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BKA-Studie zur Cyberkriminalität : Erpressung im Internet nimmt zu

  • -Aktualisiert am

Auch die Abhöraffären haben zur stärkeren Nutzung von Diensten zur Verschlüsselung und Anonymisierung beigetragen Bild: dpa

Mehr als die Hälfte der Internetnutzer sind bereits Opfer von Cyberkriminellen geworden. Kein Wunder, dass immer mehr auf Mails und Online-Banking verzichten. Wo die Risiken liegen und warum die Täter kaum aufzuspüren sind.

          Die Internetkriminalität ist weiter auf dem Vormarsch. Zu diesem Schluss kommt das Bundeskriminalamt (BKA) in seinem neuesten „Lagebild Cybercrime“. Aus diesem geht hervor, dass 55 Prozent der Internetnutzer schon Opfer von kriminellen Vorgängen geworden sind. BKA-Präsident Jörg Ziercke sagte am Mittwoch in Berlin, zugenommen habe im vergangenen Jahr vor allem die Zahl der Fälle von Computersabotage und Erpressung von Internetnutzern. Auch würden Handys zunehmend in sogenannte Bot-Netze eingebunden, mit denen über Computer nichtsahnender Nutzer massenhaft unter anderem Spam-Mails verschickt werden. Sichergestellt wurden auch erstmals Bitcoins von Waffen- und Drogenhändlern.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Diebstahl von Passwörtern (Phishing) habe ebenfalls ein „Comeback“ erlebt – insbesondere im Online-Banking. Zunehmend werde von Kriminellen Schadsoftware auch auf Mobiltelefone geschleust. So könnten Kurznachrichten (SMS) mit Transaktionsnummern für Banküberweisungen (mTAN) abgefangen werden. Im vergangenen Jahr gab es rund 4.100 solcher Phishing-Angriffe. Das ist aber vergleichsweise wenig, da insgesamt rund 50 Millionen Deutsche ein Online-Girokonto besitzen. Der Schaden belief sich auf 16,4 Millionen Euro. Das ist bei 2,5 Milliarden Überweisungen im Jahr nur ein sehr geringer Betrag.

          Insgesamt registrierte die Polizei im Jahr 2013 mit rund 64.000 Delikten zwar nur einen Anstieg der Internetdelikte um 1 Prozent. Ziercke rechnet aber damit, dass elfmal so viele Straftaten nicht angezeigt werden; es gebe ein erhebliches Dunkelfeld. Auch konnte nach seinen Angaben nur ein Viertel der Vergehen aufgeklärt werden. Unternehmen warf Ziercke vor, sie verständigten zu selten die Behörden, wenn sie angegriffen würden. Selbst technische Laien könnten mittlerweile im Internet in einer speziellen „Untergrundökonomie“ das Werkzeug für digitale Straftaten kaufen.

          Verschlüsselung von E-Mails und Dateien nimmt zu

          Immer mehr verlagere sich der Datenverkehr von Straftätern, die etwa massenhaft mit Kreditkartennummern und Millionen von gestohlenen Identitäten handelten, in das „Deep Net“. Dort würden die Kommunikationsdaten durch sogenannte Tor-Server verschlüsselt und könnten von den Behörden kaum noch aufgespürt werden. Ziercke bedauerte, dass die Fahnder kaum auf Verbindungsdaten zugreifen könnten, seit die Vorratsdatenspeicherung gekippt wurde. Wechselnde Netzadressen (IP), eine Art Telefonnummer im Internet, ließen sich aber schon nach zwei Wochen nicht mehr zuordnen. Mit zunächst drei Banken hat das BKA daher ein gemeinsames „Frühwarnsystem“ gestartet, um in Echtzeit auf Attacken reagieren zu können.

          Die Angst, Opfer einer Straftat im Internet zu werden, führt auch dazu, dass immer mehr Internetnutzer auf bestimmte Dienste verzichten. Vertrauliche Dokumente schickt die Hälfte nicht mehr per Mail, ein Drittel verzichtet aufs Online-Banking und ein Viertel auf das Einkaufen im Internet. Dabei achten die Nutzer selbst auf ihren Schutz: Nahezu alle Nutzer benutzen ein Antivirenprogramm und eine sogenannte Firewall, die den Zugriff auf das System von außen verhindern soll.

          Eine andere Entwicklung kommt langsam aus einer Nische heraus: die Verschlüsselung von E-Mails und Dateien. Rund 15 Prozent der Internetnutzer verschlüsseln ihre E-Mails und Dateien – noch vor einem Jahr waren es nur 5 Prozent. „Die stärkere Nutzung von Diensten zur Verschlüsselung und Anonymisierung ist eine direkte Folge der Abhöraffären“, sagte Bitkom-Präsident Dieter Kempf.

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