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Berliner Verlag : Rendite mit Schlagzeilen

  • -Aktualisiert am

Neuer Herr im Haus: David Montgomery Bild: AP

Erstmals geht eine deutsche Zeitung in die Hände ausländischer Beteiligungsgesellschaften. Investoren sehen Zeitungen als „klassische Cash-Cows“. Der Haken daran: Die Wachstumsmöglichkeiten sind eingeschränkt.

          Sie hatten Leitartikel geschrieben, Anzeigen geschaltet und vor Ort protestiert. Doch am Ende war der Widerstand vergeblich: Unbeeindruckt von dem Aufschrei der Politiker, Autoren, Wissenschaftler, Gewerkschafter und Redakteure hat der Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern seinen Berliner Verlag an die angloamerikanischen Finanzinvestoren David Montgomery und Veronis Suhler Stevenson (VSS) verkauft. Für schätzungsweise 150 bis 180 Millionen Euro wechseln die "Berliner Zeitung", das Boulevardblatt "Berliner Kurier" und das Stadtmagazin "Tip" den Besitzer.

          Damit geht erstmals eine deutsche Zeitung in die Hände ausländischer Beteiligungsgesellschaften. Interesse daran hatte die Private-Equity-Branche schon länger. So buhlte die britische 3i vergeblich um die Frankfurter Rundschau, der amerikanische Investor Hellman & Friedman hält eine Minderheitsbeteiligung am Axel Springer Verlag und britische Investoren wie Advent oder Candover bekunden öffentliche ihr Interesse an Presseunternehmen. "Wir sprechen mit Verlegern und Eigentümern von Zeitungen", sagt Jens Tonn, Deutschland-Chef von Candover.

          Berater: 20 Prozent Rendite bei guten Verlagen

          Doch was macht die in den vergangenen Jahren nicht gerade als Wunderkind angesehene Zeitungsbranche so attraktiv für die renditehungrigen Beteiligungsgesellschaften? Für Gerd Schulte Hillen ist der Fall klar. Der ehemalige Gruner + Jahr-Vorstand und Aufsichtsratschef von Bertelsmann wurde von seinem guten Bekannten, dem VSS-Gründer John Veronis, für den Aufsichtsrat gewonnen. Montgomery und VSS stünden nicht für inkompetentes Sparen, sondern wollten die Abläufe optimieren, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ob das einen Stellenabbau bedeuten kann, blieb aber offen. Zudem sollten der Zeitung neue Umsatzquellen erschlossen werden und es gebe das strategische Ziel, eine Regionalzeitungskette aufzubauen.

          Daß sich im deutschen Tageszeitungsgeschäft durchaus gutes Geld verdienen lasse, zeigten die Beispiele vieler Regionalzeitungen, sagt Gernot Wunderle von der auf Medien spezialisierten Unternehmensberatung Goetzpartners. "Die guten Verlage erwirtschaften alle eine Rendite von 15 bis 20 Prozent, manche liegen sogar darüber." Das Hauptinteresse der Investoren liege in dem dank der hohen Abonnentenquote stabilen Mittelzufluß von Tageszeitungen. Beteiligungsgesellschaften lieben nämlich Branchen, die einen stetigen und risikoarmen Rückfluß der eingesetzten Mittel garantieren. Wer beim Einstieg rund 50 Prozent des Kaufpreises mit Fremdkapital bezahle, könne eine gute Rendite erzielen, meint Wunderle. Insofern sehen Beteiligungsgesellschaften Zeitungen als "klassische Cash-Cows".

          Verlegerlandschaft noch extrem zersplittert

          Der Haken daran: Die Wachstumsmöglichkeiten für Tageszeitungen sind eingeschränkt, der Wert ist somit schwerlich zu steigern - es sei denn durch Zukäufe. Denn in Deutschland ist die Verlegerlandschaft noch extrem zersplittert, es gebe also Chancen für Zusammenschlüsse. Genau diese Strategie haben ausländische Beteiligungsgesellschaften in der Vergangenheit schon öfters verfolgt.

          Die auf das Thema Medien spezialisierte amerikanische VSS, die einen 1 Milliarde Dollar schweren Fonds besitzt, formt derzeit beispielsweise in Amerika eine Privatradiokette namens Riviera Broadcast Group. Und Candover kreierte zwischen 1998 und 2002 mit der Regional Independent Media in Großbritannien eine Regionalzeitungsmarke.

          Eigentümer schon heute oft renditeorientiert

          In Kontinentaleuropa dagegen haben sich die Beteiligungsgesellschaften bislang kaum in der Presselandschaft umgetan. Die große Ausnahme ist Carlyle, die für ein paar Jahre eine Beteiligung von 40,2 Prozent an der französischen Zeitung "Le Figaro" besaß. Doch der Auftakt für ein massenhaftes Interesse der Finanzinvestoren an deutschen und europäischen Tageszeitungen ist der Kauf des Berliner Verlags keinesfalls. Nicht, weil es an Investoren mangelte. Zwar gibt es nur wenige Fonds, die wie VSS, Montgomery oder die Londoner GMT ausschließlich auf Medien und Telekommunikation spezialisiert sind. Doch breit aufgestellte Beteiligungsgesellschaften wie Permira, CVC oder Apax würden hier im Zweifel auch zugreifen. Allein: es fehlt an Gelegenheiten. "Es gibt einfach zu wenige Zeitungen, die zum Verkauf stehen. Und wenn, dann verkaufen Verleger vorzugsweise an Verleger", sagt Horst Röper, Chef des Medienforschungsinstituts Formatt in Dortmund. "Ich glaube daher nicht daran, daß Montgomery seine Zeitungskette verwirklichen kann."

          Die tiefsitzenden Ängste der Belegschaft des Berliner Verlags, die redaktionelle Unabhängigkeit und Qualität werde nicht gewahrt, teilt Röper nicht ganz. "Wenn Montgomery mit dem eisernen Besen kehrt, wäre die Chance geringer, weitere Zeitungen zu kaufen." Im übrigen werde so getan, als stünde in der deutschen Tageszeitungslandschaft alles zum Besten. "Es gibt aber auch heute schon eine ganze Reihe von sehr renditeorientierten Familieneigentümern, die lieber einen guten Schnitt machen, als in Qualität und Unabhängigkeit zu investieren."

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