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Tech-Konferenz DLD : Die nie endende Reparatur des Internets

Glasfaserkabel führen zu einem Internet Switch in einem Serverraum. Bild: dpa

Das World Wide Web verbindet Milliarden Menschen rund um den Globus. Auf überbordende Hoffnung folgt nun fundamentale Kritik. Das muss nicht schlecht sein.

          4 Min.

          Kaputtgegangen? Niemals zuvor hatten so viele Menschen Zugang zum Internet. Niemals zuvor konnten sie sich leichter austauschen. Niemals zuvor verdienten Online-Unternehmer mehr Geld, waren Informatiker begehrter, Informationen leichter zugänglich, Entfernungen unwichtiger, Uhrzeiten irrelevanter, persönliche Präferenzen prägender. Das Internet hat die Menschheit in einer Art und Weise verändert wie ganz wenige andere Erfindungen vor ihm. Vielleicht hatten die Dampfmaschine oder der Buchdruck eine ähnliche Bedeutung – oder die Entdeckung des Feuers.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Und ein Ende ist längst nicht in Sicht, Stichwort Künstliche Intelligenz: Immer größere Datenmengen, schnellere Rechner und ausgeklügeltere Software haben eine gewaltige Erwartung ausgelöst in Computer, die zusehends in speziellen Fähigkeiten mit dem menschlichen Gehirn mithalten oder dieses sogar übertreffen. Die (bislang) lebensbedrohliche Krankheiten heilen, Katastrophen vorhersagen, immer wertvollere Hilfe für den Alltag sein können. Hoffentlich.

          Doch etwas hat sich geändert. Wer heutzutage den Debatten über Netz und Nutzer folgt, stößt häufig auf Ernüchterung, Kritik, Verzagen, Zweifel, bisweilen Verzweiflung. Wer sammelt und verwertet wie von wem welche Daten? Wie ist es bestellt um die Privatsphäre in der Online-Welt? Und um das geistige Eigentum an den ins Netz gestellten Ideen? Woher kommt all der Hass? Wer verbreitet falsche Nachrichten? Wie werden wir das wieder los? Werden wir das wieder los?

          Facebook befindet sich in der größten Krise seiner demnächst 15 Jahre jungen Geschichte. Gründer Mark Zuckerberg hat es sich vor ziemlich genau einem Jahr persönlich zur Aufgabe gemacht, das größte soziale Netzwerk der Welt wieder in Ordnung zu bringen – da war öffentlich noch gar nicht bekannt, wie das britische IT-Unternehmen Cambridge Analytica an die Daten von Zigmillionen Facebook-Mitgliedern gelangte. Der amerikanische Kongress hat nicht nur Zuckerberg verhört, sondern neben ihm Vertreter anderer bedeutender Internetunternehmen, darunter zuletzt auch den Google-Vorstandsvorsitzenden Sundar Pichai.

          Kritik von Apple-Chef Cook

          Als ziemlich sicher gilt, dass auch die Vereinigten Staaten den Datenschutz neu fassen werden. In Europa wiederum gilt seit dem vergangenen Frühsommer bereits eine neue Regelung für den Umgang mit Daten (DSGVO), ein überarbeitetes Urheberrecht befindet sich auf dem Weg. Auf der ganzen Welt untersuchen außerdem Kartellbehörden, ob Internetunternehmen wie Alphabet, Amazon oder Facebook zu mächtig geworden sind.

          Währenddessen lässt der Apple-Chef Tim Cook keine Gelegenheit aus, den von ihm geführten iPhone-Hersteller von den anderen Großen des Silicon Valley abzugrenzen, und erhält der Netz-Nachdenker Jaron Lanier viel Zustimmung für seinen Appell, die eigenen Social-Media-Accounts einfach zu löschen. Neben die Vision der Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, die „Informationen der Welt zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen“, ist eine Furcht getreten, wonach womöglich zu viel online ist, dass Algorithmen meine Bedürfnisse besser kennen könnten als ich selbst – was nicht unbedingt nachteilig sein muss, wie der Historiker Yuval Noah Harari findet, wieso auch?

