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100 Jahre IBM : Das Geheimnis des langen Lebens

Fortschritt anno 1981: Der 5150 war der erste Personalcomputer aus dem Hause IBM Bild: dpa

An diesem Donnerstag wird der Technologiekonzern IBM hundert Jahre alt. Zum Erfolgsrezept gehört, sich auf Ideen und nicht nur auf Produkte zu konzentrieren. Der erste große IBM-Rechner war fast fünf Tonnen schwer.

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          Über die Vergänglichkeit des Erfolgs hat Sam Palmisano, der Vorstandsvorsitzende von IBM, erst vor kurzem gesprochen. Dabei zitierte er aus der Rede, die einer seiner Vorgänger zur 50-Jahr-Feier des Konzerns gehalten hatte: Thomas Watson junior rechnete damals vor, dass nur zwei der Top-25-Firmen Amerikas aus dem Jahr 1900 auch noch 1961 auf der Top-25-Liste standen; eines davon nur deshalb, weil es sechs andere Unternehmen von der Liste übernommen hatte. Zwei existierten gar nicht mehr, die übrigen 15 waren mittlerweile weit abgeschlagen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein halbes Jahrhundert später, war Sam Palmisanos Botschaft, sind die Verhältnisse ähnlich. Von den 25 Spitzenunternehmen, die zu Watsons Zeit die Fortune-500-Liste anführten, befanden sich 2010 nur vier immer noch dort. Was lerne man daraus? „Erfolg ist vergänglich“, sagte der IBM-Chef. Warum er der amerikanischen Technologie-Ikone schon ein ganzes Jahrhundert lang treu geblieben ist, fasste er in einem Satz zusammen, der wie eine Binsenweisheit klingt, aber offenbar doch ein Körnchen Wahrheit enthält: „Wenn du dauerhaften Erfolg haben möchtest, dann musst du auf langfristige Sicht entscheiden und langfristig angelegt handeln.“

          Gerade in einer kurzatmigen Branche wie der Informationstechnologie scheint das leichter gesagt als getan. Umso bemerkenswerter ist, dass es IBM nun schon seit hundert Jahren gibt. Die Lebensspanne von Computerfirmen stehe zu der von klassischen Industriebetrieben im selben Verhältnis wie die von Hunden zu der von Menschen, heißt es, zum Vergleich müsse man sie mit sieben multiplizieren. Wer diese Faustregel beherzigt, kann IBM nun in die gewöhnlich von bayerischen Brauereien angeführte Reihe jahrhundertealter Traditionsunternehmen aufnehmen.

          15 Meter lang, knapp 2,50 Meter hoch, fast fünf Tonnen schwer

          Die offizielle Unternehmensgeschichte des Konzerns reiht einen „Meilenstein“ an den nächsten, die bloße Aufzählung klingt wie eine ununterbrochene Erfolgsgeschichte. Gegründet wurde das Unternehmen am 16. Juni 1911 unter dem Namen Computing Tabulating Recording Company. Mit 1300 Mitarbeitern konzentrierte es sich damals auf die Produktion von Lochkarten, kommerziellen Waagen und Uhren. Firmenpräsident Thomas Watson Senior weitete das Geschäft rasch aus und änderte den Namen 1924 in International Business Machines, also IBM.

          Schon sehr früh verstanden es Watson und IBM, mit aufsehenerregenden Projekten zu glänzen, die man als Vorläufer heutiger Technik betrachten kann. Die „IBM-Karte“ aus den zwanziger Jahren, eine stabile, rechteckige Lochkarte mit 80 Spalten, blieb jahrzehntelang der Branchenstandard für das Speichern und Aufzeichnen von Daten. Der Antarktisforscher Richard Byrd verwendete 1935 die Radiotype-Maschine des Unternehmens, um das Wort „Watson“ vom Südpol an ein Labor in New Jersey zu übertragen – eine frühe Form der E-Mail.

          Der erste große IBM-Rechner, der 1944 entwickelte Mark I, war die erste Maschine, die lange Berechnungen automatisch ausführen konnte. Er geriet üppig: 15 Meter lang, knapp 2,50 Meter hoch und fast fünf Tonnen schwer. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren punktete IBM mit Innovationen am laufenden Band. Die Schreibmaschine Selectric revolutionierte mit einem Schreibkopf in Form eines Golfballs das Schreibtempo, die auf Halbleiterchips basierende Computerfamilie System/360 beherrschte den Markt zwanzig Jahre lang. IBM-Entwickler erfanden den D-Ram-Speicher, die Magnetstreifentechnik für Kreditkarten, den Barcode, die Diskette. Nicht zu vergessen das Jahr 1981: „Mit dem IBM Personal Computer beginnt die PC-Revolution“, vermerkt die Firmenchronik.

          „Wir machen seit einem Jahrhundert genau dasselbe“

          Wie das mit Revolutionen aber so ist: Irgendwann sind sie zu Ende. Oder man verpasst sie. Auch das gehört zur Geschichte des Konzerns. Der PC wurde für IBM nicht zu dem Geschäft, das er hätte werden können – unter anderem, weil die Geräte mit einer lizenzierten Software von einem damals aufstrebenden Unternehmen namens Microsoft liefen. Und Anfang der neunziger Jahre stand IBM gar auf der Kippe: Nur ein Spar- und Sanierungsprogramm des damaligen Chefs Lou Gerstner rettete das Unternehmen vor Aufspaltung und Untergang.

          Seitdem hat sich der Konzern auf Dienstleistungen und Großrechner konzentriert. Sam Palmisano kaufte 2002 die Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers, die PC-Parte stieß er im Gegenzug zwei Jahre später komplett an Lenovo ab. Zur Tradition gehört also die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Oder? „Wir machen seit einem Jahrhundert genau dasselbe“, erwidert Palmisano, will das aber weniger auf Produkte gemünzt wissen als auf Prinzipien. Eines davon sei, für die Kunden innovative Lösungen zu schaffen.

          Existiert IBM auch in hundert Jahren noch?

          So argumentieren viele Hightech-Unternehmen: Apple, gegründet 1976 und später ebenfalls knapp an einer Pleite vorbeigeschrammt, verfolgt die Devise: Neueste Technologie in eleganter und einfach bedienbarer Form zu einem Premiumpreis. Sie gilt, ob es sich nun um PCs, Musikspieler, Smartphones oder Tabletcomputer handelt. Amazon, gegründet 1994, macht den Einkauf einfach: Was anfangs auf Bücher beschränkt war, gilt heute für eine breite Produktpalette. Dagegen haben es „produktgetriebene“ Unternehmen wie Dell oder Microsoft schwerer.

          Welches dieser Unternehmen noch in 100 Jahren existieren wird? Das Wirtschaftsmagazin „Economist“ schreibt Apple, Amazon und Facebook gute Überlebenschancen zu. Und Sam Palmisano glaubt, natürlich, an sich und seine Firma. „Ich mag den Gedanken“, sagt er, „dass wir auch 2061 und 2111 immer noch im oberen Bereich auf der Fortune-500-Liste stehen.“

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