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Nach der Fusion : Börsen vor Herkulesaufgaben

  • -Aktualisiert am

Intensive Beschäftigung: Trader der Nyse verfolgen im Mai 2010 eine Pressekonferenz von Deutsche-Börse-Chef Francioni Bild: dapd

Die gemütlichen Zeiten sind für Börsen vorbei. Die Probleme der Deutschen Börse und der New York Stock Exchange Euronext werden durch die Fusion nicht gelöst, es kommen sogar neue hinzu.

          Dem griechischen Nationalhelden Herkules waren einst schier unlösbare Aufgaben aufgetragen. Die Tötung des nemeischen Löwen, das Ausmisten der Ställe des Augias oder die Erledigung der neunköpfigen Hydra galten als schlicht unmöglich. Die Börsen stehen zwar vor weniger martialischen, aber doch nicht minder immensen Herausforderungen.

          Sie müssen ihre extrem hohen Gewinnmargen von mehr als 50 Prozent gegen aufkommende Konkurrenz verteidigen und dabei gleichzeitig endlich wieder Wachstumsperspektiven eröffnen. Ein Blick auf die schwache Kursentwicklung der Aktien von Industrieländerbörsen in den vergangenen Jahren zeigt bislang wenig Zutrauen der Anleger in dieses Unterfangen.

          Die Deutsche Börse und die New York Stock Exchange Euronext unternehmen deshalb nun einen gewagten Schritt und wollen sich den Herausforderungen künftig gemeinsam stellen. Die Aktionäre konnten von der Vorteilhaftigkeit der Fusion zum weltgrößten Börsenkonzern überzeugt werden. Vergangene Woche stimmten gut 65 Prozent der Nyse Euronext-Aktionäre dem Vorhaben zu, nötig waren mehr als 50 Prozent. Diese Woche folgten gut 80 Prozent der Deutsche Börse-Aktionäre, 75 Prozent waren hier mindestens erforderlich. Genehmigen auch alle Aufsichtsbehörden die Fusion, entsteht der neue Börsenkonzern bis zum Jahresende.

          Die Frage des Namens ist ungeklärt

          Die Probleme der Börsen sind dadurch jedoch nicht gelöst, vielmehr kommen zunächst weitere herkulischen Ausmaßes hinzu. Das Börsengeschäft ist zwar sehr international, die Börsen selbst gelten jedoch als nationale Symbole. Den Fusionsskeptikern auf beiden Seiten des Atlantiks gilt es daher den Eindruck zu vermitteln, dass der jeweilige Börsenstandort durch die Fusion nicht geschwächt, sondern gestärkt wird. Bei geplanten Einsparungen von rund einem Fünftel der Kosten wird dies eine heikle Angelegenheit.

          Erhebliche Einschnitte in den Personalbestand werden unumgänglich sein. Auch soll zur Erreichung der Kostenziele die Zahl der teuren Handelssysteme von derzeit vier auf eins sinken. Den Kunden muss erklärt werden, welche Vorteile es für sie hat, etablierte Systeme wie das hiesige Xetra künftig durch ein neues System zu ersetzen.

          Jede Personal- und Sachentscheidung wird darauf abgeklopft werden, ob sie eher dem Standort Frankfurt oder dem Standort New York nutzt. Die delikate Frage des Namens für den gemeinsamen Börsenkonzern ist auch fünf Monate nach Bekanntgabe der Fusionsabsicht noch ungeklärt. Es gilt für die Börsen die auch in anderen Branchen oft gemachte Erfahrung zu widerlegen, dass transatlantische Integrationsprozesse Unternehmen über Jahre hinweg intensiv beschäftigen und deshalb in ihrer Entwicklung hemmen und lähmen. Vorsorglich haben die Börsen die Integrationskosten auf hohe 600 bis 800 Millionen Euro taxiert und damit auf mehr als 100.000 Euro je Mitarbeiter.

          Von einer Liebesheirat war daher auch nie die Rede. Vielmehr befinden sich beide Konzerne in einer Verteidigungshaltung, in der es um die möglichst lange Bewahrung von Besitzständen geht. Marktplätze für Aktien und andere Wertpapiere waren früher nationale Monopole, in denen eine Siemens-Aktie selbstredend auf dem Parkett in Frankfurt gehandelt wurde und ein Coca-Cola-Anteilsschein an der Wall Street in New York. Diese gemütlichen Zeiten sind vorbei.

          Große Investmentbanken haben alternative Handelsplattformen aufgebaut, die dank niedriger Gebühren nennenswerte Umsätze im internationalen Aktienhandel an sich gezogen haben. Den etablierten Börsen fiel bislang keine andere Antwort ein, als ihre Preise zu senken und damit sinkende Gewinnmargen in Kauf zu nehmen. Das belastete vor allem die Nyse mit ihrem Schwerpunkt im Aktienhandel an der Wall Street. Die Fusion wird an dem Trend kaum etwas ändern können. Immerhin werden durch die Einsparung eines Aktienhandelssystems jedoch die Kosten reduziert. Auch im lukrativen Handel mit Terminkontrakten drohen Konkurrenten auf den Plan zu treten. Die Folgen dürften denen im Aktienhandel ähnlich sein.

          Wachstumsmöglichkeiten bietet der außerbörsliche Handel

          Einen wirklichen Mehrwert würde die Fusion jedoch nur entwickeln, wenn es dem neuen Konzern besser als den beiden bisherigen gelänge, über bloßes Sparen und Verteidigen von Besitzständen hinaus, Wachstumsperspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Während hiesige Industriekonzerne seit Jahren vom enormen Wachstum in Schwellenländern wie China profitieren, ist den Börsen ein Eintritt in diese Wachstumsmärkte bislang weitgehend verwehrt geblieben. Ob mit der Macht eines neuen Börsenriesen ein Zutritt in die meist staatlich gut abgeschirmten Märkte allerdings besser gelingt, ist höchst fraglich.

          Wachstumsmöglichkeiten bietet zudem der außerbörsliche Handel. In der Finanzkrise wegen seiner fehlenden Transparenz scharf kritisiert und als Teil des Problems ausgemacht, haben die regulierten Börsen es bislang nicht verstanden, die Behörden zu strengeren Regeln für die Abwicklung dieser Handelsgeschäfte über Börsen zu bewegen. Herkules bewältigte seine Aufgaben dank seines Daseins als Halbgott erfolgreich. Der neue Börsenkonzern muss sich ohne solchen Beistand beweisen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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