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Nach Ende der Frequenzauktion : Rohstoff für den Mobilfunk

Auktion beendet: Das üppige Angebot erklärt zum Teil, warum Milliardenerlöse ausgeblieben sind Bild: ddp

Statt bis zur Schmerzgrenze künftige Gewinne abzuschöpfen, hat die Frequenzauktion den Mobilfunkanbietern den finanziellen Spielraum gelassen, den sie für einen möglichst raschen Ausbau der Netze benötigen. Den Kunden kann es nur recht sein.

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          Als vor zehn Jahren die legendäre Auktion der UMTS-Mobilfunklizenzen zu Ende ging, spülte sie Einnahmen von 50 Milliarden Euro in den Bundeshaushalt. Finanzminister Wolfgang Schäuble muss sich mit einem dünneren Geldsegen zufriedengeben. Gerade einmal 4,4 Milliarden Euro hat die Versteigerung der neuen Frequenzen eingebracht, sehr viel weniger, als einige optimistische Banken und Beratungsgesellschaften erwartet hatten. Doch in Schäubles Budgetplanung stehen bisher nur die vorgeschriebenen Mindestgebote von knapp hundert Millionen Euro, er verbucht also einen hübschen „Nettogewinn“. Gemessen an den monströsen Rettungsschirmen, erscheint der Betrag zwar vernachlässigbar. Trotzdem werden die Zusatzmilliarden begehrliche Blicke auf sich ziehen. Im Ressortstreit über die Einhaltung der Schuldenbremse entfalten schließlich schon sehr viel kleinere Summen große politische Sprengkraft.

          Dass die Auktion bei weitem nicht an das UMTS-Ergebnis herankommen würde, war absehbar. Auf dem Höhepunkt der Internetblase schossen die Markterwartungen und mit ihnen die Gebote damals durch die Decke; sogar zwei Neueinsteiger versuchten ihr Glück im deutschen Mobilfunk und fielen damit auf die Nase. Auch die vier etablierten Netzbetreiber mussten sich gedulden und hohe Abschreibungen auf die teuren Lizenzen verkraften, weil die Nachfrage nach mobiler Datenübertragung nur sehr langsam in Gang kam. Es fehlten einfach die passenden Endgeräte. Inzwischen laufen die Datennetze unter Volllast, und die Anbieter brauchen neue Übertragungskapazitäten, um sich für den erwarteten steilen Anstieg des Datenverkehrs durch Smartphones und Netbooks zu rüsten.

          Ein Vierer-Oligopol unter sich

          Bei der Versteigerung war das Vierer-Oligopol aus T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 unter sich. Die von der Bundesnetzagentur geschürte Erwartung, die Ausschreibung werde neue Anbieter locken, hat sich nicht erfüllt. Der Markt ist jetzt schon so hart umkämpft, dass wohl eher mit einer Konsolidierung zu rechnen ist als mit einem Neuling, der für viel Geld eine eigene, parallele Technik aufbauen müsste. Dieser Zug ist nun abgefahren: Weitere freie Frequenzen sind vorläufig nicht in Sicht, die Netzagentur hat alles versteigert, was zu haben war. Der wichtigste Rohstoff für den Mobilfunk ist für die kommenden fünfzehn bis zwanzig Jahre verteilt. Mit den nun zusätzlich verfügbaren 360 Megahertz (MHz) verdoppelt sich das für den Mobilfunk nutzbare Frequenzspektrum.

          Das üppige Angebot erklärt zum Teil, warum die von manchen erhofften und von anderen befürchteten Milliardenerlöse ausgeblieben sind. Mit der Entscheidung, das gesamte Spektrum auf den Markt zu werfen, hat sich der Staat gegen möglichst hohe Einnahmen entschieden. Als Steuerzahler kann man dies bedauern, die Unternehmen sind natürlich hochzufrieden. Auch gesamtwirtschaftlich und aus Sicht der Mobilfunkkunden spricht einiges für diese Strategie. Statt bis zur Schmerzgrenze künftige Gewinne abzuschöpfen, hat die Versteigerung den Anbietern den finanziellen Spielraum gelassen, den sie für einen möglichst raschen Ausbau der Netze der Zukunft benötigen. Umso mehr ist die Bundesregierung nun allerdings auch in der Pflicht, die versprochenen Investitionen einzufordern, um mit Hilfe der neuen Frequenzen die Lücken in der Breitbandversorgung zu schließen.

          Das zusätzliche Spektrum ist das Sprungbrett in die Zukunft des Mobilfunks. Long Term Evolution (LTE) heißt im Branchenjargon die Entwicklung hin zu einer neuen Technik, die Internet per Funk zu einer echten Alternative zum Breitbandfestnetz machen soll. Bandbreiten von mehr als 100 Megabit (MBit) in der Sekunde, das Fünfzigfache eines herkömmlichen DSL-Anschlusses, werden möglich. Das Wettbieten konzentrierte sich auf einen kleinen Teil des Spektrums: die Frequenzen im Bereich um 800 MHz, die durch die Digitalisierung des Rundfunks frei geworden sind. Dieser Teil des Spektrums, die „digitale Dividende“, eignet sich in besonderer Weise für den Ausbau flächendeckender Datennetze: Die Funkwellen tragen sehr weit und benötigen im Vergleich zu anderen Frequenzbereichen nur wenige Sendemasten.

          Deshalb hat die Bundesregierung die 800-MHz-Lizenzen an die Bedingung geknüpft, dass sie zunächst für eine Breitbandgrundversorgung auf dem Land genutzt werden müssen. Erst in einer zweiten Stufe können damit neue Netze in den Städten gebaut werden. Trotz dieser Hypothek sind die 800-MHz-Frequenzen äußerst begehrt: Insgesamt waren 41 Frequenzblöcke zu haben, aber allein die sechs Blöcke aus der digitalen Dividende brachten 3,6 Milliarden Euro ein. Verlierer des Wettbietens ist E-Plus: Im Rennen um die digitale Dividende leer ausgegangen, wird sich der zweitkleinste Anbieter zwangsläufig auf die lukrativen Ballungsgebiete konzentrieren. Für vergleichsweise kleines Geld hat sich E-Plus die dafür notwendigen Frequenzen gesichert und kann die eingesparten Milliarden in den Netzausbau stecken. Aber die Konkurrenz wird nicht auf sich warten lassen. Denn auch die drei anderen Anbieter haben außerhalb der digitalen Dividende genügend freies Spektrum ersteigert, um in den Städten sofort loslegen zu können. Den Kunden kann es nur recht sein.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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