https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nervositaet-vor-der-grossen-brexit-schlacht-16366853.html

Großbritannien : Nervosität vor der großen Brexit-Schlacht

Brexit-Gegener protestieren vor dem Amtssitz von Premierminister Boris Johnson in der Downing Street. Bild: AFP

Was passiert, wenn die Briten die EU ohne Abkommen verlassen? Der Pfundkurs gibt nach – und manche Briten decken sich mit Vorräten ein.

          2 Min.

          Die politischen Turbulenzen und Brexit-Wirren im Vereinigten Königreich belasten den Pfundkurs. Am Dienstag sank der Außenwert der britischen Währung im Handelsverlauf unter 1,20 Dollar und damit auf den niedrigsten Kurs seit drei Jahren. Auch gegenüber dem Euro verlor das Pfund leicht und lag zeitweise unter 1,10 Euro, während im Parlament in Westminster die Schlacht um den Brexit-Kurs begann: Als die Johnson-Regierung durch den Austritt des Abgeordneten Phillip Lee ihre Mehrheit verlor, stieg der Pfundkurs auf ein Tageshoch. Der Premierminister wird seit Tagen und Wochen von der Opposition und von Tory-Rebellen angegriffen, die seinen harten Brexit-Kurs ablehnen. Nun will die Opposition versuchen, per Gesetz einen Austritt aus der Europäischen Union ohne Abkommen (No-Deal-Brexit) zu verhindern.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die britische Wirtschaft zittert, dass es zu einem chaotischen EU-Ausstieg kommen könnte. Seit dem Frühjahr ist die Konjunktur deutlich gebremst, was an Brexit-Unsicherheit, aber ebenso an dem eskalierenden Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China liegt. Nach einem starken Jahresauftakt ist das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal leicht geschrumpft. Jüngste Daten aus der Industrie weisen auf eine schlechte Entwicklung hin, der Einkaufsmanagerindex sank auf den niedrigsten Wert seit sieben Jahren. Aus der Bauindustrie wurde ein weiterer Verfall des Stimmungsbarometers im Juli gemeldet.

          Dagegen hielt sich der Dienstleistungssektor, der ungefähr 80 Prozent der britischen Wirtschaft ausmacht, bislang ganz robust. Das liegt auch am privaten Konsum und der guten Arbeitsmarktlage mit Rekordbeschäftigung und dem stärksten Lohnwachstum seit elf Jahren. Nun meldet der Einzelhandel jedoch eine Flaute. Laut dem Handelsverband British Retail Consortium (BRC) waren die Umsätze im August „flach“. „Die größere wirtschaftliche und politische Unsicherheit hat die Verbrauchernachfrage runtergezogen“, sagte die BRC-Chefin Helen Dickinson.

          Umstritten ist, ob Brexit-besorgte Verbrauchern Vorräte anlegen. Es gibt Anekdoten von Leuten, die größere Mengen Reis, Nudeln und Konserven horten, weil sie befürchten, nach einem chaotischen Brexit könnte es Versorgungsengpässe geben. Laut einer Umfrage des Zahlungsdienstleisters Barcleycard soll jeder fünfte Bürger schon etwas gehortet haben. Im Juli hieß es nach einer Umfrage, die Bürger hätten für mehr als 4 Milliarden Pfund Hamsterkäufe getätigt – vor allem von Lebensmitteln. Doch diese Zahl basierte aber auf einer fehlerhaften Hochrechnung, wie Faktenprüfer zeigten. „Wir sehen in den Verkaufszahlen keine Belege für individuelle Vorratsanhäufung. Und es gibt auch keinen Grund für Verbraucher, das zu tun“, stellte Andrew Opie klar, Direktor der Abteilung Lebensmittel beim BRC. Die Händler hätten ausreichend große Lager, schwierig könnte es bei einem No-Deal-Brexit nur mit frischem Obst und Gemüse vom Kontinent werden. Susan Barratt vom Verein IDG, der Lebensmittelhändler berät, sieht bislang nur einen minimalen Einfluss des Brexits auf das Käuferverhalten. Zwar nähere sich das Brexit-Datum 31. Oktober, „aber nur 3 Prozent der Käufer sagen, dass sie begonnen haben, Vorräte für diesen Zweck anzulegen“, sagte Barratt.

          Die deutschen Unternehmen, die Wirtschaftsbeziehungen mit der Insel haben, stellen sich auf einen Brexit am 31. Oktober ein. Der Pharmakonzern Bayer beispielsweise bereitet sich mit zusätzlicher Lagerhaltung vor. „Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet“, erklärte ein Sprecher. So sollen Risiken begrenzt werden, zum Beispiel Verzögerungen an den Grenzen aufgrund von Zollformalitäten. Ein britischer Regierungsbericht warnte vor kurzem vor langen Warteschlangen und möglichen Versorgungsengpässen.

          Weitere Themen

          Rette mich, wer kann

          FAZ Plus Artikel: Energiekrise : Rette mich, wer kann

          Mit düsteren Warnungen rufen Wirtschaftsverbände nach neuen Hilfen für die Unternehmen. Ökonomen halten dagegen: Dass einige Betriebe die Produktion jetzt drosseln, sei eine gute Nachricht.

          Topmeldungen

          Seite an Seite: Bundeskanzler Olaf Scholz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 10:32

          F.A.Z. Frühdenker : Europas neue Allianz gegen Putin

          In Prag gründen 44 Staaten die „Europäische Politische Gemeinschaft“, die Öl-Allianz lässt den Ölpreis steigen, beim Ironman Hawaii starten die Frauen und der Literaturnobelpreis könnte für eine Überraschung sorgen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.