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Bitkom-Präsident Scheer : „Reichtum ist keine Schande“

  • Aktualisiert am

„Wir müssen junge Menschen für die IT begeistern” Bild: Jan Roeder - F.A.Z.

Der neue Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer über fehlende Ingenieure in Deutschland, wahre Pioniere unter den Unternehmern und seinen Weg vom Professor zum Multimillionär - das Interview.

          5 Min.

          Seit acht Tagen ist der Gründer und Aufsichtsratsvorsitzende des Software-Unternehmens IDS Scheer August-Wilhelm Scheer Präsident des Verbands der deutschen IT-Branche Bitkom. Das 1984 gegründete Unternehmen beschäftigt 2800 Angestellte und erzielt einen Umsatz von 354 Millionen Euro. Außerdem berät Scheer die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Innovationsrat. In der Zeit, die ihm dann noch bleibt, spielt Scheer Saxophon.

          Herr Scheer, gehen uns die Ingenieure aus?

          In einigen Bereichen ist der Markt tatsächlich angespannt.

          „Wir müssen für unternehmerisches Denken an den Universitäten sorgen”
          „Wir müssen für unternehmerisches Denken an den Universitäten sorgen” : Bild: Jan Roeder - F.A.Z.

          Die Arbeitgeber klagen, der Mangel an Fachkräften gefährde den Aufschwung. Steckt dahinter mehr als die übliche Verbandspropaganda?

          Das ist keine Propaganda. Allein bei uns in der IT-Branche fehlen 20.000 Fachleute. In zwei von drei Unternehmen wird dadurch das Geschäft behindert. Dieser Engpass muss behoben werden, weil unsere Branche andere Wirtschaftszweige antreibt.

          Und weil Sie es versäumt haben, junge Ingenieure heranzuziehen, sollen die jetzt aus Indien und China importiert werden?

          Zuwanderung ist nur ein Aspekt. Zunächst müssen wir junge Menschen stärker für die Informationstechnik begeistern. Als Konsumenten wissen sie die ja durchaus zu schätzen: Sie nutzen jeden Tag einen iPod oder ein Handy. Zweitens müssen wir die Frauen für die Branche gewinnen; ihr Anteil liegt im Informatikstudium bei nur 15 Prozent. Drittens müssen wir durch eine bessere Betreuung die Studienabbrecherquote von derzeit 50 Prozent drastisch senken. Und weil das nicht reicht, müssen wir die Zuwanderungspolitik ändern; aus liberaler Überzeugung wie aus opportunistischen Gründen, um den Mangel an Fachkräften zu decken.

          Welche Gesetze wollen Sie ändern?

          Ausländische Arbeitnehmer müssen derzeit mindestens 85 000 Euro verdienen, damit sie nach Deutschland ziehen dürfen. Diese Grenze ist viel zu hoch, das entspricht dem Gehalt für hochqualifizierte Spezialisten. Die interessieren sich aber nur selten für Deutschland. Bessere Chancen hätten wir bei jungen Leuten, die sind mobiler.

          Studienanfänger aus dem Ausland werden Sie kaum anlocken, solange die nach dem Hochschulabschluss nur bleiben dürfen, wenn sie 85 000 Euro verdienen.

          Exakt. Die Absolventen würden schon gerne nach Deutschland kommen und so viel verdienen. Nur zahlt das keiner. Man sollte deshalb das Einstiegsgehalt eines Akademikers als Maßstab nehmen. Die 40 000 Euro, die Ministerin Schavan ins Spiel gebracht hat, sind ein vernünftiger Vorschlag.

          Warum soll der Zuzug überhaupt am Gehalt hängen - und nicht an der Qualifikation?

          Konsequent wäre das, da stimme ich Ihnen zu. Wenn es einen großen Mangel an Personal gibt, bin ich dafür, auf die Grenze zu verzichten. Solange die freilich beim Einstiegsgehalt eines Akademikers liegt, schadet sie auch nicht. Das ist wie ein Mindestlohn, der unterhalb des Marktpreises liegt. Das tut nicht weh. Können Sie uns erklären, warum Sie unbedingt aus dem Ausland Fachkräfte anwerben müssen, solange 50 000 Ingenieure in Deutschland arbeitslos sind, wie der DGB kritisiert?

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