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Naher Osten : Die Kinder von Mohammed und Coca-Cola

  • -Aktualisiert am

Längst sind die Symbole der Globalisierung auch in der muslimischen Welt zu Hause Bild: AP

Die muslimische Welt boykottiert westliche Waren und verweigert sich der Globalisierung. Das kostet Wachstum und Wohlstand. Der Ölreichtum ist dabei kein Segen sondern macht alles noch viel schlimmer.

          3 Min.

          Die dänische Molkerei Arla hat es am schlimmsten erwischt. 1,8 Millionen Dollar Umsatz verliert die Firma derzeit täglich, nachdem viele Länder der muslimischen Welt zum Boykott von Käse und Butter aufgerufen haben. Vor allem westliche Konsumgüterhersteller leiden unter der vom Karikaturenstreit aufgeheizten Stimmung.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Längst sind die Symbole der Globalisierung - von Coca-Cola bis zum Big Mac - auf den Plätzen Kairos, Riads oder Teherans zu Hause. Doch insgesamt ist der wirtschaftliche Tausch zwischen dem Westen und dem Orient eher gering. Während die Schwellenländer in Asien vom rasanten Wachstum des Welthandels profitieren, steht der Mittlere Osten außen vor.

          Am Rande der Weltwirtschaft

          „Die muslimische Welt verweigert sich der Globalisierung“, sagt Peter Pawelka, Orientexperte an der Universität Tübingen. Die Welt des Islams (dazu zählen außer dem Orient auch Indonesien und Malaysia) umfaßt heute 1,5 Milliarden Muslime.

          Bild: F.A.Z.

          56 Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit gehören der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) an. „Aber in der Weltwirtschaft stehen die Muslime trotz ihres demographischen und politischen Gewichts am Rande“, sagt der Islamwissenschaftler Bassam Tibi.

          Die islamische Zivilisation hatte schon bessere Tage. Im 16. Jahrhundert blühten Wirtschaft und Handel im Orient. In Europa - das Mittelalter ging gerade zu Ende - herrschten dagegen Rückständigkeit, Ignoranz und Dunkelheit. Mit dem 17. Jahrhundert wendete sich das Blatt: Parallel zum Aufstieg des Westens erlebte die arabische Welt ihren Niedergang. Warum sind heute die Muslime rückständig, während sich andere - Europäer, Asiaten - vorwärts bewegt haben? „Wegen ihrer Religion“, glauben viele Europäer.

          Islam und Kapitalismus vertragen sich nicht

          „Wegen des europäischen und amerikanischen Imperialismus“, sagen viele Muslime. Tatsächlich haben die Menschen im Orient über Jahrhunderte die Erfahrung einer fortwährenden Demütigung durch Kolonialismus und Fremdherrschaft gemacht. Sie wurden vom demokratischen Amerika und vom marxistischen Rußland enttäuscht. Gerade deshalb ist es für die islamistische Propaganda leicht, die Sprache der ewig Betrogenen immer wieder neu zu aktivieren. Globalisierung erleben die Menschen als Uniformisierung - durchgesetzt von westlichen Konzernen.

          „Islam und Kapitalismus vertragen sich nicht“, postulierte schon vor dreißig Jahren der große jüdisch-französische Islamologe Maxime Rodison. Es sei nicht gelungen, das Wirtschaftssystem vom Handel, also der Merkantilwirtschaft, zur Manufaktur, also zur Industrialisierung, umzustellen, schrieb der marxistische Theoretiker. Dagegen erwies sich im Westen das Zusammentreffen von calvinistischem Christentum, kantianischer Aufklärung und neuzeitlicher Ökonomie als Glücksfall für Wachstum und Wohlstand.

          Öl macht träge und einfallslos

          Für die muslimische Welt sind die wirtschaftlichen Folgen dieser Geschichte dramatisch: Jeder fünfte Araber hat heute weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung; das Pro-Kopf-Wachstum der letzten 20 Jahre besserte sich im Schnitt jährlich gerade um ein halbes Prozent. Ein geringeres Wachstum weisen nur noch die afrikanischen Länder südlich der Sahara auf. „Die Region ist wirtschaftlich in einem desolaten Zustand“, sagt Orientforscher Pawelka.

          Dabei ist der Nahe und Mittlere Osten mit Bodenschätzen reich gesegnet. Zwei Drittel der Weltölvorräte liegen dort; bis 2030 wird der Anteil angesichts versiegender Quellen in anderen Regionen sogar auf bald 50 Prozent wachsen. Und am Öl haben viele arabische Staaten besonders in den vergangenen drei Jahren gut verdient, als der Preis des Schwarzen Goldes am Weltmarkt stark stieg.

          Doch das Öl ist ein Fluch und kein Segen. So kommt - etwa in Saudi-Arabien - ein Drittel des Volkseinkommens aus dem Öl - und 80 Prozent der Staatseinnahmen. Das macht wirtschaftlich träge und einfallslos. „Petrolismus“ nennen die Fachleute die Abhängigkeit der gesamten Region vom Erdölgeschäft - nicht nur der Förderstaaten selbst, sondern auch der vergleichsweise armen Nachbarn. Denn diese erhalten von den Reichen hohe Zuschüsse für ihre Staatshaushalte und exportieren Arbeitskräfte in die Erdölstaaten. Das macht sie zwar abhängig, scheint aber bequemer zu sein als der Aufbau einer eigenen Industrie.

          Dubai könnte ein Vorbild werden

          Die Ölstaaten sind noch nicht einmal gezwungen, Steuern einzunehmen, können sie doch ihre Haushalte mit den Renten aus dem Ölmonopol füttern. Kein Wunder, daß nahezu alle muslimischen Staaten mehr oder weniger autoritär und wenig rechtsstaatlich geführt werden. Denn Steuern zahlende Bürger riefen nach Mitspracherechten. Und Steuerstaaten hätten es nötig, ihre Bürger in einer globalen Welt Geld verdienen zu lassen.

          Von wo könnte die wirtschaftliche Wende ausgehen? Heilsamen Zwang würde das Versiegen der Ölquellen ausüben. In Dubai, wo man so etwas befürchten muß, läßt sich der Strukturwandel gut besichtigen: Das Land setzt auf Tourismus, kauft Seehäfen in der ganzen Welt, fördert die Dienstleister und erlebt einen Bauboom. Dubai gilt heute als „Singapur des Mittleren Ostens“.

          Doch die Hoffnung, daß das Beispiel in Iran oder Saudi-Arabien Schule macht, ist gering. Selbst wenn der Westen vom Öl unabhängig würde und der Ölpreis fiele - der Energiebedarf in Indien und China wird lange Jahre noch groß bleiben.

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