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Digitalisierung : Retten wir jetzt die Welt?

Neue Energie für die Weltrettung: Mark Zuckerberg, seine Frau Priscilla Chan und ihre neu geborene Tochter Max. Bild: AP

Die Digitalisierung verheißt uns eine leuchtende Zukunft voller Gesundheit, Glück und Freizeit. Kann sie dieses Versprechen einlösen?

          Wenn die Heilspropheten der digitalen Welt sprechen, dann verheißen sie uns eine strahlende Zukunft. Es geht gerade erst los. Großcomputer spielen mit uns in Quizshows: nett anzuschauen. Facebook und Whatsapp verbinden uns ständig mit der aktuellen Familie und den alten Bekannten: ja, schon in Ordnung. Google und Wikipedia vermitteln uns in Sekundenschnelle das Wissen der Menschheit, wo immer wir gerade sind: nicht ganz schlecht. Aber damit beginnt doch alles erst. Die Digitalisierung fegt Diktatoren aus ihren Sesseln. Und sie rettet Leben. Autos vermeiden Unfälle, weil sie sich selbst steuern, anstatt das fehleranfälligen Menschen zu überlassen. Schnelle Genanalysen erkennen Krankheitsrisiken und erlauben Abhilfe. Mark Zuckerberg verspricht seiner neugeborenen Tochter Großes: „Du oder deine Kinder werden eine Welt ohne Krankheiten erleben.“

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass man solche Phantasien nicht in den Behandlungszimmern von Psychiatern, sondern in Chefetagen von Konzernen hört, ist schon an sich erstaunlich. In den vergangenen Jahrzehnten hat es die Menschheit geschafft, ihre Wirklichkeit in Zahlen zu packen – und sie hat Rechenmaschinen entwickelt, die diese Zahlen zu Wissen, Rat und Lebenshilfe verarbeiten. Diese Digitalisierung hat die Welt verändert. Kommt noch mehr?

          David Agus ist Arzt. Seit Jahren forscht er in den Vereinigten Staaten an Wegen, eine der wichtigsten Todesursachen der Welt zu bekämpfen: Krebs. In den Hügeln von Beverly Hills sucht er mit der Hilfe schlauer Datenanalysen nach Wegen, für Patienten eine persönliche Krebstherapie anzubieten. In San Diego hat er ein Start-up gegründet, das Millionen menschlicher Proteine analysieren soll, um Krankheiten genauer zu diagnostizieren.

          Doch nicht nur die Digitalisierung selbst soll Leben retten. In ihrem Windschatten gedeihen Genanalyse und Elektroautos. Flüchtlings-Integration soll mittels Apps einfacher funktionieren. Selbst mit dem Geld, das die Digitalisierung einspielt, soll die Welt verbessert werden. Von jetzt an arbeitet Facebook auch für das Gemeinwohl, verspricht Mark Zuckerberg: Er will alle seine Aktien wohltätigen Zwecken spenden. Sein Vorbild: Microsoft-Gründer Bill Gates und seine Frau. Sie spenden seit Jahren mit ihrer Stiftung Geld – und selbst Entwicklungshelfer geben zu: Wenn die Menschheit heute Aids halbwegs unter Kontrolle hat, dann liegt das auch am Ehepaar Gates: an seinen Milliarden, an seinem rationalen Investitionsstil und an seiner Neigung, den Erfolg in Zahlen auszuwerten. Auch so bekämpft man Fluchtursachen.

          Inzwischen arbeitet die staatliche Entwicklungshilfe mit Gates zusammen. Die deutsche GIZ kooperiert mit der Stiftung und mit dem Software-Konzern SAP, um Cashew-Bauern in Afrika wettbewerbsfähiger zu machen. „Die Gates-Stiftung denkt eher wie ein Start-up als wie staatliche Verwalter“, sagt GIZ-Manager Ulrich Sabel-Koschella. Doch: Nicht alles geht mit der Gates-Stiftung. „Sie ist sehr technologiegläubig“, sagt der traditionelle Entwicklungshelfer. Manchmal bringt sie ein tolles Verhütungsmittel ins Land - aber denkt nicht daran, dass man die Menschen auch davon überzeugen muss, es zu nehmen.

