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Nach Offshore-Leaks : Hatz auf Reiche

  • -Aktualisiert am

Das könnte den Regierungen so passen: Den Steuerwettbewerb zum Ersticken bringen, um umso ungenierter auf das Geld der Reichen zugreifen zu können.

          2 Min.

          Offshore-Leaks heißt das neue Zauberwort, das die Welt bewegt. Es geht um 2,5 Millionen vertrauliche Dokumente, Daten, die Auskunft geben darüber, wie die Superreichen ihr Geld - verschachtelt über Briefkastenfirmen - vor dem Fiskus in Steueroasen in Sicherheit bringen. Ross und Reiter werden genannt, und wir hören von den Schweinereien der üblichen Verdächtigen: Darunter sind Gunter Sachs, Playboy-Liebling der bunten Blätter (inzwischen längst tot), der Marcos-Clan, philippinische Herrscher, die ihr Volk ausplünderten, oder Baroness Carmen Thyssen-Bornemisza, eine feinsinnige Kunstsammlerin, die, kaschiert in einer Firma namens Nautilus Trustees Limited, ihr Geld lieber in wertvollen Van-Gogh-Gemälden als in Steuergeldern für den spanischen Staat anlegt.

          Gewiss, das alles ist verwerflich, abscheulich und vieles davon auch rechtswidrig. Menschen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Mitmenschen steuerehrlich sind, sonst bröckelt die Moral. Aber der Aufschrei der Empörten, der jetzt durchs Land hallt, hat jegliches Maß verloren und nährt den Verdacht, dass das Leck im vertraulichen Datenpool (ganz in Ordnung und moralisch unangreifbar ist das auch nicht, oder?) noch anderen Zwecken dienen soll. Zum Beispiel der Hatz auf die Reichen insgesamt.

          Was soll der Schmarotzervorwurf?

          Was hat es mit dem Leak zu tun, wenn diejenigen, die die Daten öffentlich machen, jetzt brüllen, „parasitärer Reichtum“ sei verwerflich und „Geld verpflichtet“? Wer ist mit dem Schmarotzervorwurf gemeint? Nein, Reichtum ist überhaupt nicht verwerflich und Geld verpflichtet erst einmal zu gar nichts. Wer ordentlich zu Geld gekommen ist (sei es durch Arbeit, durch Erbe oder, horribile dictu, durch erfolgreiche Spekulation), kann damit machen, was er will: teure Yachten kaufen, griechische Staatsanleihen zeichnen, eine Internet-Firma gründen oder den Reichtum den Enkeln vermachen. Rechenschaft darüber ist er niemandem schuldig.

          Die Sorge für die Ärmeren der Gesellschaft ist mit der progressiven Steuer abgegolten; zusätzliche Almosen sind unbenommen. Völlig abwegig ist das Argument, weil jeder Hartz-IV-Empfänger gegenüber dem Staat die Hosen runterlassen müsse und seine persönlichen Verhältnisse transparent zu machen gezwungen sei, sollten jetzt auch die Daten der Reichen öffentlich zugänglich werden. Der feine Unterschied ist: Sozialhilfeempfänger wollen Staatsgeld, das vorher den Reichen abgeknöpft wurde.

          Am Geschäftsmodell kleiner Staaten ist nichts verwerflich

          Es wäre gut, die Kirche käme bald wieder zurück ins Dorf. Großzügig geschätzt geht es um weltweit 150 Milliarden Euro, die am Fiskus vorbei unter Pazifikpalmen sich sonnen. Käme das Geld auf einen Schlag in die entsprechenden Staatssäckel, es wäre nicht mehr als ein paar Tropfen Südseesalzwasser. Allein die deutsche Staatsschuld beträgt 2100 Milliarden Euro, weltweit sind es 38.000 Milliarden. So wie wir die Staaten kennen, würden sie die Mehreinnahmen ohnehin nicht zur Schuldentilgung nutzen, sondern sich neue Ausgaben einfallen lassen zur größeren Ehre der Politiker. Ein wenig von der aufbrausenden Skepsis gegen die reichen Steuerbanditen wünscht man sich auch gegenüber dem Staat (eine Art legaler Bandit).

          Am Geschäftsmodell kleiner Staaten ist übrigens nichts verwerflich. Es ist ihrer Sache, welche Steuersätze sie Personen und Firmen auf ihrem Hoheitsgebiet erlassen. Darin, dass die „Paradiese“ (im Begriff schwingt irgendwie auch viel Neid mit) international jetzt unter Druck gesetzt werden, zeigt sich die Arroganz großstaatlicher Macht, die Moral vorschützt, aber in Wirklichkeit vor allem aufs große Geld aus ist. Das könnte den Regierungen so passen, den Steuerwettbewerb zum Ersticken zu bringen, um umso ungenierter auf das Geld der Reichen zugreifen zu können.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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