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Twitter wird zehn Jahre alt : Wo fliegst du hin, blauer Vogel?

Ein Besprechungstisch in Twitters deutschen Büros. Bild: dpa

Twitter wird zehn Jahre alt. Doch der Abgesang auf den Kurznachrichtendienst ist so laut wie nie zuvor.

          Auf dem Schulhof der sozialen Netzwerke ist der Kurznachrichtendienst Twitter der Junge aus der Wissenschafts-AG, der auch in der Schülerzeitung mitarbeitet und im Debattierclub brilliert – und sich doch heimlich am meisten für das Leben der Prominenten interessiert. Er erfährt immer alles als Erster. Doch Twitter bleibt etwas einsilbig und fasst sich möglichst kurz. Dadurch ist er oft zu emotional, brüllt vorlaut herum und liegt schnell falsch. Von den anderen wird er immer skeptisch beäugt. Vielleicht ist er deshalb eher ein Eigenbrötler, dem es schwerfällt, Freunde zu finden.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Rund 320 Millionen Nutzer sind es aktuell auf der ganzen Welt. 12 Millionen Menschen nutzen den Dienst je Monat in Deutschland, teilte Twitter am Sonntag mit. Diese Zahl setzt sich zusammen aus den angemeldeten Twitter-Mitgliedern und Nutzern, die sich Tweets ansehen, ohne eingeloggt zu sein. Erstmals verließen im letzten Quartal mehr angemeldete Nutzer das Netzwerk, als neue hinzukamen. Ganz anders als die Schönheitskönigin Facebook, der alle neidisch hinterherschauen und mit der alle befreundet sein wollen. 1,6 Milliarden Nutzer hat sie, und es werden immer mehr. Sie ist geschwätzig und aufdringlich, und man weiß nie, ob man ihr vertrauen kann. Und aus dem Kindergarten kommt immer Snapchat herbeigerannt, wild und ungezähmt. Keiner versteht es so richtig, und trotzdem wissen alle: Aus dem wird mal ein ganz Großer, ein Klassenclown und Wunderkind zugleich. Kaum ein junges Technologie-Unternehmen wird mit dem Wort „Zukunft“ so in Verbindung gebracht wie Snapchat – und so hoch von Investoren bewertet.

          Twitter hat weder Geld noch eine Lobby

          Und Twitter? Hat weder Geld noch eine Lobby. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen zwar 2,2 Milliarden Dollar Umsatz gemacht, doch schwarze Zahlen gab es noch nie. Die Aktionäre sind ernüchtert, der Kurs dümpelt um die 20 Dollar herum. Das ist, wie wenn man ohne Markenklamotten und mit dem Biobutterbrot von Mama in die große Pause muss. Und selbst am Geburtstag, dem runden zehnten auch noch, hacken alle auf Twitter herum. Keine Zukunft, keinen Plan. Dabei hatte es alles, was ein Start-up aus dem Silicon Valley braucht: Technologie-Enthuasiasten als Gründer und den Anspruch total innovativ und neu zu sein.

          Und wie hat Twitter auf dem Schulhof für Aufsehen gesorgt: Flugzeugabstürze und Revolutionen live übertragen, Politikern und Prominenten eine Plattform gegeben, die ihnen eine so starke Nähe zu ihren Wählern und Fans geben, wie sie es nie zu träumen wagten. Raumfahrt wurde für alle erlebbar gemacht und Live-Kommunikation über Sportereignisse von Super Bowl bis Weltmeisterschaft möglich. Papst Franziskus nutzt es wie auch der amerikanische Präsident Barack Obama oder der Whistleblower Edward Snowden. Doch es gibt ein großes Problem für Twitter auf dem Social-Media-Schulhof: Schnelligkeit als größte Kompetenz reicht lange nicht mehr. Was bei Twitter zu finden ist, steht Sekunden später auf Facebook, weil sich die Nutzergruppen überschneiden. Während Twitter früher noch als unmittelbarer und ungefilterter als der Fotodienst Instagram wahrgenommen wurde, hat diese Rolle nun Snapchat übernommen – und es in Amerika schon geschafft, viel attraktiver für Werbekunden zu werden.

          Was Twitter für die nächsten zehn Jahre nutzen könnte sind paradoxerweise die wenigen Freunde, die noch da sind: Denn die sind treu. Sie sind Vielnutzer, ständig informieren sie sich und kommentieren alles. Und sie ärgern sich, wenn sich etwas ändern soll. Nun fühlte sich Twitters Vater, Gründer Jack Dorsey, sogar dazu verpflichtet, klarzustellen, dass Twitter mit seinen 140 Zeichen einsilbig bleibt. Wenn der Dienst es schafft, die Nutzer irgendwann so abhängig zu machen, dass sie Geld für den Service zahlen würden, könnte Twitter der neue Star auf dem Schulhof werden. Zum zehnten Geburtstag kann sich Twitter aber freuen, überhaupt noch mitspielen zu dürfen und nicht schon nebenan bei Myspace und StudiVZ zu liegen: auf dem Friedhof der sozialen Netzwerke.

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