          Die Pläne sind groß, die Erfolge überschaubar

          Damit ist eines der größten Probleme der Digitalisierung beschrieben. Die Pläne sind groß, die Erfolge in der Wirklichkeit überschaubar.

          Nur selten gelingen Erfolge wie der gegen Aids. Speziell in San Francisco und im Silicon Valley sitzen Start-ups, die Autos zu Mitfahrgemeinschaften machen, Essen nach Hause liefern oder Blumensträuße für den Partner besorgen. Ehemalige Studenten erfinden Unternehmen, die das erledigen, was Mama nicht mehr tut - anstatt Dinge zu tun, die Mama stolz machen, wie der Autor Andrew Yang ätzt. Von den Versprechen der Digitalisierung ist nur ein kleiner Teil eingelöst. Selbst Facebook kämpft noch mit so einfachen Dingen wie der Frage, welche Beiträge unserer Freunde gerade am weitesten oben stehen sollen. Viele große Probleme der Menschheit bleiben ungelöst.

          Evgeny Morozov vermutet dahinter ein System. Der Publizist erkennt in den Heilspropheten der Digitalisierung eine Art Größenwahn, er nennt ihn „Solutionismus“: der Glaube, alle komplexen sozialen Probleme ließen sich in Zahlen fassen und hätten dann berechenbare Lösungen, so dass sich das Leben regelrecht optimieren lässt.

          Enorme Fortschritte – schon bis Ende nächsten Jahres

          Aber ist es nicht genau so? Am Massachusetts Institute of Technology vertreten die Forscher Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson diese These: Die Digitalisierung schafft fast alles, wenn sie nur genügend Zeit bekommt. Die beiden argumentieren mit dem alten Mooreschen Gesetz, das sagt: Alle 18 bis 24 Monate verdoppelt sich die Zahl der Transistoren auf gleicher Fläche. Bisher ist der Fortschritt ungebrochen, allenfalls etwas verlangsamt – es dauert jetzt vielleicht 24 Monate statt 18. Das aber bedeutet: Allein bis zum Ende des kommenden Jahres könnten die Computer so viele Fähigkeiten gewinnen wie in der gesamten Computergeschichte zuvor.

          Computerchips sollen Ende kommenden Jahres schon doppelt so mächtig sein wie jetzt.

          Und das sind nur die Fortschritte der Hardware. Auch die Programmierung wird ja immer schlauer. Und diese Fortschritte sind noch gar nicht im Leben angekommen. Heute sehen wir im Google-Werbespot, wie der Vater sein Handy nach Bildern von Bonobo-Affen fragt. Google versteht diese Frage dank Software, deren Grundlagen rund 20 Jahre alt sind - so sagt es der deutsche Künstliche-Intelligenz-Forscher Jürgen Schmidhuber: In den vergangenen Jahren habe Google für Übersetzungen und automatische E-Mail-Antworten ein Verfahren angewandt, das in seinen Grundzügen 1995 entwickelt worden ist. Seitdem hat sich auch die Grundlagenforschung in der Software zwei Jahrzehnte weiterentwickelt.

          Bald kommt dazu, dass digitale Technik und die Kommunikation in alle möglichen Produkte und Vorprodukte eingebaut wird, die heute noch ganz analog funktionieren. Kein Wunder, dass die Technikoptimisten wenig Sorgen um den Solutionismus haben. Sie sagen: Was man heute nicht optimieren kann, das lässt sich morgen ausrechnen.

          Mächtige Computer - ein Horrorszenario?

