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Nächtliche Aktion : So lief die Evakuierung in London

Bewohner verlassen ein Hochhaus in der Siedlung „Chalcots Estate“ in London. Bild: dpa

Nach der Brandkatastrophe von Kensington müssen die Bewohner von vier Hochhäusern fluchtartig ihre Wohnungen verlassen. Die nächtliche Räumungsaktion wirkt konfus und schlecht vorbereitet. Ein Augenzeugenbericht.

          3 Min.

          Ärger und staunendes Unverständnis: Das waren die Reaktionen vieler Bewohner von vier Londoner Hochhäusern, als sie in der Nacht zum Samstag Knall auf Fall ihre Wohnungen räumen mussten. Die Verwaltung des zuständigen Stadtbezirks Camden hatte am Freitagabend kurzfristig entschieden, die Gebäude mit mehr als 700 Wohnungen komplett zu evakuieren. Nach der Brandkatastrophe von Kensington in der vergangenen Woche waren sie von Fachleuten untersucht worden und als zu gefährlich eingeschätzt worden. Der Brandschutz soll nun verbessert werden. Es wird erwartet, dass die Bewohner erst in drei bis vier Wochen in ihre Wohnungen zurückkehren können.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das ist doch ein schlechter Witz“, ärgert sich Izac, der sich mit seinem Kumpel Maciej eine Wohnung in einem der Hochhäuser teilt. „Es ist ja richtig, dass etwas unternommen wird, um die Häuser sicher zu machen. Aber warum konnten die uns nicht wenigstens übers Wochenende Zeit geben, um auszuziehen?“ Laut Verwaltung wurden 270 Hotelzimmer für einige der von der Evakuierung Betroffenen angemietet. Ein Teil ist auch bei Freunden und Familienangehörigen untergekommen. Aber rund 100 Bewohner müssen die Nacht zum Samstag in einem benachbarten kommunalen Sportzentrum verbringen, wo in der Turnhalle eilig Luftmatratzen auf dem Boden verteilt wurden.

          Die nächtliche Räumungsaktion wirkt konfus und schlecht vorbereitet. Betroffen sind davon auch viele Familien mit kleinen Kindern, Behinderte in Rollstühlen und Senioren. Ordnungskräfte versichern Izac, Maciej und ihren Nachbarn zunächst, ihr Hochhaus solle nicht evakuiert werden. Gegen 23 Uhr heißt es dann plötzlich, alle müssten raus. In den frühen Morgenstunden wiederum teilt die Verwaltung mit, ein benachbartes fünftes Hochhaus sei sicher. Zumindest dessen Bewohner könnten bleiben.

          Bewohner der Hochhäuser berichten, sie hätten von der kurzfristigen Räumung nicht von der Stadtverwaltung, sondern in den Nachrichten oder durch Anrufe von Freunden erfahren. Bibiche, die in einem der Türme wohnt, erzählt, sie sei gegen 20 Uhr mit ihrem jüngsten Sohn vom Einkaufen zurückgekehrt. „Die Sicherheitskräfte wollten mich zunächst nicht ins Haus lassen“, sagt die alleinerziehende Mutter.

          Dabei saßen ihre beiden älteren Söhne im Teenageralter oben allein in der Wohnung. „Die wussten von nichts.“ Was los war, erfuhren sie erst, als ihre Mutter schließlich doch reingelassen wurde, um das Nötigste zu packen. Aber lange nach Mitternacht ist die Familie immer noch unterwegs auf der Suche nach einem Taxi. Sie wollen bei Familienangehörigen unterkommen. Bibiche ist aufgebracht. Sie ärgert sich über die chaotischen Umstände der Evakuierung. „Das darf alles nicht wahr sein“, sagt sie. „Ich wünschte, ich würde morgen früh aufwachen und alles war nur ein schlechter Traum.“

          Die Ratsvorsitzende des Stadtbezirks Camden, Georgia Gould, spricht von einer „beispiellosen Aktion“. Die Katastrophe in Kensington „verändert alles“, heißt es in einer Erklärung weiter. Man habe sich deshalb auf Drängen der Feuerwehr für die Evakuierung entschieden. „Wir mussten das tun, wir müssen auf den Rat der Feuerwehr hin handeln.“ Es seien hunderte von Helfern im Einsatz, um den Betroffenen zu helfen. Die Lokalpolitikerin räumt aber auch ein, es werde „Fragen geben“, wie es zu der abrupten Räumung habe kommen können. Sie verspricht Antworten.

          Auch die Regierung schaltet sich ein. Der zuständige Minister Sajid Javid stärkt der Bezirksverwaltung von Camden den Rücken: Es sei „absolut die richtige Entscheidung“ gewesen, die Evakuierung sofort anzuordnen, sagt er im BBC-Fernsehen. Die Premierministerin Theresa May schreibt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Meine Gedanken sind bei den Bewohnern, die heute Abend evakuiert wurden, während ihre Wohnungen sicher gemacht werden.“

          Der umstrittene Aushang empfiehlt den Bewohnern, im Falle eines Brands in ihren Wohnungen zu bleiben.

          Die aus fünf Hochhäusern bestehende Sozialwohnungssiedlung „Chalcots Estate“ im Stadtteil Belsize Park in Nordlondon wurde Ende der 1960er Jahre gebaut. Viele der Appartements wurden inzwischen allerdings an Privatleute verkauft. Die Wohntürme befinden sich in einer teuren Wohngegend der britischen Hauptstadt. Die fünf Hochhäuser sind zwischen 2007 und 2009 saniert worden. Dabei wurden, ähnlich wie beim Grenfell Tower in Kensington, an den ursprünglichen Betonfassaden Verkleidungen angebracht, die inzwischen als leicht entflammbar eingeschätzt werden. Die Sanierungsarbeiten wurden Medienberichten zufolge von derselben Baufirma durchgeführt wie im Fall des abgebrannten Hochhauses in Kensington.

          Im Innern freilich wurden die Gebäude dem Augenschein nach kaum renoviert. Das Hochhaus, in dem Izak und Maciej leben, hat 23 Stockwerke mit 158 Wohnungen. Es gibt nur ein einzelnes, enges Treppenhaus und zwei Aufzüge. Diese seien aber häufig defekt, sagt Izak. Im Eingangsbereich hängt ein Zettel aus, der die Bewohner auffordert, im Brandfall in ihren Appartements zu bleiben. Dieselbe Brandschutz-Empfehlung war auch den Bewohnern des Grenfell Tower in Kensington vor der Brandkatastrophe gegeben worden. Sie ist mittlerweile hoch umstritten.

          Kutim, der mit seiner Familie in einem der geräumten Gebäude wohnt, berichtet, in seinem Hochhaus habe es vor einigen Jahren einen Wohnungsbrand gegeben, der aber glimpflich verlaufen sei. Danach sei zwar das betroffene Stockwerk renoviert worden. Maßnahmen für einen besseren Brandschutz aber seien nicht ergriffen worden. Die Familie mit drei Kindern steht mit ihren Koffern und der Hauskatze vor dem Hochhaus auf dem Bürgersteig und weiß nicht, wie ihr geschieht. Auch Kutim hält die schnelle Räumung für überzogen. Er habe aus den Nachrichten von der Evakuierung erfahren: „Wir saßen auf dem Sofa, als im Fernsehen kam, dass unser Haus evakuiert werden soll.“

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