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Einwanderungsdebatte : Massenmigration und Zusammenhalt

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Eine zu große ethnisch-kulturelle Vielfalt stört den sozialen Zusammenhalt und gefährdet den ökonomischen Wohlstand. Bild: dpa

Die bisherige Immigration war ein moderater Gewinn. Eine zu starke ethnisch-kulturelle Diversität bedroht jedoch den sozialen Zusammenhalt und damit die Grundlagen des Wohlstands. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          Der spektakuläre Anstieg der Unterstützung für populistische Parteien quer durch Europa spiegelt Sorgen in der normalen Bevölkerung wider, dass die Einwanderung exzessiv geworden ist. Die instinktive Antwort der intellektuellen Linken darauf war es, diese Sorgen zurückzuweisen und sie als verdeckte Formen von Rassismus oder als falsche Sicht auf die ökonomische Realität abzutun. Aber dies hat wiederum eine schädliche Reaktion hervorgerufen: Die einfachen Leute folgern daraus, dass die politischen und intellektuellen Eliten von ihrer Lebenswirklichkeit abgekoppelt und abgehoben seien.

          Um sich der Frage zu nähern, was die Masseneinwanderung für Auswirkungen hat, müssen wir eine nüchterne Analyse vornehmen, ohne uns voreingenommen auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Bei einigen Sorgen kann man dann zeigen, dass sie unbegründet sind; andere Bedenken sind aber legitim und gerechtfertigt. Eher unbegründet sind all die Sorgen über kurzfristige ökonomische Effekte, etwa wegen verstärkter Arbeitsmarktkonkurrenz durch Zuwanderung oder die Kosten für deren Sozialhilfebezug.

          Einwanderer nehmen den Deutschen keine Arbeitsplätze weg

          Es gibt ziemlich solide Belege über die Effekte von Einwanderung auf den Arbeitsmarkt. Die Auswirkungen sind trotz hoher Zuwanderungszahlen eher vernachlässigbar: Ein Jahrzehnt schneller Einwanderung hat die Lohnniveaus in einigen Ländern weitgehend unverändert gelassen und sie in anderen Ländern sogar leicht um ein halbes Prozent angehoben (siehe F. Docquier, C. Özden und G. Peri: „The labor market impact of immigration and emigration in OECD countries“, Economic Journal, 2014).

          Dieser Befund ist nach zwei Seiten hin relevant: Die Behauptung, dass Einwanderer die Jobs wegnehmen und die Löhne stark drücken, ist falsch. Aber ebenso falsch sind die gegenteiligen Behauptungen von Wirtschaftsverbänden und die oft wiederholte Erzählung der Pro-Migrations-Lobby, dass die Einwanderung den Wohlstand stark fördere.

          Ein weiterer, gerade in Deutschland heißdiskutierter Punkt ist die Frage, ob Einwanderung notwendig sei oder helfen könne, um die wegen des demographischen Wandels - der geringen Kinderzahlen und Alterung der Gesellschaft - schrumpfende Erwerbsbevölkerung auszugleichen. Zuwanderung ist eine von mehreren Optionen dafür. Es ist vernünftig, sie gemeinsam mit den Alternativen zu betrachten. Eine Alternative ist eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen. Ob Mütter eine Arbeit aufnehmen, hängt davon ab, ob die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Arbeitsmarktpolitik es ihnen ermöglichen und es fördern. Dabei gibt es große Unterschiede in Europa, die unterschiedliche politische Bedingungen widerspiegeln.

          Die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung liegt auch an den Rentenregeln. Jedes Jahrzehnt verlängert sich die durchschnittliche Lebenserwartung der westlichen Bevölkerungen um etwa zwei Jahre. Es ergibt weder einen ökonomischen noch einen das individuelle Leben betreffenden Grund, das Rentenalter starr zu halten und die zusätzliche Lebenserwartung dem Rentnerdasein zuzuschlagen.

