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Digitalkonferenz : Warum auch Roboter Gefühle haben

Der Robotik-Forscher Jürgen Schmidhuber mit einem seiner „kleinen Roboter“ Bild: F. Bieber

Dass Roboter eines Tages intelligenter sein könnten als der Mensch, macht vielen Angst. Doch nicht nur das: Künstliche Intelligenzen entwickeln auch Gefühle - aus einem bestimmten Grund.

          Wenn Jürgen Schmidhuber von seinen „kleinen Robotern“ spricht, klingt das beinahe zärtlich - wie ein stolzer Familienvater, der mit den Leistungen seines Nachwuchses angibt. Als er 1987 mit seiner Forschung anfing, wurde er belächelt, viele sahen in ihm einen „verrückten Tüftler“. Heute ist er ein gefragter Wissenschaftler. Schon damals wollte er eine künstliche Intelligenz erfinden, die schlauer ist als er und dann in Rente gehen. Seitdem ist er weit gekommen. „Wir sind aber noch nicht so weit, dass ich schon in Rente gehen kann“, sagt Schmidhuber.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch wie kann ein Mensch überhaupt etwas entwickeln, das schlauer ist als er selbst? Für Schmidhuber ganz einfach: „Die technische Evolution ist sehr viel schneller und gezielter als die biologische Evolution, die scheinbar recht blind alles Mögliche durchprobiert.“ Während die Natur Hunderte von Millionen Jahren brauchte, um auf den jetzigen Stand zu kommen, sei der Kern der Computertechnologie, die Rechenkapazität, alle fünf Jahre um den Faktor 10 verbessert worden. Schon 2041, also hundert Jahre nach dem ersten Computer, wird man relativ billig 10^20 elementare Operationen pro Sekunde ausführen können, so Schmidhuber. „Wahrscheinlich wesentlich mehr, als ein menschliches Hirn schafft.“

          Auf dieser Rechenkapazität basiert für den Robotik-Forscher die künstliche Intelligenz einer Maschine. Je besser und schneller ein Computer ist, desto mehr Faktoren kann er gleichzeitig ab- und vergleichen und so ein vollständiges Bild erstellen. Von einer generellen künstlichen Intelligenz sei man aber noch weit entfernt. Das sagt auch Microsoft-Chef Satya Nadella auf der Digitalkonferenz: „Der aktuelle Stand ist, dass Roboter die Welt simulieren und nachbilden können.“ Auch Microsofts Chatbot Tay, der dem Unternehmen viel Ärger einbrachte, arbeitete mit einem Abbild der Welt, die sich ihm auf Twitter bot - und wurde prompt zum Nazi. Der Weg dahin, dass künstliche Intelligenzen von Thema zu Thema springen könnten, sei noch lang, so Nadella, aber man habe schon wichtige Schritte unternommen.

          Seit Anfang der Neunziger arbeitet das Team um Schmidhuber mit dem sogenannten LSTM, dem „Long Short Term Memory“, einem Netzwerk, das auch Google Translate zugrunde liegt. Es handelt sich um eine Art Kunstgehirn, das in der Lage ist, Sequenzen in andere Sequenzen umzuwandeln - Sprachsignale in Text beispielsweise, oder Englisch in Französisch. Selbst wenn der Algorithmus, der diesem Sequenzabgleich zugrunde liegt, nicht mehr verbessert würde, wäre die Entwicklung der Intelligenz aufgrund der Lernfähigkeit des Netzwerks nicht mehr zu stoppen, ist sich das Team sicher.

          „Jetzt hat der Roboter Angst“

          Dass vielen genau dieser Gedanke Angst bereitet, kann der Wissenschaftler nicht verstehen. Er glaubt den vielen Dystopien nicht, die von einer Machtübernahme der künstlichen Intelligenz handeln. In etwa 25 Jahren wird das erste künstliche Gedächtnis (LSTM) genauso viele Verknüpfungen haben wie das menschliche Gehirn - nur dass die elektronischen Verbindungen sehr viel schneller funktionieren werden als die menschlichen. Dennoch bleibt der Informatiker optimistisch: „Aus der Perspektive einer künstlichen Intelligenz wäre es Unsinn, Menschen zu versklaven, wenn man doch viel schneller einen viel leistungsfähigeren Roboter bauen kann“, so Schmidhuber. „Wir versklaven ja auch nicht die Frösche.“

          Auch Microsoft-Chef Satya Nadella ist sich sicher, dass die Vorteile die Gefahren durch künstliche Intelligenz überwiegen. Die Robotik sei sogar dringend notwendig. „Wir brauchen technologische Durchbrüche, die das Wirtschaftswachstum ankurbeln“, so der Microsoft-Chef. Statt Angst zu haben, sei es viel wichtiger, dass Unternehmen der neuen und alten Industrie, sowie Regierungen, an einem Strang zögen, um die Menschen auf ihre künftige Arbeit vorzubereiten.

          Die meisten verfilmten Dystopien enden damit, dass Roboter einen Machtwillen oder Rachegefühle entwickeln und die Weltherrschaft anstreben. Und auch in der Realität haben Roboter Gefühle, so Schmidhuber. Immerhin müssten sie aufgrund ihrer fragilen Mechanik stets verhindern, dass sie sich anstoßen. Der Impuls, der mit einem ungewollten Zusammenstoß verbunden ist, kann demnach als eine Art Schmerzimpuls verstanden werden: Der Roboter wird versuchen, solche Situationen zu vermeiden. „Nur wenn ich merke, dass manche Handlungen schmerzhafte Folgen haben und meine Hardware zerstören, lerne ich, besser zu handeln“, so der Forscher. „Es ist die Natur der Intelligenz, dass man aus seinen Fehlern lernt.“

          Intelligenz und Gefühle liegen laut Schmidhuber demnach nah beieinander. Die IDSIA-Roboter verhalten sich schon so, als hätten sie Gefühle. Würde man einen von ihnen immer einer bestimmten Situation aussetzen, in der seine Hardware Schaden nähme, würde der Roboter daraus lernen. Künftig würde er versuchen, solche Erlebnisse zum umgehen. Sollte ein Mitarbeiter des Instituts beispielsweise einem Roboter jedes Mal, wenn er durch die Tür käme, Schaden zufügen, würde dieser beim nächsten Mal vielleicht Gesichtserkennung anwenden und sich hinter dem Vorhang verstecken, führt Schmidhuber als Beispiel an. „Man könnte dann sagen: Jetzt hat der Roboter Angst.“ Gefühle sind demnach nichts anderes als eine bestimmte Form der Intelligenz, die in erster Linie dem Selbsterhalt dient.

          Das ist die DLD

          DLD (Digital, Life, Design) ist eine dreitägige Konferenz von Hubert Burda Media in München, die sich seit der Gründung 2005 das Ziel gesetzt hat, die wichtigsten Personen und Ideen der „Digitalen Transformation“ zusammenzubringen, um die fundamentalen Veränderungen in unserer Gesellschaft zu begleiten und zu erklären. Der DLD 2017 blickt unter anderem auf künstliche Intelligenz, Mobility, Big Data, Future of Work, Security & Cyberwar.

          Steffi Czerny hat 2005 die DLD Conference gegründet und leitet den Bereich heute gemeinsam mit Ko-Geschäftsführer und DLD-Chefredakteur Dominik Wichmann. Das Team organisiert auch Konferenzen in New York, Tel Aviv und Brüssel. Die F.A.Z. ist Medienpartner der Konferenz in München und mit einem vierköpfigen Team vor Ort.

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