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Kommentar zu WM und Wirtschaft : Selbstherrlichkeit ist der Anfang

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Zu selbstsicher? Die deutsche Nationalelf hat vielleicht zu wenig sportlichen Respekt vor ihren Gegnern gezeigt. Bild: dpa

Das Scheitern der Nationalelf in Russland taugt nicht als Symbol für eine deutsche Krise. Eine wichtige Lehre lässt sich aber trotzdem daraus ziehen.

          Jetzt kommt der übliche Reflex: Die deutsche Nationalmannschaft scheidet aus dem wichtigsten Turnier aus, und sofort werden eifrig Parallelen zwischen dem Fußball und der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft gezogen. Es ist ja tatsächlich so: Das Debakel von Kasan fällt zusammen mit einer selten dagewesenen Regierungskrise. CDU und CSU drohen auseinanderzubrechen. Weitere, unscheinbare Dinge wirken plötzlich sinnbildlich. Die Bahnen fahren so unpünktlich, dass der erste Eindruck von Ausländern in Deutschland sein muss: Sie können es nicht mehr. Oder: Sie nehmen es nicht mehr so ernst.

          Doch nach genauerem Hinsehen lässt sich diese oberflächliche Analyse nicht halten. Vergleiche hinken. Tausende deutsche Hidden Champions sind kreativer denn je, denken sich wichtige Produkte und Dienstleistungen für die globalen Märkte aus. Hunderte Start-ups treiben etablierte Unternehmen vor sich her, die unter diesem Eindruck die Digitalisierung beschleunigen und die Chancen der Künstlichen Intelligenz ausloten. Dax-Konzerne wie SAP, Bayer, Allianz stehen robust da. In Deutschland herrscht in vielen Gebieten Vollbeschäftigung.

          Fußball sagt doch etwas übers Leben

          An dieser Stelle könnte die Analyse enden. Doch wenn man noch einen Blick zulässt, verrät der Fußball eben doch etwas über andere Lebensbereiche – im Guten wie im Schlechten. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land gilt als der Moment, in dem das Ausland bemerkt hat, dass die Deutschen doch gar nicht so verbissen sind. In englischen Magazinen wurde der deutschen Kultur gehuldigt. Berlin wurde zur coolsten Stadt Europas. Das Duo Klinsmann/Löw erfand den mutigen Vertikal-Fußball, den die Nationalmannschaft sich diesmal nicht zu spielen getraut hat. Die Lockerheit war auch in der Unternehmenswelt festzustellen. Heute hört man Ingenieure sagen: Früher hätte ich mich nicht getraut, mit unfertigen Produkten zum Kunden zu gehen, heute beziehe ich ihn frühzeitig ein. Innovationsgeist und eine Weiterentwicklung sogenannter deutscher Tugenden hat die deutsche Wirtschaft und die Nationalelf stark gemacht.

          Doch leider hat Tabellenplatz 4 in Gruppe F auch etwas über die ewigen Patienten der deutschen Wirtschaft zu sagen – die Deutsche Bank und Volkswagen. Und über die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Den entscheidenden Satz dazu hat Bundestrainer Joachim Löw ausgesprochen: Vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko habe eine „gewisse Selbstherrlichkeit“ geherrscht. Die Mannschaft, so spürten es Millionen Zuschauer vor dem Fernseher, glaubte, als Weltmeister mit zehn Siegen in zehn Qualifikationsspielen mit halber Kraft den internationalen Wettbewerb angehen zu können.

          Nicht überheblich werden!

          Dieses Muster lässt sich leider auch bei der Deutschen Bank beobachten. Selbstherrlichkeit führte zum Absturz des Aktienkurses auf zuletzt unter 10 Euro. Sogar der Zahlungsdienstleister Wirecard hat das Institut im Börsenwert eingeholt. Selbstherrlich hatten Deutschbanker geglaubt, im internationalen Wettbewerb den Rückstand im Investmentbanking aufholen zu können. Man tappte in zu viel Rechtsrisiken. Die Folge: Milliardenabschreibungen und ein atemberaubender Vertrauensverlust der Kunden – bis heute.

          DT. BANK

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          Auch Volkswagen hielt sich für schlauer im internationalen Wettbewerb als die anderen. Der Autohersteller glaubte, in Amerika leistungsstärkere Produkte anbieten zu können und trotzdem Umweltauflagen einhalten zu können. Es war reichlich selbstherrlich, sich außerhalb des Wettbewerbs stellen zu wollen und eine betrügerische Software so einzusetzen, dass der Anschein erweckt wurde, einen saubereren Diesel bei höherer Leistungsstärke produzieren zu können.

          Und die Bundesregierung? Denkt sich seit Jahren Wohlfühlprogramme für die Wähler aus, obwohl offensichtlich ist, dass die guten Einnahmen von Staat und Sozialversicherung nur der überdurchschnittlich langen Konjunktur zu verdanken sind. Mütterrente, Rente mit 63, Baukindergeld, Fluthilfe, Digitalfonds – mit einer Selbstherrlichkeit wird so getan, als hätte man den sprudelnden Geldhahn aus eigener Kraft geöffnet und als ginge der demographische Wandel von selbst weg.

          Krisenkonzerne und Regierung leiden unter einem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Die Nationalmannschaft versucht gerade, ihn zu vermeiden. Der erste Schritt war beeindruckend: Innenverteidiger Mats Hummels, einer der Selbstherrlichen, war schon wenige Minuten nach dem verlorenen Spiel gegen Südkorea mit einer sehr ehrlichen und selbstkritischen Analyse zu erleben. Es war eine Lehrstunde in Demut, die man von deutschen Managern und Politikern noch nicht erlebt hat.

          Wie sähe eine solche Lehrstunde aus? Einer klaren und kritischen Selbstanalyse müsste eine Erklärung folgen. Die Verantwortlichen müssten deutlich machen, dass sie um verlorenes Vertrauen werben und verlorene Glaubwürdigkeit wiedergewinnen wollen. Dann müssen sie jahrelang – ehrlich – liefern. Zudem sollte die Diagnose der Selbstherrlichkeit lehrreich für andere sein: Gar nicht erst zu glauben, dass man mit halber Kraft im internationalen Wettbewerb bestehen kann!

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          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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