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          Geburtenrate hängt von Umständen und Anreizen ab

          Schließlich ein paar Worte zur Geburtenrate: Die Kinderzahl ist keine unwandelbare Konsequenz angeborener Präferenzen der Erwachsenen, sondern sie hängt von den Umständen und Anreizen ab - unter anderem von der Höhe von Leistungen für Eltern mit Kindern. Die Verknüpfung zwischen diesen Leistungen und der Geburtenrate ist eine standard-ökonomische Erklärung seit Jahrzehnten, auch wenn es Skeptiker gibt, die sich weigern, das Offenkundige zur Kenntnis zu nehmen.

          Einen treffenden wissenschaftlichen Beleg für die Anreizwirkung finanzieller Leistungen haben A. Cohen, R. Dehejia und D. Romanov vorgelegt („Do Financial Incentives Affect Fertility?“ Review of Economics and Statistics, 2013).

          Deutschland hat eine niedrige Geburtenrate, einfach deshalb, weil sein Steuer- und Sozialleistungssystem, verbunden mit den Wohnkosten, es für junge Familien mit Kindern zu teuer und schwierig macht - verglichen mit dem Lebensstil, den Paare ohne Kinder haben können. Als Ausländer kann ich nicht beurteilen, ob die normalen Deutschen es lieber haben, eine starke Einwanderung zuzulassen oder zu fördern, statt das Leben junger, kinderreicher Familien und arbeitender Mütter finanziell zu erleichtern oder ältere Arbeitnehmer länger im Erwerbsleben zu halten. Aber man muss klar sagen, dass dies die möglichen Alternativen sind, über die diskutiert werden sollte.

          Diversität kann Reibungsverluste mit sich bringen

          In der Diskussion werden Argumente oft nicht ganz so gemeint, wie sie vorgetragen werden. Viele aus der Pro-Zuwanderungs-Lobby glauben doch nicht wirklich, dass weitere starke Zuwanderung unabdingbar ist für das Bestehen der Wirtschaft; vielmehr haben einige die berechtigte Sorge, dass ein anderes, kritischeres Narrativ über Einwanderung zu einer feindseligen Atmosphäre für Zuwanderer führte. Auf der anderen Seite gibt es auch manche Einwanderungskritiker, die nicht wirklich glauben, dass Einwanderung ökonomisch und finanziell eine Belastung ist. Ihre Kritik und Befürchtungen beziehen sich in Wahrheit mehr auf die Folgen einer Massenimmigration für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

          Wollen gesteuerte und begrenzte Zuwanderung: Die Alternative für Deutschland
          Wollen gesteuerte und begrenzte Zuwanderung: Die Alternative für Deutschland : Bild: dpa

          Wir sollten in der Debatte anerkennen, dass die vergangene Zuwanderung unter dem Strich einen moderaten ökonomischen Gewinn brachte. Die Einwanderer haben einen Beitrag geleistet, der Nutzen stiftet. Aber eine weitere Beschleunigung der Zuwanderung, die sich abzeichnet, sollte begrenzt werden, denn eine immer weiter steigende Diversität und Heterogenität der Gesellschaft, vor allem in einzelnen Städten und Stadtteilen, wo sich die Zuwanderer ballen, würde ab einem gewissen Punkt den sozialen Zusammenhalt schwächen und die Gesellschaft fragmentieren.

          Es geht um das richtige Maß an Vielfalt, worin sich Gesellschaften stark unterscheiden. Manche kommen damit besser, manche schlechter zurecht. Japan etwa hat eine sehr viel homogenere Gesellschaft als Deutschland, das wiederum nicht so ein hohes Maß an gesellschaftlicher Diversität hat wie die Vereinigten Staaten. Man darf annehmen, dass Deutschland bei einer weiteren starken Einwanderung, die das Maß an ethnisch-gesellschaftlicher Vielfalt auf jenes der Vereinigten Staaten erhöhte, weniger gut funktionieren würde.

          Diversität bringt Abwechslung und stimuliert, aber sie kann auch Reibungsverluste bedeuten, die Kooperation erschweren und die Bereitschaft zur Hilfe und zur Großzügigkeit über den Sozialstaat schwächen. Studien zeigen, dass die Wähler weniger bereit sind, umverteilende staatliche Wohlfahrtsprogramme zu unterstützen, wenn die Vielfalt in der Gesellschaft steigt. Einige der Forschungsergebnisse, die diesen Befund stützen, habe ich in meinem Buch „Exodus“ beschrieben. Die neuere Forschung hat sich speziell mit den Folgen der Immigration beschäftigt. Sergi Pardos-Prado und Jordi Muñoz fanden heraus, dass hohe Einwanderung die Bereitschaft der Einheimischen verringert, finanzielle Sozialleistungen durch Steuern zu bezahlen. Vor allem Umverteilung zugunsten der Armen findet weniger Unterstützung.

