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Naina-Debatte : „Für Steuererklärungen ist die Schule nicht zuständig“

  • Aktualisiert am

Was sollen Schüler lernen? Bild: ddp

In einem Tweet beschwert sich die Schülerin Naina darüber, dass sie zu viel Gedichtinterpretation lernt und zu wenig praktisches Finanzwissen. Was soll die Schule tun? Der Didaktiker Dirk Loerwald antwortet.

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          Gehören Themen wie Versicherungen, Steuern und Miete tatsächlich in die Schule? Oder ist das eher praktische Lebenshilfe, und Lehrer sind ja keine Finanzberater?

          Wenn man den Bildungsauftrag von Schule heute so definiert, dass sie auch auf das Leben vorbereiten soll, dann gehören solche Themen  in die Schule. Die Frage ist aber, wie.

          Dirk Loerwald ist Professor für ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg

          Was schlagen Sie vor?

          Es wäre zu kurz gegriffen, wenn Schulen lediglich praktische Lebenshilfe oder reine Verbraucherbildung vermitteln. Es sollte eher um ein strukturelles Wissen über diese Themen gehen. Schule kann ja nicht auf jede denkbare Lebenssituation vorbereiten. Nehmen Sie das Beispiel Miete. Wenn man einen Mietvertrag abschließt, kann viel passieren. Schule kann da nicht auf jede Eventualität vorbereiten; das lernt man über Erfahrung oder durch Gespräche mit anderen. Ein grundlegendes Wissen über Verträge gehört aber schon zur Allgemeinbildung: inwieweit Verträge durchsetzbar sind und dass man beim Abschluss achtsam sein sollte, dann lernen sie auch, vorsichtig zu sein.

          Was sollten Schüler über Geldanlage lernen?

          Sie müssen bestimmt nicht zu Investmentexperten werden. Aber sie sollten verstehen, wie eine Geldanlage-Beratung funktioniert: Was ist das für eine Situation, welche Interessen hat mein Gegenüber? Will er oder sie Produkte verkaufen, weil es dafür einen Bonus gibt? Wenn Schülerinnen und Schüler das in der Schule schon mal durchdacht haben, dann fragen sie im echten Leben in einer solchen Situation vielleicht eher kritisch nach. Ökonomische Bildung steigert die Kritikfähigkeit. 

          Sollten sie in der Schule lernen, wie man eine Versicherung abschließt?

          Nicht, wie man sie abschließt. Das muss man in der Praxis erfahren. Aber man sollte schon wissen, welche Chancen und Risiken es bei einem solchen Abschluss gibt und worauf man achten sollte. Außerdem sollten sich Schülerinnen und Schüler bewusst werden, dass es für Versicherungen typisch ist, dass man sie nicht so gerne abschließt, weil man ihren künftigen Nutzen unterschätzt. Wenn man alleine das schon weiß, dann hat man einen Teil des Versicherungsprinzips verstanden. Es muss in der Schule um grundlegende ökonomische Kompetenzen gehen, damit man sich eine Meinung bilden kann, nicht über den Tisch gezogen wird und eigene Interessen durchsetzen kann. Wenn ich zum Beispiel das „magische Dreieck“ der Geldanlage kenne, dann weiß ich, dass ich eine möglichst hohe Rendite, eine möglichst große Sicherheit und eine hohe Liquidität nicht auf einmal haben kann. Dann weiß ich auch, dass ein solches Versprechen unredlich ist.

          Was soll man über Steuern lernen? Wie man eine Steuererklärung macht?

          Für die Steuererklärung ist die allgemeinbildende Schule nicht zuständig. Man sollte aber lernen, was Steuern für die Gesellschaft bedeuten, warum der Staat überhaupt Steuern einnehmen muss, was der Staat mit dem Geld macht, wer der Staat überhaupt ist und welche Steuern man zahlt. 

          Warum nicht die Steuererklärung? Sie ist doch auch wichtig.

          Schüler sollten schon lernen, ökonomische und finanzielle Situationen bewältigen zu können. Schule muss aber kein institutionelles Detailwissen über Finanzmärkte vermitteln, sondern ein grundlegendes Verständnis allgemeiner Zusammenhänge.

          Schüler beklagen gerne, in der Schule zu viel Theoretisches (Gedichtanalyse) und zu wenig Nützliches (Finanzwissen) zu lernen. Geht das zu weit?

          Ja und Nein. Die Gedichtanalyse würde ich nicht aus dem Curriculum streichen. Aber die Zeiten, in denen man Humboldt so gedeutet hat, dass das Nützliche aus der Allgemeinbildung heraus muss, lassen sich mit einem modernen Verständnis von Allgemeinbildung nicht mehr vereinbaren.

          Stehen Gedichtanalyse und Finanzwissen überhaupt im Gegensatz zueinander?

          Ich tue mich schon schwer damit, wenn es heißt, dies und das gehört einfach in den Bildungskanon, das haben wir schon immer so gemacht. Man muss auch für die Gedichtanalyse gut begründen, warum sie heute noch wichtig ist – was sicher möglich ist. Doch darf sich der Stundenplan im Laufe der Jahre schon verändern.

          Aus Umfragen weiß man, dass in den Schulen noch wenig Finanz- und Wirtschaftswissen vermittelt wird. Wenn es, wie von Ihnen gefordert, in einem Pflichtfach Wirtschaft unterrichtet wird, dann muss anderes weichen. Was?

          Das ist die schwerste Frage von allen. Allerdings zeigen einige Bundesländer wie Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern, die in der Wirtschaftsbildung voranschreiten, dass es geht.

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