https://www.faz.net/-gqe-8e49s

Navigationsanwendungen : Wenn Sensoren in den Verkehr eingreifen

Vorankommen mit dem Handy: So sieht die Anwendung Waze im Betrieb in Los Angeles aus. Bild: AP

In Navigationsanwendungen fließen immer mehr Daten von Städten, Verkehrsbehörden und Unternehmen ein.

          3 Min.

          Der baltische Staat Estland gilt als digitales Musterland. Das wirkt sich auch auf die estnischen Hauptverkehrsadern aus. Kameras und Temperaturmessstationen überwachen das Netz der Überlandstraßen in dem Land im Nordosten Europas. Wer sich in Estland mit dem Auto auf den Weg macht, kann sich vorher im Internet über ein Verkehrsinformationssystem namens Tarktee informieren, ob der gewählte Weg auch schneefrei oder womöglich mit Eisglätte zu rechnen ist.

          Diese Informationen sind nicht nur auf einer eigenen Internetseite abrufbar. Sie fließen seit längerem schon in die Navigationsanwendung Waze ein. Das in Israel gegründete Start-up für die satellitengestützte Routenführung, das seit rund drei Jahren zum Suchmaschinenkonzern Google gehört, empfängt die von der estnischen Straßenverkehrsbehörde gesammelten Informationen und gibt sie dann in Echtzeit an die Nutzer des eigenen Smartphoneprogramms weiter. Doch Waze sendet nicht nur den aktuellen Straßenzustand an Nutzer in Estland. Laut Carlos Gomez, dem für das Europa-Geschäft zuständigen Waze-Manager, empfängt die Anwendung auch Daten über Unfälle, sobald sie passieren, und übermittelt sie dann so schnell wie möglich an andere Verkehrsteilnehmer.

          Die Datenpartnerschaft in Estland ist nur eine von vielen, mit denen Waze versucht, die Informationstiefe innerhalb seiner Anwendung zu vergrößern. Rund um die Welt kooperiert das Unternehmen inzwischen mit 55 Partnern, ob es nun Behörden, Kommunen oder private Betreiber von Verkehrswegen sind. In Europa hat Waze in der vorvergangenen Woche nun den zehnten Partner bekanntgegeben, nämlich die Nationale Datenbank für Verkehrsinformationen in den Niederlanden.

          Zu den europäischen Partnern gehören aber auch die Verkehrsbetriebe der ungarischen Hauptstadt Budapest, die spanische Stadt Barcelona, das belgische Gent oder der portugiesische Autobahnbetreiber Brisa. In Deutschland gibt es noch keinen Partner, sagt Gomez. Er hoffe aber, dass sich das in der nächsten Zeit ändern werde.

          Rund um die Welt hat Waze nach eigenen Angaben 50 Millionen Nutzer und sieht sich damit selbst als das größte Netzwerk von Autofahrern. Wie viele Anwender es in Deutschland gibt, will Gomez nicht offenlegen. „Deutschland ist ein aktiver Markt, aber nicht einer der stärksten. Brasilien ist für uns sehr wichtig, aber auch in Frankreich nutzen uns viele Menschen.“ Auch in mittel- und osteuropäischen Ländern gebe es viele Nutzer, weil sie oft mit dem Smartphone in die Navigation einsteigen – und so die Stufe überspringen, sich eigene Geräte für den Verkehr zu kaufen, sagt Gomez. Auch Länder in Asien und im Pazifikraum seien wichtige Märkte, etwa die Philippinen oder Malaysia.

          Die von Gomez’ Unternehmen und den öffentlichen wie privaten Partnern angestoßene Datenintegration verbindet zwei große Themen miteinander, die in der Internetwirtschaft derzeit viele Menschen umtreiben. Auf der einen Seite steht die Vernetzung des Alltags, also das Internet der Dinge. Dadurch, dass immer mehr Sensoren den Verkehr überwachen und diese Informationen an Datenbanken oder Anwendungen senden, sollen Staus verringert werden oder am besten gar nicht erst entstehen. Auf der anderen Seite spielt das Konzept offener Daten eine Rolle.

          Dabei geht es um Informationen, die etwa Behörden ohnehin schon erheben und speichern. Wetterdaten zählen dazu, aber eben auch Verkehrsinformationen. Die Befürworter von „Open Data“ sehen einen großen wirtschaftlichen Nutzen, wenn Dritte auf diese Daten zugreifen können. So hat die Unternehmensberatung McKinsey errechnet, dass offene Daten rund um die Welt jährlich einen Wert von 3,2 bis 5,3 Billionen Dollar generieren könnten. Allein im Verkehr könnte sich der Wert auf 720 bis 920 Millionen Dollar belaufen. Das Beratungsunternehmen Capgemini hatte im November den wirtschaftlichen Mehrwert offener Daten für die Länder der Europäischen Union inklusive Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz beziffert. Zwischen 2016 und 2020 sollen offene Daten dort 325 Milliarden Euro Mehrwert einbringen.

          Mit der Integration von weiteren Datenquellen ist Waze indes nicht allein unter den Navigationsanbietern. So ist der Gerätehersteller Garmin mit dem ortsbasierten Empfehlungsdienst Foursquare eine Partnerschaft eingegangen. In den Garmin-Navigationsgeräten sind nach Angaben des Unternehmens Millionen Foursquare-Ergebnisse zu Restaurants oder Dienstleistern auffindbar. Der Gerätehersteller Tomtom schreitet indes auf dem Waze-Weg und lässt aktuelle Verkehrsinformationen der eigenen Gerätenutzer in die Routenführung einfließen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nobelinsel Martha’s Vineyard : Ein neues Haus für die Obamas

          Martha’s Vineyard ist eine der exklusivsten Wohnadressen in den Vereinigten Staaten. Jetzt darf sich die illustre Reihe Prominenter dort über neue Nachbarn freuen – sofern man die Obamas auf ihrem riesigen Anwesen zu Gesicht bekommt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.