https://www.faz.net/-gqe-u8jf

Auslandsüberweisungen : Handy statt Bankkonto

Auch in den entlegensten Gebieten steht oft ein Mobilfunkmast Bild: AP

Mobilfunkanbieter entdecken ein neues Geschäftsfeld: Überweisungen per Handy. Was in Europa floppte, kann in Afrika oder Asien einen großen Markt finden. Denn dort haben viele kein Konto. Entwicklungshelfer sind begeistert. Doch Kritiker warnen vor Geldwäsche.

          5 Min.

          Geld per Handy überweisen. Die Technologie dafür gibt es schon lange. Doch hierzulande war sie ein Flop: „Wo immer diese Systeme in Westeuropa eingeführt wurden, waren sie ein Misserfolg“, sagt Nick Hughes von Vodafone. Es bestehe wenig Bedarf, Geld per SMS hin- und herzuschicken. Schließlich gibt es Geldautomaten und Internetbanking. Handyüberweisungen wurden damit zum überflüssigen Extra. Und trotzdem findet Vodafone die Technologie interessant. Sehr interessant sogar.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Mobile Banking“ oder „M-Banking“, wie es im Fachjargon heißt, hat seine Zielgruppe in Afrika, Asien, aber auch Osteuropa gefunden: arme Menschen, die häufig in abgelegenen Gegenden wohnen und kein Bankkonto besitzen. Viele haben schlicht keinen Zugang zu einer Bankfiliale, andere gelten als nicht „bankfähig“, wieder andere sind Analphabeten und nicht in der Lage, ein reguläres Bankkonto zu führen.

          Weder Sparbuch noch Bankkarte

          Zwar besitzen sie weder Sparbuch noch Bankkarte, trotzdem haben viele von ihnen inzwischen ein Handy. Allein in Afrika hat sich die Zahl der Mobilfunknutzer von 1999 bis 2004 etwa verzehnfacht. Nach Angaben der „International Telecommunications Union“ hatten 76,5 Millionen Afrikaner im Jahr 2004 Zugang zu mobilen Handydiensten; in vier Jahren werden es 250 Millionen sein, schätzt die Weltbank.

          Kein Sparbuch, keine Bankkarte - aber ein Handy
          Kein Sparbuch, keine Bankkarte - aber ein Handy : Bild: AP

          Hannah Siedek vom Weltbank-Ableger „Consultive Group to Assist the Poor“ (CGAP) sieht ein riesiges Potential für die Technologie: „M-Banking könnte ein Weg sein, um Menschen Zugang zu Bankdienstleistungen zu verschaffen, die früher nur Bargeld kannten“, sagt sie.

          Geld verschicken per SMS

          Prinzipiell funktioniert M-Banking so: Kunden schicken per SMS Guthaben auf ein fremdes Mobiltelefon. Auf diesem Wege übertragen sie Geld. In den meisten Fällen können die Empfänger des Guthabens dieses wiederum in Bargeld tauschen, zum Beispiel im Handyladen. Es gibt sogar vereinzelt die Möglichkeit, mit dem Handyguthaben direkt im Supermarkt einkaufen zu gehen.

          Selbst in entlegenen Dörfern in der dritten Welt, in denen es kein fließend Wasser, keine gepflasterten Straßen und schon gar keine Telefonanschlüsse gibt, steht häufig ein Mobilfunkmast. Oft sind es nur kleine Hütten oder Kioske, in denen sich „Handyläden“ etabliert haben - meist einfache Händler, die Prepaid-Karten für Mobiltelefone verkaufen. M-Banking könnte ihnen in Zukunft ermöglichen, zu kleinen „Ersatzbanken“ zu werden.

          Unzählige Pilotprojekte zum Thema Handybanking laufen derzeit schon in mehreren Entwicklungsländern. CGAP will in den nächsten vier Jahren 20 bis 30 solcher Pilotvorhaben subventionieren - mit Finanzhilfen von 100.000 bis 2 Millionen Dollar pro Einzelprojekt. Zielgruppe sind zum Beispiel Familien, die auf dem Land leben und von ihren Angehörigen in der Großstadt regelmäßig Geld geschickt bekommen.

          Das größte Potential sieht Hannah Siedek aber vor allem in der Möglichkeit, Auslandsüberweisungen per Handy zu tätigen. „Migranten, die im Ausland arbeiten und ihren Familien in der Heimat regelmäßig Geld schicken, sind eine vielversprechende Klientel“, sagt sie. „Zugleich sind die Zuhausegebliebenen sehr bedürftig.“ Nach offiziellen Zahlen sind im Jahr 2005 weltweit etwa 167 Milliarden Dollar per Auslandsüberweisung transferiert worden. Die Dunkelziffer ist aber riesig, schätzt die Weltbank. Laut Siedek könnte die wirkliche Zahl bei etwa 250 Milliarden Dollar jährlich liegen.

          Konkurrenz für Western Union und Co?

          Dabei sind Auslandsüberweisungen richtig teuer. Western Union Money Transfer, einer der Marktführer in diesem Bereich, verlangt nach Auskunft des Kundenzentrums rund 20 Euro Gebühren für eine Überweisung von 150 Euro von Großbritannien auf die Philippinen.

          Bei Globe Telecom, einem philippinischen M-Banking-Anbieter, gibt's die gleiche Dienstleistung für weniger als die Hälfte: Etwa 9 Euro kostet die Überweisung dort - der genaue Betrag ist abhängig von der Partnerbank, die der Kunde in Großbritannien aufsucht. Einziger Unterschied: Beim philippinischen Empfänger landet das Geld nicht auf einem Bankkonto, sondern als SMS auf dem Mobiltelefon. Eine Gefahr für die Etablierten? Western Union wollte dazu auf Anfrage nicht Stellung nehmen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.