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Nachkriegszeit : Als sich die CDU vom Sozialismus abwandte

Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) und Ludwig Erhard im September 1963 in Bonn Bild: Picture-Alliance

Nach dem Krieg forderte die CDU die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Dann kam Ludwig Erhard – und mit ihm vor genau 70 Jahren die politische Kehrtwende hin zur Marktwirtschaft.

          „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“ So beginnt das Ahlener Programm, das die CDU in der britisch-amerikanischen Bizone im Februar 1947 verabschiedete. Millionen Vertriebene und Ausgebombte hatten kein festes Dach über dem Kopf, Millionen froren im Winter, viele hungerten. Staatliche Bewirtschaftung, Rationierung sowie Preiskontrollen waren die Norm. Eine Rückkehr zur Marktwirtschaft hielten die Christdemokraten für ausgeschlossen, ihnen schwebte ein „christlicher Sozialismus“ vor. Das „kapitalistische Gewinn- und Machtstreben“ gelte es zu überwinden. Ihr Ahlener Programm zielte auf eine „gemeinwirtschaftliche Ordnung“. Die Wirtschaft bedürfe staatlicher Planung und Lenkung – nicht nur in der aktuellen Krise, sondern „auch in normalen Zeiten“.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Mit diesem Programm lagen die Christlichen Demokraten voll im Zeitgeist. Das liberale Wirtschaftssystem galt als gescheitert – so der damalige Konsens von links bis rechts nach der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. In Großbritannien verstaatlichte die Labour-Regierung in der Nachkriegszeit wichtige Industrien. In Amerika hielt man an der „New Deal“-Lenkung der Wirtschaft fest. Die CDU forderte, den Kohlebergbau zu vergesellschaften. Aber auch die Eisen- und Stahlindustrie, andere große Unternehmen, Großbanken und Kreditwirtschaft wollten die tonangebenden CDU-Kreise unter staatliche Kontrolle bringen, entflechten und vergesellschaften. „Die CDU überwindet Kapitalismus und Marxismus“, lautete das Motto.

          Dass die Christdemokraten dann eine scharfe wirtschaftspolitische Wende vollzogen, ist in erster Linie dem Einfluss von Ludwig Erhard zu verdanken. Der parteilose Ökonom mit der Zigarre, seit 1947 Direktor der Wirtschaftsverwaltung in der Bizone, hatte ganz andere Pläne. Erhard war geprägt von der ordoliberalen Freiburger Schule um Walter Eucken. Im Juni 1948 nutzte er die von den Alliierten vorbereitete Währungsreform, um einen Großteil der Preiskontrollen abzuschaffen. Plötzlich gab es wieder Waren in den Geschäften zu kaufen, allerdings schossen die Preise in die Höhe. Es regte sich breiter Unmut, bei einem Generalstreik protestierten rund 9 Millionen Beschäftigte gegen Erhards Politik.

          Viel Raum für Interpretation

          Der blieb ungerührt. In einer leidenschaftlichen Rede auf dem zweiten Parteitag der CDU im August 1948 war es ihm gelungen, die Stimmung zu drehen. Erhard beschwor die Partei, dass nur eine Entfesselung der Marktwirtschaft aus der Notlage führen könne, während Konrad Adenauer eine pragmatische, eher beliebige Einstellung zur Wirtschaftspolitik hatte. Die Partei ließ eine Kommission unter Leitung des Juristen Franz Etzel ein neues Programm erarbeiten, entscheidende Impulse gab dabei der ordoliberale Kartellrechtsspezialist Franz Böhm aus Euckens Freiburger Schule, der nach dem Krieg an der Universität Frankfurt lehrte. Ihr zwölfseitiges Konzept stellte schließlich Erhard als „Düsseldorfer Leitsätze“ am 15. Juli 1949 der Öffentlichkeit vor.

          Zentrale Begriffe waren „Soziale Marktwirtschaft“ und „Leistungswettbewerb“. Das neue Programm erteilte der Planwirtschaft eine Absage. Monopole sollten einer Monopolkontrolle unterstehen, ansonsten freier Wettbewerb in der Wirtschaft herrschen, geleitet durch marktgerechte Preise. Zudem sprach sich das Programm für eine Steuerreform mit geringeren Sätze aus. Der Staat sollte Gewerbefreiheit garantieren, die Lohnfindung den Tarifparteien überlassen. Die Sozialgesetzgebung sollte vermögenslose Schichten bei der Bildung von Eigentum unterstützen. In gesonderten sozialpolitischen Programmen war die Wohnungsnot das brennendste Thema. Durch Steueranreize sollten Millionen von Kleinwohnungen zu erschwinglichen Mieten gebaut werden.

          Mit dem Slogan „Soziale Marktwirtschaft statt Planwirtschaft“ zog die CDU in die erste Bundestagswahl im August 1949, in der die Union knapp stärkste Partei wurde. In den fünfziger Jahren wurde die Soziale Marktwirtschaft, der man das „Wirtschaftswunder“ zusprach, zunehmend populär – auch weil die Formel zu vielen Interpretationen einlud, die oft gar nicht Erhards marktwirtschaftlicher Intention entsprachen.

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