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Branchen (108): Medien : Das Ende der Sofakartoffel

Bild: F.A.Z.

Lässt sich mit Journalismus in Zukunft noch Geld verdienen? Der Großteil der Werbeinvestitionen fließt noch in die „alten“ Medien. Doch Verlage und Fernsehsender investieren ins Internet, um das Publikum nicht zu verlieren.

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          Der alte Mann mit der feinen Nase für gute Geschäfte hat kühne Pläne. Wenn der Verlag der legendären amerikanischen Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ erst mal ihm gehöre, fabulierte Medienmilliardär Rupert Murdoch, würden möglicherweise die Rechercheergebnisse des einflussreichen Finanzblatts nur noch im Internet publiziert. Zeitungen dagegen seien umständlich. „Keine Druckereien, kein Papier, keine Lastwagen mehr“, schwärmte der Medienunternehmer, dem auch die Londoner „Times“ und das britische Boulevardblatt „Sun“ gehören.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der 76 Jahre alte Medienavantgardist Murdoch hat das „Journal“ letztlich bekommen. Fünf Milliarden Dollar bezahlte sein Konzern News Corp, der weltweit Fernsehsender, Zeitungen und das Hollywood-Studio Twentieth Century Fox kontrolliert. Das Anfang August vereinbarte Geschäft machte nicht nur wegen der freimütig geäußerten Gedankenspiele des neuen Eigentümers Schlagzeilen. Murdoch gilt als wenig zimperlich, wenn es darum geht, aus geschäftlichen Interessen Einfluss auf die Redaktionen zu nehmen.

          Ein Fanal für den Ausverkauf des Qualitätsjournalismus?

          Ist der Verkauf der Zeitungsikone ein Fanal für den Ausverkauf des Qualitätsjournalismus, fragten viele Beobachter bang. Das „Journal“ gibt es - bisher jedenfalls - immer noch am Zeitungsstand zu kaufen. Dennoch fügen sich die Nachrichtenschnipsel der vergangenen Monate zum Gesamtbild einer verunsicherten Branche. Beispiel Deutschland: In München steht das auflagenstärkste überregionale Abonnementblatt, die „Süddeutsche Zeitung“, zum Verkauf. Über Jahrzehnte hinweg haben die Familieneigner ihrer Tageszeitung die Treue gehalten, jetzt wollen sie Kasse machen. Schlagen Finanzinvestoren - landläufig als „Heuschrecken“ verschrien - zu? Der von der Redaktion als Gastautor ins Blatt geholte Philosoph Jürgen Habermas forderte in der „Süddeutschen“ jedenfalls schon mal die öffentlich subventionierte Tageszeitung, wie sie in Frankreich praktiziert wird: „Es ist kein Systemfehler, wenn der Staat versucht, das öffentliche Gut der Qualitätszeitung im Einzelfall zu schützen“, findet Habermas.

          In der Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 sind die Finanzinvestoren schon angekommen. Die Beteiligungsgesellschaften Permira und KKR haben das Unternehmen vergangenen Dezember zu einer Bewertung von 5,9 Milliarden Euro gekauft. Der größte deutsche Privatfernsehkonzern hält neuerdings einen Chefsprecher für seine Nachrichtensendungen - den sogenannten Anchorman - für entbehrlich. Der kriselnde Hauptkanal Sat.1 feuerte mit Thomas Kausch sein „Nachrichtengesicht“. Nur noch „Controller-Fernsehen“ sei das, jammert der frühere Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski.

          Zukäufe haben nichts mit Journalismus zu tun

          Lässt sich mit dem Produkt Journalismus in Zukunft überhaupt noch Geld verdienen? Deutsche Großverlage wie Holtzbrinck (“Handelsblatt“, „Zeit“), Springer (“Bild“) und Burda (“Focus“) haben in den vergangenen Monaten kräftig investiert. Fast im Wochentakt melden etablierte Medienunternehmen frisch erworbene Beteiligungen an hoffnungsvollen Neugründungen. Ähnlich wie während des Internetbooms macht sich wieder Goldgräberstimmung breit. Die hohen Verluste, die viele Verlage während der ersten Welle der Interneteuphorie erlitten haben, scheinen vergessen.

          Doch dieses Mal haben die größten Zukäufe der Printkonzerne mit traditionellem Journalismus oft wenig zu tun. Holtzbrinck etwa ließ sich zu Jahresanfang die Übernahme von StudiVZ kolportierte 85 Millionen Euro kosten - ein damals erst wenige Monate altes Unternehmen, das im Internet eine Art Kontaktbörse für Studenten geschaffen hat. Die Geschäftsidee ist wie viele andere Online-Investitionen deutscher Medienunternehmen von amerikanischen Vorbildern abgekupfert. Im Fall von StudiVZ stand die Plattform Facebook Pate.

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