Hilfsorganisation besitzen die 26 reichsten Menschen genau so viel, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

          Topmeldungen

          Pro Tempolimit : Freie Fahrt für die Vernunft

          Die Sachlage ist klar: Wo Geschwindigkeiten begrenzt werden, sinkt die Zahl der Verkehrstoten deutlich. Man muss es leider so drastisch sagen: Für den Kick einer Minderheit in PS-starken Limousinen müssen jedes Jahr Menschen sterben. Ein Kommentar.

          Vor Brexit-Abstimmung : Ihr Antrag setzt May unter Druck

          Die Labour-Abgeordnete Yvette Cooper will einen ungeregelten Brexit doch noch verhindern. Sie bekommt für ihren Antrag parteiübergreifend Unterstützung – aber nicht von Premierministerin May.

          Deutschland bei Handball-WM : „Das ist schon brutal“

          Die deutschen Handballspieler trotzen bei der WM allen Widrigkeiten. Bundestrainer Christian Prokop wirkt zwar geschafft, doch im Moment geht vieles auf, was er sich vorgestellt hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.