          Neben die Ankündigung des Online-Händlers Amazon, ein weiteres Hauptquartier aufzubauen inklusive Tausender gut bezahlter Arbeitsplätze, ist der Protest der Anwohner getreten gegen steigende Immobilienpreise.

          Überwachung in China

          Und an die Seite des großen Freiheitsversprechens, wonach das Internet das Individuelle stärkt und jeden Einzelnen ermächtigt gegenüber den ihn oder sie umgebenden Institutionen (Staat und Unternehmen), ist die Warnung getreten, dass vielleicht genau das Gegenteil dessen längst geschehen ist und weiter geschieht: dass Staaten und Weltkonzerne viel besser und effizienter das Verhalten unzähliger einzelner Menschen beeinflussen können als je zuvor.

          Die chinesische Führung gilt dafür als mahnendes Symbol mit ihrem Plan, mit Hilfe eines auf Künstlicher Intelligenz basierenden sozialen Kreditpunktesystems das Leben im bevölkerungsreichsten Land der Erde lückenlos zu lenken. Russland steht fortdauernd im Verdacht, nicht nur die letzten amerikanischen Präsidentenwahlen beeinflusst zu haben.

          Der Politologe Francis Fukuyama, berühmt geworden etwa für seine nicht eingetretene Prognose vom „Ende der Geschichte“, glaubt längst, dass sich die Hoffnung nicht erfüllt habe, mit Hilfe des Internets würden sich Demokratie und Freiheit rund um den Erdball verbreiten – autoritäre Regime haben seiner Ansicht nach schneller gelernt, wie sie diese Technologie für ihre Zwecke instrumentalisieren können. Welch ein Kontrast ist das zu der noch vor zehn Jahren in libertären Kreisen gelegentlich geäußerten Feststellung, das Internet stelle genau jene spontane Ordnung permanent her, von welcher der verstorbene freiheitliche Ökonom Friedrich August von Hayek gesprochen hatte.

          Das Internet, so lässt sich die gegenwärtige Stimmung vielerorts zusammenfassen, bedarf dringend der Reparatur. Der Informatiker Tim Berners-Lee, der das in den neunziger Jahren gestartete World Wide Web einst erdachte, kümmert sich selbst darum. „Das Web wurde entwickelt, um Menschen zusammenzubringen und Wissen frei verfügbar zu machen“, stellt er seinen Grundsätzen eines „Vertrages für das Web“ voran, von dem er sich wünscht, dass möglichst viele ihn unterschreiben.

          Und er fügt hinzu: „Jeder Mensch hat die Aufgabe sicherzustellen, dass das Web der Menschheit dient.“ Ein offenes Internet ist für ihn ein Grundrecht. Regierungen sollen seiner Meinung nach überall garantieren, dass sich jeder im Netz ohne Angst aktiv aufhalten kann. Von den Unternehmen verlangt er zum Beispiel, den Zugang für jedermann erschwinglich zu machen und persönliche Daten zu achten.

          Das Ziel finden viele ehrenwert. Die Frage ist: Geht das überhaupt? Fachleute wie der aus Deutschland ausgewanderte Informatiker und Investor Andreas von Bechtolsheim bezweifeln, dass Berners-Lees Ambition realistisch ist. Für ihn spiegelt das Internet jene Konflikte, die es auch in der analogen Welt zwischen verschiedensten Interessengruppen gibt, die Vorteile für sich erzielen wollen auch auf Kosten anderer – und eben nicht aus der Warte eines Akteurs handeln, der das Wohl aller verbessern oder zumindest niemanden schlechter stellen möchte.

          Zudem verweist er darauf, dass es faktisch nicht möglich ist, überall auf der Welt akzeptierte soziale Normen zu etablieren und diese durchzusetzen. „Die Natur repariert, weil etwas unvollständig, weil etwas nicht perfekt, weil etwas kaputtgegangen ist“, schreibt wiederum Wolfgang Heckl, der Direktor des Deutschen Museums in München: „Ihr Ziel ist aber nicht absolute Vollständigkeit oder Perfektion, denn die würde ein System zur Folge haben, das nicht zur Weiterentwicklung fähig ist.“ Das gilt auch für die Kultur, also das vom Menschen Erschaffene – im Analogen wie im Digitalen. Und ist kein Grund für Pessimismus. Im Gegenteil.

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