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Nach Manipulationsskandal : Großbritannien will Libor-Zinssatz reformieren

Im Zentrum der Kritik: Zahlreiche Kreditinstitute im Bankenviertel in London. Bild: DAPD

Im Libor-Skandal ermitteln Behörden mittlerweile gegen rund 20 Großbanken, deren Händler den Zinssatz über Jahre manipuliert haben sollen. Die britische Regierung will nun Reformen: mehr Transparenz, eine strengere Aufsicht, harte Strafen.

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          Die britische Regierung unternimmt nach dem Zinsmanipulationsskandal der vergangenen Wochen erste Schritte zur Reform der umstrittenen London Interbank Offered Rate (Libor). An diesem Freitag hat der Finanzaufseher Martin Wheatley ein „Diskussionspapier“ veröffentlicht, das Fehler untersucht und Verbesserungsvorschläge für diesen wichtigen internationalen Zinssatz unterbreitet. Eine Reform sei zwar zwingend, sagte Wheatley. Zugleich warnte er aber vor großen rechtlichen Risiken: Millionen von Kreditverträgen könnten hinfällig werden. Um Missbrauch in Zukunft zu verhindern, seien mehr Transparenz, eine strengere Aufsicht und harte Strafandrohungen bei Verstößen notwendig.

          Ermittlungen gegen 20 Großbanken

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wheatley, der zur Führungsspitze der Londoner Finanzaufsichtsbehörde FSA zählt, war vom britischen Finanzminister George Osborne mit der Untersuchung beauftragt worden. Der Libor-Skandal schlägt im globalen Bankgeschäft hohe Wellen. Behörden in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern ermitteln gegen rund 20 internationale Großbanken, deren Händler über Jahre hinweg den Libor manipuliert haben sollen, um Handelsgewinne einzustreichen, oder die prekäre Finanzlage ihrer Banken zu verschleiern. Zum Kreis der Verdächtigen zählt auch die Deutsche Bank. Als erstes Kreditinstitut hat Ende Juni die britische Großbank Barclays einer Geldstrafe von 290 Millionen Pfund (370 Millionen Euro) in Großbritannien und den Vereinigten Staaten zugestimmt.

          Der Libor zählt zu den wichtigsten Zinssätzen im internationalen Kreditgeschäft. Er wird täglich vom britischen Bankenverband in mehreren Währungen ermittelt und soll widerspiegeln, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig kurzfristig Geld leihen. Von großer Bedeutung ist der Libor, weil er als Referenz für die Kosten zahlreicher anderer Finanzprodukte von der Kreditkarte bis zum Immobilienkredit dient. Wheatley schätzt, dass der Libor die Basis für Transaktionen im Gesamtvolumen von mindestens 300 Billionen Dollar bildet.

          Ermessensspielraum missbraucht

          Das Vertrauen in den Libor sei so stark geschwächt, dass eine Reform unabdingbar sei, bilanziert der Finanzaufseher. Weil an dem Referenzzins so viele andere Geschäfte hängen, sei dies jedoch extrem schwierig. Jede materielle Veränderung in der Art und Weise, wie der Libor ermittelt wird, bringe unweigerlich das Risiko mit sich, dass Millionen von laufenden Finanzverträgen ungültig würden, warnte Wheatley. Reformen oder eine komplette Abkehr vom Libor müssten deshalb behutsam erfolgen.

          Dennoch sei damit zu rechnen, dass die Marktteilnehmer zunehmend nach Alternativen zu dem unglaubwürdig gewordenen Zinssatz suchten. Mehr Transparenz und eine verbesserte Aufsicht hält Wheatley für dringend geboten. Bisher wird der Libor nicht auf Basis tatsächlicher Geschäfte ermittelt. Stattdessen nennen die Händler von 18 großen Banken indikative Zinssätze, zu denen sie bereit wären, Geschäfte abzuschließen. Dieser Ermessensspielraum wurde für die Manipulationen missbraucht.

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