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Praktisches Wissen : Überfrachtet die Schule nicht!

Was muss ein Abiturient heute wissen? Auf jeden Fall auch eine Menge über Geld. Bild: dpa

Eine Schülerin klagt darüber, dass sie zu wenig über Geld weiß. Und alle ziehen daraus den Schluss: Die Schule ist Schuld. Doch Praktisches muss man in der Praxis lernen. Nicht im Klassenzimmer.

          „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, twitterte die Schülerin Naina am Wochenende und fand damit großes Echo, bei all denen die es als Problem sehen, dass die persönlichen Finanzen kein Schulfach darstellen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber wo ist da eigentlich das Problem? Mit der Miete herumschlagen muss und kann sich jeder, Gedichte analysieren aber nicht. Das ist eine schöne Qualifikation. Die erwirbt man im praktischen Leben nicht. Das Verständnis für Sprache(n) reift nicht dadurch, dass man sie nutzt wie Gartenpantoffeln. Anders ist das mit der Miete. Das kann man in der Schule nicht lernen, das lernt man durch Erfahrung.

          Dabei muss nicht jeder immer dieselben Fehler machen, man kann ja jemanden fragen, der sich damit auskennt. Zum Beispiel die eigenen Eltern, die ihre Erfahrungen schon gemacht haben. Die in aller Regel jedes Jahr eine Steuererklärung ausgefüllt haben. Und hoffentlich auch eine Kfz-Versicherung haben. Das reicht für den Anfang und wenn man ein bisschen das durch Gedicht-Analyse geschulte eigene Hirn benutzt, kann man ziemlich schnell feststellen, was man besser machen kann.

          Praktisches lernt man in der Praxis

          Und wie soll man das in der Schule überhaupt lernen? Ein Schulfach „Mieten, Versichern, Steuern zahlen“? Voll mit Versicherungsmathematik, Einzelinformationen über die Biersteuer und Vertragsrecht? Was interessiert das 14-jährige? Und wenn da etwas hängen bleibt, dann ist es sinnloses, theoretisches Halbwissen. Wenn es benötigt wird, ist es nichts wert. Also ein 2-stündiger Kurs. Das nützt wohl noch weniger.

          Praktische Dinge lernt man am besten dann, wenn man sie braucht. Denn wenn man davon ausgeht, was 17-jährige alles nicht wissen und können, so sollten wir ihnen in der Schule auch beibringen, wie man Löcher in die Wand bohrt, ein Ei kocht und Fettablagerungen von der Dunstabzugshaube kratzt. Das sollten sie alles von ihren Eltern lernen – denn wozu sind die da?

          Also überfrachten wir doch mal die Schule nicht. Hier geht es darum, die Fähigkeit zu erlernen, sich Dinge anzueignen, komplexe Zusammenhänge zu begreifen und vor allem darum, einen Überblick über das Leben zu bekommen. Dazu gehört vielleicht auch mehr Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge. In die Geldpolitik etwa, damit die Europäische Zentralbank nicht zur dämonischen Institution wird. In den internationalen Handel, damit Griechenland nicht als Schmarotzer gesehen wird. Oder in die Preisberechnung, damit sich die Kluft zwischen Einkaufserleben und Inflationsentwicklung schließt. Aber ein bisschen etwas darf man auch vom Leben lernen. Das ist dann praktisches Wissen. Eine Theorie der Hausratversicherung ist das nicht.

          Übrigens beklagt sich Naina gar nicht über die Schule, wie sie später twittert. Sondern: „Niemand bringt uns bei, wie man später auf eigenen Beinen steht.“ Da ist doch jemand anders gefragt als die Schule.

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