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Nachhaltige Anlagestrategien : Warum der grüne Finanzmarkt auch für Probleme sorgt

Grüne Finanzprodukte konnten im letzten Jahr ein starkes Wachstum verzeichnen – doch: „Es besteht wohl noch ein beträchtliches Potential für Green Finance“, erklärt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Bild: AP

Nachhaltigkeit liegt im Trend, auch auf dem Finanzmarkt. Doch trotz des starken Wachstum von grünen Produkten und Anlagemöglichkeiten bleiben einige Fallstricke – und die Gefahr des Greenwashings.

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          Banken, Versicherer und Fonds werden immer grüner, an nachhaltigen Anlageprodukten kommt kein Anleger mehr vorbei. Doch was nachhaltig ist, darüber besteht keine Einigkeit. In China werden grüne Anleihen – der Finanzmarkt spricht von Green Bonds – begeben, um effizientere Kohlekraftwerke zu finanzieren. Das mag richtig sein, CO2 wird dabei trotzdem ausgestoßen. Polen, einer der größten CO2-Emittenten in Europa, begibt zwei grüne Staatsanleihen, holzt aber einen Teil des Urwalds Bialowieza ab, eines Unesco-Weltnaturerbes. Auch Frankreich lässt sich nicht von der Atomkraft abbringen und begibt gleichzeitig grüne Staatsanleihen – mit großem Erfolg.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Atomkraft mag zwar CO2-neutral sein, aber die Endlagerung bleibt ein gefährliches Unterfangen. Nach der Einigung vom Donnerstagabend zwischen EU-Ministerrat, EU-Kommission und Europäischem Parlament zum Kriterienkatalog für nachhaltige Finanzierungen, also zur sogenannten Taxonomie, wird Kohle ganz ausgeschlossen. Noch keine Festlegung gibt es zur Atomkraft. Deutschland, das aus der Kernkraft aussteigt, geht auch nicht mit gutem Beispiel voran: Es konnte durchsetzen, dass Investitionen in Gas – möglicherweise ähnlich wie in Atomkraft – ebenfalls als nachhaltig gelten können. Da noch nicht sicher ist, ob der Kompromiss endgültig Bestand hat, sind Zweifel angebracht, ob der Green Deal am Ende so nachhaltig ausfällt, wie es die EU-Kommission mit ihrer neuen Präsidentin Ursula von der Leyen versprochen hat.

          Starkes Wachstum, aber noch Luft nach oben

          Auch wenn seit mehreren Monaten Banken, Versicherer und Vermögensverwalter für nachhaltige Anlagen werben, spielen diese Produkte am Finanzmarkt tatsächlich noch keine große Rolle. Wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kürzlich ausführte, beträgt der Anteil der Green Bonds am gesamten internationalen Markt nur knapp 2 Prozent. „Es besteht wohl noch ein beträchtliches Potential für Green Finance“, sagte er. Trotzdem beeindrucken die Wachstumsraten.

          Auch deshalb will der deutsche Staat im nächsten Jahr seine erste grüne Bundesanleihe begeben. Nach Angaben der Ratingagentur Moody’s haben sich die Emissionen an grünen Anleihen in den ersten neun Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um gut zwei Drittel auf knapp 190 Milliarden Dollar erhöht. Auch private Anleger setzen verstärkt auf Nachhaltigkeit. Nach Zahlen des deutschen Fondsverbands BVI haben nachhaltige Fonds ihr verwaltetes Vermögen binnen fünf Jahren auf 31 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Hierzu trägt der Aktionsplan der EU-Kommission bei, denn sie will Nachhaltigkeit zwingend in Beratungsgesprächen zwischen Banken und Sparern verankern.

          Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s hat Bundesbank-Präsident Weidmann aufgefordert, Klimarisiken stärker in ihren Ratings zu berücksichtigen. Überschwemmungen, Dürreperioden und Unwetter stellen ein hohes Risiko für die Finanzstabilität dar. Deshalb sollen sie in der Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Schuldnern in Zukunft berücksichtigt werden. Dann kann eine grüne Anleihe eine andere Ausfallwahrscheinlichkeit aufweisen als eine herkömmliche. So ließe sich eine geringere Eigenkapitalunterlegung rechtfertigen für Green Bonds – und am Ende auch eine stärkere Berücksichtigung in Anleihekaufprogrammen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde will die Geldpolitik stärker nachhaltig ausrichten.

          Werden grüne Finanzprodukte pauschal begünstigt, droht aber eine Fehlallokation. Manche Marktteilnehmer geben sich grün, nehmen es aber in der Umsetzung nicht ganz so ernst. Das sogenannte Green Washing würde in diesem Fall aufsichtsrechtlich gefördert. In ihrem Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken betrachtet die deutsche Finanzaufsicht Bafin die Risiken aus dem Klimawandel nicht als eigene Risikoklasse. Vielmehr wirkten sie sich auf alle bekannten Risikoarten wie Kreditausfälle, Marktpreise, Liquidität oder Reputation aus. Das bedeutet: Klima- und Umweltrisiken können die bekannten Finanzrisiken deutlich verstärken, bewegen sich aber im bisherigen Koordinatennetz.

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