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Digitalkonferenz DLD : Das Märchen vom schnellen Fortschritt

Schneckentempo: Noch nie entwickelte sich die Menschheit so langsam wie in den Zehner-Jahren. Bild: Illustration Holger Windfuhr

Die IT-Welt ist stolz auf ihre technischen Revolutionen. Dabei sind die wahren Errungenschaften ganz andere.

          7 Min.

          Zumindest gibt er sich ungebrochen optimistisch. In seiner jüngsten Neujahrsbotschaft schreibt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg: In zehn Jahren werde die Forschung so viele Krankheiten bekämpft haben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung um zweieinhalb Jahre gesteigert werde. Es ist ein ambitioniertes Ziel angesichts dessen, dass die Lebenserwartung in den reichen OECD-Staaten seit 2014 praktisch stagniert und in den Vereinigten Staaten zuletzt sogar gesunken ist.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es wäre nicht das einzige ambitionierte Ziel, das noch nicht erreicht ist. Am Ende der Zehner-Jahre steht eine ernüchternde Bilanz. Zwar haben Tech-Konzerne die Krone der Wirtschaftswelt errungen, sie stehen in den Ranglisten der wertvollsten Unternehmen weit vorn. Ihre Gründer haben Milliarden verdient und in Projekte investiert, welche die Menschheit insgesamt voranbringen sollten: in die Revolution der Mobilität, in die Raumfahrt, sogar in den Kampf gegen Krankheiten und die Verlängerung des Lebens.

          Die Rede von der „Disruption“ erfasste Mitte des Jahrzehnts auch alle anderen Branchen. Und dann ist da noch das Mooresche Gesetz, demzufolge sich die Rechenleistung von Prozessoren regelmäßig verdoppelt: Es werde dazu führen, dass Computer schlauer werden als Menschen und dass Menschen nicht mehr arbeiten müssen, zwar nicht mehr in diesem Jahrzehnt, aber doch bald – so prophezeiten es Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson in ihrem Buch vom „zweiten Maschinenzeitalter“.

          Tatsächlich entwickelte sich vieles deutlich langsamer oder noch gar nicht. Ja, Smartphones wurden immer mächtiger, und Autos können inzwischen öfter mal selbständig bremsen. Doch selbst fahren sie noch lange nicht. In den entwickelten Ländern, die sich an der Front des medizinischen Fortschritts befinden, stagniert die Lebenserwartung. Computer werden zwar immer noch schneller, doch jede weitere Beschleunigung fällt den Ingenieuren immer schwerer – das Mooresche Gesetz gilt nicht mehr. Im vergangenen Jahr zeigte eine sorgfältige Analyse des wissenschaftlich-technischen Fortschritts: Noch nie entwickelte sich die Menschheit so langsam wie in den Zehner-Jahren.

          Patente verlieren an Qualität

          Die Ökonomen Tyler Cowen und Ben Southwood haben den Fortschritt nach allen Regeln der Kunst analysiert. Ein Beispiel: Zwar wächst die Zahl der Patente – aber das ist nur der erste Schritt. Neue Methoden erlauben es zu analysieren, ob ein Patent nur eine Selbstverständlichkeit absichert oder aber einen richtigen Durchbruch beinhaltet. Demzufolge war die Qualität der Patente zwar in den neunziger Jahren auf einem lokalen Höhepunkt, ist seitdem aber wieder deutlich gefallen. Das ist kein Wunder, denn Cowen und Southwood stellen auch fest: Bis eine grundlegende Innovation zur Technik beitragen kann, braucht es immer mehr und immer ältere Leute, die immer länger vorher gelernt haben.

          In der Landwirtschaft wirken viele Technologien zusammen – um ihre Erträge zu steigern, braucht sie Fortschritte in der Biologie, den Materialwissenschaften, der Informationstechnik, selbst in den Wettervorhersagen. Doch die Erträge stagnieren in vielen Regionen der Erde, zum Beispiel die für Reis in Ostasien und die für Weizen in Nordwesteuropa.

          Wo es noch Fortschritt gibt, ist dafür immer mehr Personalaufwand nötig. Und wenn die Menschheit sich dem Zustand annähern möchte, dass sie künftig weniger arbeitet, dann müsste dazu die sogenannte Produktivität wachsen: Dann müssten mit jeder Arbeitsstunde immer mehr Güter und Dienstleistungen produziert werden. Doch die Produktivität wächst ebenfalls so langsam wie seit Jahrzehnten nicht, selbst in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lag das Wachstum höher.

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