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Nachruf : Fritz Hellwig (104) ist tot

Fritz Hellwig (1912-2017) Bild: Picture-Alliance

Er saß im Bundestag unter Konrad Adenauer und übernahm im Jahr1951 als Gründungsdirektor die Leitung des heutigen Forschungsinstuts IW. Kurz vor seinem 105. Geburtstag starb Fritz Hellwig.

          An den Wirtschaftspolitiker Fritz Hellwig werden sich heute vielleicht nicht mehr viele erinnern. Doch Hellwig saß in den für die Festigung der jungen Sozialen Marktwirtschaft entscheidenden fünfziger Jahren als engagierter CDU-Abgeordneter im Bundestag. Dort gehörte der Saarländer zu denen, auf die Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard in seinem Kampf um offene Märkte und Wettbewerb zählen konnte, auch wenn man durchaus nicht immer einer Meinung war.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses legte sich Hellwig in der Rentenreform mit Kanzler Konrad Adenauer an. Er kritisierte die geplante automatische Anpassung der Renten an die Nominallöhne, weil sie die Rentenkasse aus seiner Sicht zu großen finanziellen Risiken aussetzte. Hellwigs Bekanntheitsgrad stieg, als der Alte ihn einmal öffentlich fragte: „Na Hellwig, sind Sie endlich mal zufrieden mit mir?“

          „Überwucherung mit Regulierung“

          Auch in der scharfen Auseinandersetzung mit der Industrie über das Kartellgesetz 1957 stand Hellwig auf Erhards Seite. Dies obwohl er aus seiner früheren Berufstätigkeit enge Verbindungen in die Wirtschaft hatte. 1912 in Saarbrücken geboren, hatte Hellwig Philosophie, Volkswirtschaftslehre und Geschichte studiert und nach der Promotion als Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Saarbrücken begonnen. 1951 übernahm er als Gründungsdirektor die Leitung des von Unternehmen finanzierten Deutschen Industrieinstituts, des heutigen IW in Köln.

          Wer Macht habe, solle nicht frei sein, lautete Hellwigs in drei Jahren amerikanischer Kriegsgefangenschaft gewonnene Überzeugung. Diese Zeit habe sein ökonomisches und politisches Denken geprägt, sein Freiheitsverständnis, erzählte Hellwig später. Die Masse hätte damals noch nicht begriffen, dass der Weg der Verstaatlichung in die Unfreiheit führe.

          Nur kurz wurde Hellwig als möglicher Nachfolger Erhards im Wirtschaftsministerium gehandelt, dem standen seine engen Drähte in die Industrie dann doch entgegen. Obwohl man in Industriekreisen über Hellwig nach der Kartelldebatte nicht mehr ganz glücklich war, galt er in der Politik als Sprecher der Industrie. So wechselte der begeisterte Sammler von Landkarten in die Europapolitik. Als zweiter Deutscher wurde er 1959 Mitglied der Hohen Behörde für Kohle und Stahl, der Montanunion, danach einer der vier Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, zuständig für Forschungspolitik.

          Einen Festakt zum 100. Geburtstag von Ludwig Erhard nutzte der damals schon 84 Jahre alte Hellwig dazu, auf Fehlentwicklungen der Sozialen Marktwirtschaft noch einmal nachdrücklich aufmerksam zu machen. Er sah die Gefahr, dass die Marktwirtschaft zu einer Leerformel verkomme. Er kritisierte die „Überwucherung des Marktgeschehens, ja des Verhaltens aller Wirtschaftsteilnehmer bis zum Letztverbraucher, mit Regulierungen und Verwaltungsvorschriften aller Art“. Im Wettbewerb entscheide nicht mehr der Markt, sondern die Bürokratie, ob Verwaltung oder Gericht, nicht selten gestützt auf Gutachten rivalisierender Institute oder Beiräte, warnte Hellwig 1997 in seiner Festrede. Auch mit den Subventionen sei es schlimmer geworden als Erhard für möglich gehalten habe.

          Hellwig ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am vergangenen Samstag gestorben. Kurz vor seinem 105. Geburtstag.

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