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Kommentar : Karstadt in Angst

  • -Aktualisiert am

Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt wirft hin. Das ist ein katastrophales Signal.

          Die Schwedin Eva-Lotta Sjöstedt hatte den schwierigsten Job im deutschen Einzelhandel – für gerade mal fünf Monate. Jetzt hat sie keine Lust mehr und verlässt das Unternehmen schon wieder. So deutlich wie selten in der Wirtschaft wird auch der Grund für den Rückzug der ehemaligen Ikea-Managerin genannt: Der Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen hat sie in ihren Augen nicht ausreichend unterstützt.

          Das ist ein katastrophales Signal – und immer deutlicher wird klar, dass sich Berggruen mit seinem Karstadt-Investment völlig verkalkuliert hat. Sjöstedt galt unter vielen Mitarbeitern als die letzte Hoffnungsträgerin. Wenn sie in Filialen zu Besuch war, kam regelrechte Aufbruchsstimmung auf. Nicht zuletzt wollte sie den Managern in den einzelnen Städten mehr Freiheiten geben und nicht mehr so viel aus der Zentrale in Essen entscheiden. Das dürfte nun alles Makulatur sein – und einstweilen beschäftigt sich die Zentrale wieder mit sich selbst.

          Es ist das Gegenteil von dem, was nötig wäre. Vor vier Jahren war Karstadt mit großem Getöse und viel Lob für den vermeintlichen Retter Berggruen aus der Insolvenz entlassen worden - doch vor ein paar Wochen erst hat die Geschäftsleitung eingestehen müssen, dass der negative Trend beim Umsatz noch immer nicht gestoppt, sondern nur gemildert wurde. Dass das angeschlagene Unternehmen auch in diesem Geschäftsjahr hohe Verluste machen wird, hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl sogar schon zu Jahresbeginn angekündigt. Früheren Berichten zufolge soll der Umsatz in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013/14 auf etwas mehr als 1,4 Milliarden Euro zurückgefallen sein, vor allem wegen des schlechten Weihnachtsgeschäfts.

          Angesichts der angespannten Situation hatte die Karstadt-Führung in den vergangenen Monaten rigide Sparmaßnahmen eingeleitet. Kostspielige Rabattaktionen wurden zurückgeführt. Das hat zwar die Margen leicht verbessert, bringt aber offenbar weniger Kunden in die Häuser.

          Und nun? Eigentlich müsste Berggruen, der bisher kaum eigenes Geld in Karstadt investiert hat, Farbe bekennen und endlich für eine vernünftige Zukunft für die traditionsreiche Warenhausgruppe sorgen. Dass dies nicht einfach wird, wusste er vorher. Dass Karstadt dafür einen Partner wie zum Beispiel Kaufhof braucht, wusste er auch. Er wollte den Kaufhof vermutlich, ebenso wie Karstadt, mehr oder weniger geschenkt bekommen. Diese Hoffnung ist nicht aufgegangen. Es gilt, die Konsequenzen zu ziehen. Wenn Berggruen seinen einst guten Namen in Deutschland nicht auf Spiel setzen will, muss er nun Manns genug sein und Karstadt wirklich eine Zukunft geben: mit seinem eigenen Geld.

          Leider ist genau das nicht zu erwarten. Schon vor dem Antritt von Sjöstedt hatte sich der Eigner auch von der Mehrheit an zwei Filetstücken des Konzerns getrennt. Der österreichische Investor Rene Benko hatte die Mehrheit am operativen Geschäft von Karstadt Sports und der Premium Group übernommen - in ihr sind die Luxuswarenhäuser rund um das KaDeWe gebündelt. Benko besitzt zudem zahlreiche Karstadt-Immobilien. Und zuletzt machten Meldungen die Runde, Berggruen fordere vom Rest des Unternehmens Karstadt sogar noch höhere Beträge für die Nutzungsrechte am Namen Karstadt, die ihm gehören. In diesem Jahr sollen sie angeblich rund 11 Millionen Euro ausmachen. Einen Kommentar dazu gab es von Berggruen nicht. Das Schweigen darf den Mitarbeitern von Karstadt zu recht Angst einjagen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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