https://www.faz.net/-gqe-8x8hs

Ambulante Operationen : Ärzten geht Narkosemittel aus

In manchen OP-Zentren reichen die Vorräte an Narkosemittel nur noch zwei Wochen. Bild: dpa

Deutschlands Ärzten geht das Betäubungsmittel für Operationen aus. In manchen OP-Zentren kann nach F.A.Z.-Informationen nur noch zwei Wochen lang operiert werden.

          Den Ärzten in Deutschland geht ihr wichtigstes Narkosemittel aus. Ambulante Eingriffe sind deswegen in einigen Operationszentren nur noch zwei Wochen lang möglich. „Dann sind die letzten Reserven verbraucht“, sagte ein Mediziner der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es ist deshalb schon zu Hamsterkäufen gekommen. Betroffen sind vor allem die 3500 niedergelassenen Anästhesisten, aber auch ambulant operierende Abteilungen in Kliniken.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Grund ist ein Lieferengpass, der alle sechs Hersteller betrifft. „Ein Ersatzmittel steht kurzfristig nicht zur Verfügung, jedenfalls keines, das auch nur annähernd die gleiche Verträglichkeit aufweist“, sagt ein Anästhesist aus Frankfurt.

          Das gilt insbesondere für Eingriffe an Kindern, bei denen es noch mehr als bei Erwachsenen auf einen schnellen und punktgenau einstellbaren Abbau der Substanz nach der Operation ankommt. Nur wenn das gelingt, kann der Patient die Praxis kurz nach der Operation verlassen.

          Nachahmerpräparate können den Ausfall nicht wettmachen

          Es geht um den Wirkstoff Remifentanil, der während der Narkose zur Schmerzausschaltung gegeben wird. Remifentanil vertreibt der das ursprüngliche Patent haltende Hersteller Glaxo Smith Kline (GSK) unter dem Namen Ultiva. Das Patent ist vor sechs Jahren ausgelaufen, dennoch hat GSK dem Vernehmen nach einen Marktanteil von 80 Prozent. Den Rest decken Hersteller von Nachahmerpräparaten (Generika) ab. Sie könnten den Ausfall von GSK aber nicht kompensieren.

          GSK hat zuletzt am 22. Februar 2017 an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet, es gebe eine Verzögerung in der Herstellung und daraus resultierend einen Lieferengpass, der bis auf weiteres andauere. Gleiches gilt für die Hersteller Hexal, Fresenius-Kabi, B. Braun, Hameln Pharma und Ratiopharm/Teva, die ein Generikum unter ihrem jeweiligen Namen vertreiben. Ratiopharm hatte am 15. März den Lieferengpass gemeldet.

          Im Praxistest durchgefallen

          Fresenius teilte mit, derzeit könnten „alle bestehenden Kunden“ beliefert werden, wenn auch nicht in jeder Stärke als Monatsbedarf. Ein GSK-Sprecher sagte, das Problem habe voriges Jahr bestanden. Damals seien Chargen wegen Qualitätsmängeln zurückbehalten und einige vernichtet worden. Die Probleme seien behoben, es gebe keine Auswirkungen mehr. „Wir sind wieder voll lieferfähig“, sagte er. Allein, die Produktionskapazität genüge nicht, um die Nachfrage zu decken.

          Beide Aussagen scheinen den Praxistest indes nicht zu bestehen, denn auf Anforderung eines Arztes am Dienstag erklärte der Vertrieb von GSK, er könne das Mittel nicht liefern. Das Unternehmen sichere derzeit nur die Belieferung von zwei Großkliniken zu, mit denen Direktverträge bestünden, sowie die der Bundeswehr, wozu es eine Verpflichtung gebe. Alle anderen Mediziner müssten sich gedulden. Auch andere Hersteller sahen sich am Dienstag außerstande, die Ärzte zu beliefern. Von einem hieß es, er könne frühestens im Juni wieder liefern, ein anderer sagte, es werde womöglich bis Ende des Jahres dauern. Gleichwohl ist das Bild uneinheitlich. In einer großen Krankenhausapotheke hieß es, man bekomme weniger geliefert, als man bestelle.

          Die Probleme sind nicht neu. Schon im vergangenen Jahr gab es in Österreich Berichte über Lieferprobleme. Anfang dieses Jahres berichtete die Apotheke des Malteser Krankenhauses St. Hildegardis, man habe „erneut eine Information über massive Lieferprobleme für Ultiva“.

          Operationen mit stationärem Aufenthalt finden statt

          Über die Ursache der Notlage schweigen sich Beteiligte aus oder nennen unterschiedliche Gründe. In Kreisen der Ärzte und der Prüflabore heißt es, es habe eine Verunreinigung in der den Grundstoff herstellenden Fabrik in Indien gegeben. Andere sagen, die Anbieter der Generika bezögen einen Grundstoff aus Osteuropa, wo es zu Qualitätsproblemen gekommen sei. Angesichts der Lage überlegten B.Braun oder Fresenius-Kabi, eine Produktion in Deutschland aufzubauen. Das wird natürlich nicht über Nacht gelingen.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Wieder andere führen ins Feld, GSK habe das Chaos durch eine unternehmerische Entscheidung ausgelöst. Glaxo Smith Kline werde zwar weiter in seiner Fabrik in Italien produzieren, habe den Vertrieb aber an die südafrikanische Aspen Pharma verkauft. Aspen leite die Mittel womöglich in Märkte um, in denen höhere Margen zu verdienen seien. Restlos aufklären ließ sich der Sachverhalt zunächst nicht, weil jeder Hersteller andere Gründe ins Feld führt und manche für Auskünfte nicht zur Verfügung standen.

          Wie alarmierend die Lage ist, wird auch dadurch deutlich, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf einer Sitzung am 31. März mit Vertretern von GSK besprochen hat, ob es „vertretbare therapeutische Alternativen“ gibt. Das ist offenbar nicht der Fall, weswegen das Thema an diesem Donnerstag abermals und prioritär auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Nicht betroffen sind Operationen in Kliniken, in deren Folge die Patienten über Nacht bleiben. Für solche Narkosen werden andere Mittel eingesetzt. Gleiches gilt für Ärzte auf Notarztwagen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.