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DLD 2017 : Der Vogel kann das besser als die Lufthansa

  • -Aktualisiert am

Singschwäne (Cygnus cygnus), zu erkennen an ihren gelben Schnäbeln, stehen zusammen mit Wildgänsen am 03. Januar 2017 auf einem Acker in Brandenburg. Bild: ZB

Auch auf einer Digitalkonferenz dreht sich nicht alles um Zukunftstechnologien. Manchmal bringen auch Vogelbeobachter und Orgelbauer die versammelten Tech-Unternehmer weiter.

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          Yossi Leshem hat in seinem langen Leben schon einige Staatschefs getroffen, er hat also Übung im diplomatischen Umgang. Doch dann sitzt er in München auf der Bühne der Digitalkonferenz DLD und legt sich erst einmal mit den Sponsoren der Veranstaltung an. „Wir haben eine Maschine gebaut, die mit 120 Stundenkilometern von Deutschland bis nach Kapstadt fliegt, ohne einmal tanken zu müssen. Die keine Navigation braucht, nicht mehr als sieben Gramm wiegt und auf einer seit 60 Millionen Jahre entwickelten Technologie fußt.“ Da könnten die ganzen Lufthansas und Airbusse und wie sie alle hießen, die hier ihre Zukunftsvisionen präsentierten, einpacken. Dann hält Leshem ein Gerät hoch, einen Peilsender, den er an Vögeln festgemacht hat und mit denen er die Flugrouten von Millionen Vögeln nachverfolgen kann.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          In den drei Tagen der Konferenz kann man einiges lernen über künstliche Intelligenz und darüber, wie die Digitalisierung unser aller Leben verändert. Wer genau hinschaut, entdeckt aber auch scheinbar analoge, kaum digitalisierte Denkanstöße zum Umgang mit Technologie. Leshem ist einer von ihnen: Seit mehr als 45 Jahren untersucht der israelische Ornithologe die Wege von Zugvögeln und welche friedensstiftende Rolle sie im umkämpften Nahen Osten haben können.

          Vom Krieger zum Birdman

          Zweimal im Jahr fliegen 500 Millionen Vögel über den Nahen Osten. Wer nach Israel reist, kann schnell einmal 7000 abhebende Adler sehen. 600.000 Störche ziehen auf dem Weg nach Süden über Jordanien. Und 50.000 Pelikane machen in palästinensischen Gebieten Station, weil sie einmal in fünf Tagen Nahrung zu sich nehmen müssen. Die Vögel gehören also zur Lebenswelt dazu – Leshem hat dabei geholfen, sie zur Völkerverständigung zu nutzen. Neben ihm sitzt der ehemalige jordanische General Manour Abu Rashid, der noch in den neunziger Jahren im Krieg befehligt hat und heute ein „Birdman“, ein Vogelmann ist, wie er selbst sagt.

          Rashid weiß: Eine Regierung kann einen Friedensvertrag aushandeln. Funktionieren kann er aber nur, wenn er von der Gesellschaft umgesetzt wird. In ehemaligen Bunkern bringen sie deshalb jordanische, israelische und palästinensische Schüler, Bauern und Universitätsprofessoren zusammen, die sich über Vögel austauschen. So wie ein Vogel sich nicht um Pässe und Papiere auf seiner Reise schert, soll er verfeindete Gruppen zusammenführen. Dass Leute wie Leshem und Abu Rashid auf einer Digitalkonferenz sitzen, mag zunächst überraschen. Doch nutzten die Initiatoren des Programms „Natur kennt keine Grenzen“ die Digitalisierung schon vor Jahren für ihre Zwecke. Mehr als fünf Millionen Menschen besuchen regelmäßig die Internetseite birds.org.il, auf der man den Vogelzug verfolgen kann. Mit Hilfe der Datenanalyse habe das israelische Militär Kollisionen mit Vögeln drastisch reduzieren und damit Millionen Dollar sparen können. Nun arbeiten die Vogelforscher mit 30 anderen Ländern daran, einen Algorithmus zu entwickeln, um den Weg der Vögel per Radar noch besser nachzuvollziehen.

          Auf der DLD, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Medienpartner begleitet, findet sehr viel gleichzeitig statt und in schnellem Tempo. Wer sich nur eine Dreiviertelstunde vor eine Bühne setzt, kann die unterschiedlichsten Redner entdecken. Während die Vogelforscher unten über ihre Friedensmission reden, wird oben über die Wirkung von sogenannten „Social Bots“ und autonomem Fahren gesprochen. Doch genauso bekommt das Publikum Ratschläge zur Digitalisierung von einem, der wirklich nicht im Verdacht steht, für alles eine eigene App entwickeln zu wollen.

          Es geht nicht nur um Vereinheitlichung

          Philipp Klais führt ein Orgelbauunternehmen in vierter Generation. Sein Urgroßvater hat 1882 angefangen, Klais selbst leitet die Werkstatt seit 22 Jahren. Die Orgeln, die Klais mit seinen 65 Mitarbeitern baut, stehen im Kölner Dom, im Hamburger Michel oder der Elbphilharmonie. Im Nationaltheater von Peking oder dem Konzertsaal in Kuala Lumpur haben die traditionellen Handwerker sogar mehr als nur die Orgeln entworfen und angefertigt.

          Gar nicht digital: Ein Mitarbeiter von Philipp Klais prüft und justiert den Ton einzelner Orgelpfeifen der Orgel in der Elbphilharmonie.
          Gar nicht digital: Ein Mitarbeiter von Philipp Klais prüft und justiert den Ton einzelner Orgelpfeifen der Orgel in der Elbphilharmonie. : Bild: Daniel Pilar

          „Ich halte es für unheimlich wichtig, dass es eine Sehnsucht gibt von Menschen, direkt angesprochen zu werden“, sagt Klais im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eine Orgel in Texas müsse anders aussehen als eine in New York. Berlin habe eine andere Kultur als München. Sprache und Kulturlandschaft spielten eine große Rolle und beeinflussten unser ästhetisches Empfinden. „Es ist aber nicht nur wichtig, Feinheiten und Nuancen in Instrumenten einzuarbeiten, sondern das auch in der Digitalisierung nicht zu vernachlässigen.“

          Die Arbeit des Orgelbauers prägt Räume

          Klais ist überzeugt davon, dass den Menschen ihre Gefühle und Empfindungen am wichtigsten sind und sie deshalb nicht in allen Lebensbereichen eine Vereinheitlichung sehen wollen. Gerade mit Blick auf Fertigungsmöglichkeiten sei heute etwa im Digitaldruck eine Individualisierung kein Problem mehr. „Es ist ein Wechselspiel“, sagt Klais, „unser Leben und unsere Bedürfnisse beeinflussen auch die Digitalisierung, nicht nur umgekehrt.“ Auf der Bühne zeigt Klais eine Reihe von Bildern von den berühmtesten Konzertsälen der Welt. Er will damit verdeutlichen: Das findet nicht nur am Rande der Gesellschaft statt, seine Arbeit prägt Räume, die zur Identifikation der Stadtbewohner mit ihrem Lebensraum beiträgt. Mit Apps und digitalen Anwendungen sei das nicht anders. Bei aller Automatisierung dürfe man nicht aus dem Blick verlieren, dass nicht eine standardisierte Lösung für alle Nutzer die beste sei.

          Der Orgelbauer besucht zum ersten Mal die DLD und freut sich sehr darüber, sich mit Unternehmern aus ganz anderen Branchen zu unterhalten. Denn so entsteht eine offene Diskussion, die am Ende alle weiterbringt: ob analog oder digital.

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