          Doch was für die einen Optimismus ist, ist für die anderen ein Horrorszenario. Nicht nur aus Sorge um ihre eigenen Daten halten sie die Aussicht von immer weiterer Datenverarbeitung für schwierig. Nein, sie befürchten, dass die Computer der Menschheit den Rang ablaufen: Sie könnten Taxifahrer und ihre Kollegen im Lastwagen ersetzen. Köche, Verkäufer, Lageristen, auch Übersetzer und Steuerberater – in allen Bildungsschichten gelten Arbeitsplätze plötzlich als gefährdet.

          Wenn es nur die Arbeitsplätze wären. Was, wenn die Menschheit mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz eine neue Killerwaffe erschafft? Oder ein übermächtiges Wesen, das die Menschheit ganz abschafft? Nicht nur der Physiker Stephen Hawking hat Angst. Auch in der Digital-Elite des Silicon Valley geht die Sorge um. Tesla-Erfinder Elon Musk jedenfalls ruft schon mal ein Institut ins Leben, das öffentlich und gemeinnützig forschen soll – in der Hoffnung, damit geheimer privater Forschung den Rang abzulaufen.

          Wie geht's weiter? Zwei Erzählungen konkurrieren

          Wenn sich Menschen mit dieser Sorge auseinandersetzen, konkurrieren zwei Erzählungen. Die erste ist die davon, wie noch immer alles gutgegangen ist. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder kann sie erzählen: Mögen auch die Maschinenstürmer in der industriellen Revolution einst arbeitslos geworden sein, den Menschen ist die Arbeit trotzdem nicht ausgegangen. Vor 100 Jahren machte die Elektrizität den Menschen Angst, Charlie Chaplin drehte gleich einen ganzen Film namens „Modern Times“ - alles ging gut.

          Auch technisch hat sich die Welt verbessert. Bei der Erfindung der Eisenbahn glaubten die Menschen noch, von 30 Kilometern in der Stunde an würden die Fahrgäste verrückt. Jahrelang verzichteten besorgte deutsche Eltern auf die Mikrowelle, weil sie Sorgen hatten, dass das Essen auf schädliche Weise manipuliert würde. Heute hat sich die Mikrowelle im Haushalt durchgesetzt, die Menschen leben trotzdem länger als je zuvor. Wenn Handystrahlen so gefährlich wären, wie Skeptiker einst sagten, litte heute die Hälfte der Deutschen an Krebs.

          Doch Historiker Rödder warnt: „Diese Erzählung macht im schlechtesten Fall blind für die Gefahren.“ Und was, wenn es die Gefahren tatsächlich gibt? Wenn Technikoptimisten so sind wie der Truthahn, der sich täglich darüber freut, dass die Menschen ihn so freundlich füttern - bis Weihnachten kommt? Das ist die andere Erzählung. Die Erzählung, die sagt: Dieses Mal ist es anders. „Der Mensch treibt sich ins selbstverschuldete Unglück: Diese Erzählung gibt es so schon in der Bibel“, sagt Rödder.

          Die verunglückte Lok am Bahnhof Montparnasse (Großansicht per Klick).

          Der Historiker hat ein Prinzip des Umgangs mit neuer Technik gefunden. Am Anfang stehen Angst und Ablehnung, sagt Andreas Rödder - zumal neue Techniken immer wieder Schwierigkeiten auslösen. Diese Probleme allerdings sind nicht unbedingt diejenigen, die die Ängstlichen anfangs befürchtet hatten. Die Eisenbahn beispielsweise machte nicht etwa die Menschen verrückt. Aber es geschahen anfangs schwere Zugunglücke. Der Hofzug des russischen Zaren entgleiste, am Gare Montparnasse in Paris fuhr die Lok über das Gleisende hinaus, durchfuhr die Rückwand des Bahnhofs und stürzte eine Etage in die Tiefe.

          Doch dann, nach der Angst und der Ablehnung, beobachtet Rödder die „Anverwandlung“: Wenn die Probleme auftreten, werden sie gelöst. Die Menschen finden Wege, damit umzugehen. Heute ist die Eisenbahn eindeutig das sicherste Verkehrsmittel für kurze und mittlere Strecken.

          Hoffen wir, dass es mit der Digitalisierung genauso geht.

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