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Digitalisierung : Die neuen Entdecker

Big brother is watching you: KI ist hilfreich – doch die Angst vor Überwachung mit Hilfe von neuen Technologien ist groß. Bild: Picture-Alliance

Geographisch ist die Welt erkundet. Nun liegt es an den Nerds, die Menschheit dorthin zu bringen, wo sie noch nicht war.

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          Wir waren von einem Nebel umhüllt, der uns nur von Zeit zu Zeit die fürchterlichen Abgründe erahnen ließ, die uns umgaben. Kein lebendiges Wesen, auch nicht der Kondor, (...) belebte die Lüfte. Moosflecken waren die einzigen organischen Wesen, die uns daran erinnerten, dass wir uns noch auf der bewohnten Erde befanden.“ Im Juni des Jahres 1802 erklomm der deutsche Ausnahmeabenteurer Alexander von Humboldt den Chimborazo, einen Vulkan im heutigen Ecuador, der als höchster Berg der Welt galt.

          Er kletterte dort in Höhen, die wohl kein Mensch vor ihm erreicht hatte, sogar die eigens engagierten Träger weigerten sich, bis zum Ende mitzugehen. Humboldt war Grenzgänger, neugierig, beschrieb einmal eine „geheimnisvolle Ziehkraft“, die von dem ausgehe, was Menschen für unerreichbar halten. Weit oben änderte sich seine Sicht auf das, was da unten geschieht, konkret: wie die Natur zusammenhängt.

          Mehr als 200 Jahre später ist die Welt geographisch erkundet und vermessen. Die modernen Entdecker müssen weder monströsen Meeresstürmen oder klirrender Kälte noch tückischen Tropenkrankheiten trotzen. Die Kartographen des Unbekannten sitzen stattdessen an Hochleistungsrechnern und tüfteln mit ausgefeilten Algorithmen und kaum durchdenkbaren Datenbeständen am Abstrakten, Unsichtbaren, Unendlichweitentfernten oder Klitzekleinen. Ist unsere Erde einzigartig? Können wir das All besiedeln? Sind wir in der Lage, irgendwann echte Künstliche Intelligenz zu entwickeln?

          Das vibrierendste Feld des Fortschritts, so scheint es, sind die mathematischen und technologischen Grundlagen unserer Gesellschaft. Die Stunde der Nerds hat längst geschlagen, nun ist es an ihnen, die Menschheit dorthin zu bringen, wo sie noch nicht gewesen ist. Das zeigt sich einerseits exemplarisch an exorbitanten Gehältern für Informatiker, Mathematiker, Physiker oder informationstechnisch bewanderte Biologen, die rund um die Welt begehrt sind – und übrigens unabhängig davon, ob sie in demokratisch verfassten Marktwirtschaften leben oder marktwirtschaftlich angehauchten Diktaturen. Ihre Bedeutung ist keine Systemfrage.

          Ein Gehirn in einem Glas

          Andererseits äußert sie sich aber auch in einer popkulturellen Neupositionierung des Technikfreakhaften. Big-Bang-Theory-Serienheld Sheldon Cooper sagt an einer Stelle in der finalen Staffel: „Als ich ein Kind war und man mich gefragt hat, was ich werden will, wenn ich groß bin, habe ich immer gesagt: ein Gehirn in einem Glas.“ Das ist lustig, aber eben nicht lächerlich – weil es die gefragte Kernkompetenz so treffend karikiert.

          Die Ansprüche der realen Forscher reichen durchaus ins Phantastische. Der angesehene Harvard-Professor David Sinclair wendet sich derzeit an ein breites Publikum mit der Botschaft, wir Menschen könnten noch viel älter werden, hundert Jahre oder hundertzwanzig seien noch lange nicht die Grenze. „Kein biologisches Gesetz besagt, dass wir altern müssen“, behauptet er. Altern, das ist aus seiner Sicht heute eine Krankheit, die behandelt werden sollte wie jede andere Krankheit auch. „Sich auch nur ansatzweise vorzustellen, was das für unsere Spezies bedeutet, erfordert radikale Gedanken“, erklärt er und ergänzt: „In den Jahrmilliarden unserer Evolution hat uns nichts darauf vorbereitet, und das ist der Grund, warum die Vorstellung, es sei schlicht nicht möglich, so einfach und sogar verlockend ist.“

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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