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Alexander Armbruster (ala.)

Nächste Phase der Pandemie : Natürlich ist Starthilfe nötig

Stotternder Weltmotor: Große Anschaffungen wie Autos dürften später nachgeholt werden. Autos stehen in Bremerhaven vor der Verladung auf Schiffe Schlange. Bild: dpa

Die Rufe nach einem Konjunkturpaket für die Zeit nach der akuten Phase der Corona-Krise nehmen zu. Sie sind berechtigt – dahinter steht eine ganz zentrale Frage.

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          Und danach? Wie sieht sie denn aus, die Welt nach der Corona-Pandemie? Natürlich sind alle Antworten auf diese Fragen gegenwärtig zwangsläufig hochspekulativ. Zu viel ist noch ungewiss: Ist in einigen Wochen das Allerschlimmste überstanden, oder dauert das noch viele Monate? Wann gibt es einen für die breite Masse ausreichend vorhandenen Impfstoff gegen das neuartige Virus? Und in welcher Verfassung und welchem Verhältnis zueinander befinden sich die Länder, wenn die Pandemie wirklich überwunden ist? Verlässlich beantworten kann das noch niemand.

          Gleichwohl hat letztendlich jeder auf die eine oder andere Weise genau diese Fragestellung im Hinterkopf, der nun öffentlich darüber nachdenkt, Hilfsmaßnahmen für die Zeit nach der akuten Krisenphase vorzubereiten. „Die vielen Milliarden, die heute investiert werden müssen, um eine größere Katastrophe abzuwenden, werden Generationen binden“, äußert die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

          Sie empfiehlt einen neuen Marshall-Plan für Europa, eine Referenz an die Wiederaufbau-Hilfe der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen Grundstein legte für die stabile und gerade für die Bundesrepublik so wichtige Einbindung in den Westen. „Entweder sind wir den Umständen gewachsen oder wir scheitern als Union“, schreibt der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez in einem Gastbeitrag für FAZ.NET. Von der Leyen wie Sánchez ahnen, dass auch diese Krise den Zusammenhalt des Kontinents auf eine harte Probe stellen wird.

          Markus Söder beim Automobilzulieferers Zettl, der angesichts der Corona-Krise seinen Betrieb auf die Produktion von Schutzmasken umgestellt hat.
          Markus Söder beim Automobilzulieferers Zettl, der angesichts der Corona-Krise seinen Betrieb auf die Produktion von Schutzmasken umgestellt hat. : Bild: dpa

          Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Markus Söder wiederum ruft nun nach einem umfangreichen Konjunkturprogramm in Deutschland. Dazu zählt er einerseits breite Steuersenkungen. Andererseits bringt er gezielte Hilfen für die deutsche Automobilindustrie ins Gespräch, „diesmal nicht mit einer Abwrack-, sondern mit einer Innovationsprämie“. Der deutsche Staat solle umweltfreundliche Autos für Kunden deutlich attraktiver machen. „Damit sichern wir Arbeitsplätze, schützen das Klima und verbessern die Wettbewerbsfähigkeit unserer Automobilindustrie“, erklärt er - und dann folgt der entscheidende Punkt: „Das kann uns nach Corona sogar nach vorn katapultieren.“

          Söder weiß - anders als die SPD-Vorsitzende Saskia Esken, die von einer Vermögensabgabe spricht zu einem Zeitpunkt, zu dem gerade die deutschen Mittelständler und Kleinunternehmer ohnehin ihre Reserven einsetzen müssen, um das eigene Überleben zu sichern -, dass ganze Weltmärkte infolge der Pandemie möglicherweise neu vermessen werden. Warum stellen denn Technologie-Konzerne wie der Online-Händler Amazon gerade jetzt Zigtausende neue Mitarbeiter ein?

          Die Globalisierung ändert sich

          Ja, derzeit ruhen viele Geschäfte, haben Unternehmen Investitionen zurückgestellt, Privatleute doch kein neues Auto oder Wohnzimmer gekauft. Doch irgendwann wollen und werden sie das nachholen, und zwar unabhängig davon, ob sie sich angewöhnt haben werden, nur noch im Internet zu bestellen oder nicht. Im Vorteil ist, wer dann schnell liefern und ein breites Angebot machen kann - schneller als andere. Geschwindigkeit zählt, staatliche Starthilfe kann sie erhöhen, weil sich die Konzerne dann tatsächlich leichter damit tun, ihre Kapazitäten wieder auszulasten und die Produktion hochzufahren.

          Klar ist: Auch nach der Pandemie werden Menschen Autos oder Unternehmen Maschinen kaufen. Wenn deutsche Anbieter beides weiterhin in hoher Qualität und dazu passenden attraktiven Preisen liefern können im Inland wie im Ausland, ist das zwar keine Erfolgsgarantie. Aber zumindest eine gute Chance auf einträgliche Geschäfte auch in der Zukunft.

          Die Konkurrenz jedenfalls schläft nicht. China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und für viele deutsche Unternehmen schon heute der größte Absatzmarkt, könnte den Tiefpunkt der Pandemie und ihrer verheerenden wirtschaftlichen Folgen schon hinter sich haben. Und auch Rhetorik und Gebaren des amerikanischen Präsidenten Donald Trump sprechen nicht dafür, dass die internationale Kooperation in Zukunft wieder wächst, weil die ganze Welt nun vom selben Virus, derselben Gefahr sozusagen, betroffen ist.

          Darüber hinaus kann eine breite Steuersenkung in Deutschland dazu beitragen, dass sich besonders die heimische Nachfrage schnell erholt und schlussendlich über das Niveau vor der Krise steigt. Das hilft am Ende nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern auch ihren unzähligen  Zulieferern im europäischen Ausland, in Italien zum Beispiel.

          Ein noch größerer Binnenmarkt dürfte zudem gerade für das bislang so stark vom Export abhängige Deutschland wichtig sein. Natürlich wird sich das internationale Geschäft nach der Pandemie wieder erholen, werden große wie kleine deutsche Unternehmen (hoffentlich) weiterhin attraktive Absatzmöglichkeiten auch in der Ferne haben.

          Allerdings wird die internationale Verflechtung ziemlich sicher eine andere werden. Die (naive) Hoffnung, die neoliberale Globalisierung kehrt quasi auf ihren ursprünglichen Pfad zurück, wird sich aller Voraussicht nach einmal mehr nicht erfüllen. Konkret werden die Länder künftig gerade im medizinischen Bereich mehr eigene Kapazitäten vorhalten und weniger auslagern. Die strategische Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China dürfte ebenfalls bleiben mit den Konsequenzen, die sie jetzt schon zeigt. Fragen beispielsweise, ob die europäischen Länder unabhängiger sein müssen, wenn es um wichtige digitale Infrastruktur geht, werden nicht von der Tagesordnung verschwinden; gut möglich, dass sie sich sogar noch drängender stellen. Und auch die Klimabewegung mit ihrer inhärenten Forderung nach mehr lokaler Versorgung dürfte weiter ein treibender Akteur bleiben.

          Das bedeutet nicht, dass die länderübergreifende Spezialisierung und Arbeitsteilung zum Erliegen kommt, die Wirtschaftswelt sich gänzlich entflechtet. Allerdings wird die Globalisierung künftig eine andere sein als heute, werden vielleicht weniger physische Waren und dafür mehr Daten rund um dem Globus befördert. Ist das gut oder schlecht? Wer weiß. Vielleicht ist es schlicht vernünftig.

          Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass viele Menschen genau das einfordern. Demokratische Regierungen werden sich dem nicht verschließen, auf die eine oder andere Weise.

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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