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Virtuelle Realität : Wohin fliehst du?

Auch auf der diesjährigen CES gelang einigen Besuchern wieder die Flucht in eine virtuelle Realität Bild: AFP

Die Technik für die virtuelle Realität hat sich etabliert. VR-Brillen funktionieren anstandslos. Nur für welchen Zweck?

          Die Flucht in ferne Welten nimmt konkrete Formen an. Menschen brauchen nur ein Gerät, das aussieht wie eine zu groß geratene Skibrille. Statt eines Sonnenschutzes verdeckt bei Virtual-Reality-Brillen ein Bildschirm oder der eines Smartphones die Augen. Weil die Inhalte für das linke und das rechte Auge getrennt dargestellt werden, blickt man in eine andere dreidimensionale Welt, VR eben. Man kann sie sogar erkunden. Die Bewegung des Nutzers muss dann – meist noch per Kabel – an den Rechner übermittelt werden, der die Darstellung auf dem Bildschirm entsprechend anpasst.

          Der Ausflug hat allerdings seine Grenzen, er ist auf wenige Quadratmeter beschränkt. Ansonsten ist alles möglich, jede Welt denkbar, solange das Programm und der Prozessor mitmachen. Dennoch sucht die neue Gerätegattung nach Anwendungsszenarien. Dabei ist sie schon vier Jahre alt, wenn man die erste Version der Oculus Rift als Geburtsstunde setzt.

          Dieser Einsatz hat eine geringe Halbwertzeit

          Grundsätzlich lassen sich virtuelle Inhalte in zwei Kategorien aufteilen: real und fiktiv. Diese Unterscheidung mag trivial klingen, mit ihr lassen sich jedoch die VR-Erlebnisse und ihre Qualität gut einordnen. Wird ein beliebiger Urlaubsort auf die wenigen Quadratzentimeter des Displays projiziert, bleibt das Erlebnis darauf beschränkt, ein dreidimensionales Fotoalbum anzuschauen. Neu ist lediglich, dass der Zuhausegebliebene auf einen Blick den Strand auf Hawaii auch links und rechts sowie hinter sich sieht.

          So wirbt die Hotelkette Marriott etwa damit, dass sie Menschen vom „Big Ben nach Maui in 90 Sekunden“ transportiere und dies ein weiterer Weg sei, die Zukunft des Reisens zu gestalten. Doch genau dieser Einsatz der VR-Brille hat eine geringe Halbwertzeit, er erweitert lediglich einen Reisekatalog oder die Internetseite. Um den Ort zu erleben, muss man immer noch selbst hinfahren.

          Etwas anspruchsvoller, aber dennoch ähnlich in seiner Art, ist die Radtour eines Engländers durch seine Heimat vom südwestlichsten Zipfel bis hoch nach Nordschottland. Er saß dabei zu Hause auf seinem Heimtrainer, auf seinem Kopf eine VR-Brille, und tourte durch Google Street View. Ebenso körperbetont ist dieser Einsatz: Im Europapark Rust haben die Besucher im Alpenexpress und Pegasus eine Gear VR von Samsung auf. Während der Achterbahnfahrt spüren sie die echten Fliehkräfte, sehen aber eine Fantasiewelt, in der sie unterwegs sind.

          Brillen wie Oculus Rift etablieren sich als Therapiemittel

          Spannender ist die Darstellung von Orten, an denen die meisten Menschen so nie sein werden. Wenn ein Kletterer in der VR-App der New York Times die Zuschauer mit auf das neue One World Trade Center in Manhattan nimmt, bleibt die Erfahrung für die meisten Menschen einzigartig, weil man es „in Wirklichkeit“ nicht tun kann. Das gilt auch für das „Projekt 360“ des Schweizer Outdoor-Unternehmens Mammut. In einem VR-Video kann man die Eiger Nordwand virtuell besteigen. Zwei Bergsteiger haben ihren Aufstieg mit 360-Grad-Kameras gefilmt. Dadurch seien „zum ersten Mal in der Geschichte des Alpinismus interaktive Besteigungen möglich“.

          Zur Faszination kommt bei diesem Erlebnis die Angst, die den VR-Kick ausmacht. Da es viele Menschen gibt, denen es schon auf dem Fünf-Meter-Turm im Schwimmbad schwindelig wird, die also an Höhenangst leiden, könnten sich Brillen wie die Oculus Rift als Therapiemittel etablieren. Andreas Mühlberger von der Universität Regenburg und andere Therapeuten haben den Anfang gemacht. Das Unternehmen Deep Stream VR nutzt die Brille für ähnliche Zwecke. Posttraumatische Belastungsstörungen von Soldaten sollen ebenso behandelt werden wie die Angst vor Spinnen.

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