          Durch Vielfalt wird die Zusammenarbeit schwieriger

          In der schwierigen Lage, in der die Staatshaushalte jetzt sind und in den kommenden Jahren sein werden, ist absehbar, dass die Gesamtausgaben für Sozialleistungen unter Druck geraten werden. Um die Bedürftigsten zu schützen, sollten die Ausgaben zielgerichteter für sie ausgegeben werden. Die Forschungsergebnisse zeigen uns aber, dass diese Politik schwieriger durchzusetzen sein wird, weil bei einer hohen Einwanderung die Akzeptanz für zielgerichtete Sozialausgaben (von denen auch viele Einwanderer profitieren würden) weniger groß ist. Es mag also sein, dass wir vor der Alternative stehen, entweder eine Gesellschaft mit einem großzügigen Sozialstaat oder aber mehr Einwanderung zu haben. Viele Wähler der populistischen Parteien beziehen selbst Sozialleistungen und sie scheinen von einer Furcht vor gekürzten Leistungen getrieben zu sein.

          Durch Einwanderung wandeln sich Gesellschaften, sie werden „bunter“ und vielfältiger. Wenn die ethnisch-kulturelle Diversität in der Gesellschaft immer mehr zunimmt, wird ab einem gewissen Punkt aber die Zusammenarbeit schwieriger. Die modernen Gesellschaften hängen ab von einer Myriade an Kooperationsspielen, von denen wir aus der Verhaltensökonomik und der Verhaltenspsychologie wissen, dass sie typischerweise an einem bestimmten Punkt zusammenbrechen und kein kooperatives Ergebnis mehr zustande kommt, weil nicht mehr genügend Vertrauen in die anderen Spieler besteht. Das schädigt die Fähigkeit, Wohlstand zu generieren und zu erhalten.

          Es gibt Studien, die diese Prozesse mit quantitativen Methoden untersucht haben. Zum Beispiel haben Quamrul Ashraf und Oded Galor („The ,Out of Africa‘ Hypothesis“, American Economic Review, 2013) anhand von weltweiten Daten gezeigt, dass höhere Levels an genetischer Diversität mit niedrigeren Levels an gegenseitigem Vertrauen in der Gesellschaft und letztlich geringeren Einkommen korreliert sind. Ab einem gewissen Punkt der Diversität und Fragmentierung der Identitäten werden die Gesellschaften zu gegensätzlich. Dann können das Vertrauen und die Kooperation zusammenbrechen. Bis auf lokal begrenzte Ausnahmen ist keine der europäischen Gesellschaften so zu charakterisieren, und hoffentlich wird auch keine dahin kommen.

          Politik darf sich nicht von nationalistischen Bewegungen einschüchtern lassen: Dügida in Düsseldorf.
          Politik darf sich nicht von nationalistischen Bewegungen einschüchtern lassen: Dügida in Düsseldorf. : Bild: dpa

          Aber es gibt Beispiele für solche Gesellschaften. Länder mit identitär gespaltenen Gesellschaften sind mit erheblichen Problemen konfrontiert. Ein gut erforschtes Beispiel ist Kenia mit seinen zahlreichen Stammesvölkern. Die Menschen sind überaus loyal innerhalb ihrer eigenen Gruppe und schauen über Fehlverhalten und Korruption hinweg. Eine Studie hat dies etwa am Beispiel von Schulverwaltungen gezeigt, die nicht mehr richtig funktionieren, weil Mitarbeiter sich weigern, andere Leute ihrer eigenen Gruppe zu sanktionieren (E. Miguel und M. K. Gugerty: „Ethnic diversity, social sanctions, and public goods in Kenya“, Journal of Public Economics, 2005).

