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Benq-Insolvenz : „Eine Schließung wäre billiger gewesen“

  • -Aktualisiert am

Ende einer „idealen Ergänzung”: Proteste vor der Siemens-Zentrale Bild: dpa

Nachdem der neue Eigentümer Benq das Aus der ehemaligen Siemens-Handysparte angekündigt hat, wehrt sich der deutsche Konzern gegen Vorwürfe einer Verschwörung. Über die rechtlichen Aspekte herrscht aber noch großes Durcheinander.

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          Die Hoffnung der Siemens-Vorstände, daß das unrühmliche Kapitel der Mobiltelefonfertigung ein für allemal abgeschlossen ist, hat sich jäh zerschlagen. Mit dem Insolvenzantrag von Benq Mobile am vergangenen Freitag rücken die Managementfehler, die zum Niedergang des Geschäfts geführt haben, und die hohen Verluste wieder in den Blickpunkt. Das Schlimmste an der Misere: Mehr als 3000 Arbeitsplätze in München, Kamp-Lintfort und Bocholt sind gefährdet. Politiker mehrerer Parteien und Gewerkschafter fordern deshalb von Siemens, für eine berufliche Zukunft der Frauen und Männer in der abgegebenen Mobilfunksparte zu sorgen. Der neue Eigentümer, der taiwanische Konzern Benq, steht zwar auch in der Kritik. Doch Taipeh ist weit weg. Wie soll das ferne Unternehmen für Arbeitsplätze hierzulande verantwortlich gemacht werden?

          Siemens wird mit einer Verschwörungstheorie konfrontiert. Zusammengefaßt lautet sie: Das Unternehmen hat sein Handygeschäft im vergangenen Jahr an Benq abgegeben und den Taiwanern viele Millionen Euro gezahlt, damit sie die schmutzige Arbeit erledigen, nämlich die deutschen Werke zu schließen. Dank dieser „Abwrackprämie“ spare sich Siemens hohe Abfindungen und heftige Proteste.

          Heilfroh, das leidige Geschäft losgeworden zu sein

          Der Verdacht sorgt in dem Unternehmen für helle Aufregung. Angesichts der Debatte über 30 Prozent mehr Gehalt für die Vorstände und wegen des Umbaus und Stellenabbaus in der IT-Beratungssparte SBS ist die Unruhe derzeit ohnehin sehr groß. Raubtier-Kapitalismus wollen sich die Siemens-Manager, die für rund 160.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland verantwortlich sind, nicht ankreiden lassen.

          Insolvenzverwalter Prager (li.) und BenQ-Geschäftsführer Joos
          Insolvenzverwalter Prager (li.) und BenQ-Geschäftsführer Joos : Bild: ddp

          Nachfragen zum Mobilfunkgeschäft hat Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld in den vergangenen Monaten stets brüsk zurückgewiesen, mitunter ignoriert. Er war heilfroh, das leidige Geschäft losgeworden zu sein. Nun holt ihn die Vergangenheit ein, mehr noch seinen Vorgänger Heinrich von Pierer, jetzt Aufsichtsratsvorsitzender und als damaliger Konzernchef für die Misere mit den kleinen Telefonen verantwortlich.

          Keine genauen Zahlen von Siemens

          Die Empörung ist groß, zumal nun plötzlich mehr und mehr Details von Siemens zu erfahren sind. So sagte Finanzvorstand Joe Kaeser am Wochenende der Deutschen Presse-Agentur, eine Schließung des Mobiltelefongeschäfts hätte nach einer groben Schätzung alles in allem 250 Millionen bis 300 Millionen Euro gekostet. Die Abgabe der Sparte an Benq war jedoch viel teurer. Eine genaue Zahl gibt es von Siemens nicht, da zwischen Werten vor und nach Steuern, in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung des Unternehmens und als Zahlung an Benq unterschieden werden müsse. Außerdem stehen zwei Raten noch aus: 50 Millionen Euro an die deutsche Gesellschaft Benq Mobile und 117 Millionen Euro an Benq in Taiwan.

          In dem im Dezember 2005 veröffentlichten Geschäftsbericht von Siemens war jedenfalls ein Verlust aus der Abgabe der Mobilfunksparte von 546 Millionen Euro vor Steuern festgehalten worden, deutlich mehr, als Siemens zuvor angekündigt hatte. 413 Millionen Euro wurden davon direkt Benq zugeordnet. Die Taiwaner haben den größten Teil in den vergangenen Monaten bekommen: vor allem für das Marketing, für die Verlagerung der Produktplattform von Taiwan in das Werk nach Kamp-Lintfort, zur Absicherung gegen mögliche Patentstreitigkeiten und für den Aufbau eines europäischen Logistikzentrums in Kamp-Lintfort.

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