          Die Menschen in ethnisch gespaltenen Gesellschaften erscheinen sogar weitgehend unfähig, über die Identitätsgrenzen hinweg mit anderen für die Bereitstellung von lokalen öffentlichen Gütern zu kooperieren, wie Edward Miguel in einem Vergleich von Kenia und Tansania gezeigt hat („Tribe or nation? Nation building and public goods in Kenya versus Tanzania“, World Politics, 2003). Und die Wähler unterstützen Politiker ihrer eigenen Ethnie, egal wie sie deren Leistungen beurteilen („Kenya, Policies for Prosperity“, hrsg. von C. Adam, P. Collier und N. Ndung’u, 2010). In der Produktion gibt es sogar Sabotage zwischen rivalisierenden ethnischen Gruppen, selbst wenn sie sich dabei selbst Schaden und Kosten zufügen (J. Hjort, „Ethnic Divisions and Production in Firms“, Quarterly Journal of Economics, 2014). Das sind einige abschreckende extreme Beispiele, wohin ethnisch gespaltene Gesellschaften führen können.

          Vernünftige Position: Vielfalt stabilisieren

          Europas sozialdemokratische und andere gemäßigte Parteien sollten sich auf keinen Fall den populistischen Parteien anpassen und deren unschöne Zielvorstellung übernehmen, die Vielfalt der Gesellschaft abzulehnen. Die Frage ist aber, ob man sie weiter stark erhöhen sollte. Eine vernünftige Position der Mitte und der Linken sollte sein, die Vielfalt zu stabilisieren. Das impliziert auch, dass die Einwanderungsrate nicht die Rate übersteigen darf, mit der Einwanderer in die Mainstream-Gesellschaft absorbiert und integriert werden können. Die Stabilisierung muss nicht hauptsächlich über eine Einwanderungsbegrenzung stattfinden, sondern kann auch durch verstärkte Integrationsbemühungen gelingen. Und dabei ist klar, dass Integration umso leichter gelingt, je kulturell näher die Einwanderer der Aufnahmegesellschaft stehen - und umso schwieriger und langsamer ist, je größer die kulturelle Kluft ist. Ebenso spielt eine Rolle, wie stark die Aufnahmegesellschaft Integration und Assimilation erwartet oder aber Multikulturalismus zugelassen oder gar gefördert wird.

          In Deutschland gab es lange Zeit eine offizielle Allergie gegen den Begriff der „nationalen Identität“, was unbeabsichtigt dazu beigetragen haben mag, dass man sich schwerer tat, eine gemeinsame, geteilte Identität mit den Einwanderern zu schmieden. Ein Multikulturalismus, der den Fortbestand unterschiedlicher Identitäten fördert, verlangsamt oder behindert die Integration, messbare Effekte sind zudem die schlechtere Beherrschung der Sprache des Aufnahmelandes, was wiederum die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kooperation und zur Bereitstellung von öffentlichen Gütern vermindert. Eine multikulturelle Agenda kann bestenfalls distanzierten gegenseitigen Respekt zwischen unterschiedlichen Identitätsmustern fördern. Die Ansprüche an eine mitfühlende Gesellschaft und die soziale Kooperation sind jedoch höher. Damit es mehr als herablassendes und bevormundendes Mitgefühl durch Hilfsprogramme gibt, braucht es eine gemeinsame Identität aller, letztlich eine nationale Identität.

          Ich habe mein gesamtes Forscherleben mit Versuchen zugebracht, Gefühl und Sinn für die gemeinsame Menschlichkeit zwischen reichen Gesellschaften in den Industrieländern und den armen Gesellschaften, den Entwicklungsländern, zu erwecken. Nach einem langen Forscherleben muss ich mich aber der Realität stellen, dass der bei weitem wirkungsvollste Ausdruck einer breiten gegenseitigen Beziehung, welche menschliche Gesellschaften erzielt haben, auf nationalen Identitäten beruht, die große Bevölkerungen umfassen. Es erscheint mir nicht als peinlicher Anachronismus, eine gemeinsame nationale Identität zu haben; es ist auch kein gefährlicher Freibrief für Hass auf Fremde und Einwanderer. In einer moderaten Form ist eine nationale Identität ein wunderbares Erbe von immensem sozialen Wert, das wir pflegen sollten.

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