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Nach der Agrarwende : Die Renaissance der Landwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Am Freitag beginnt in Berlin die Grüne Woche Bild: ddp

Selten fuhren die Landwirte so fröhlich zur Grünen Woche nach Berlin. Vor einigen Jahren glaubte so mancher, alle bäuerlichen Familienbetriebe müssten aufgegeben. Nun sonnt sich die Branche in einem unerwarteten wirtschaftlichen Erfolg. Doch die Höhe der Agrarsubventionen ist ein politisches Tabu.

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          Auf der Grünen Woche war es früher so, dass die Bürger schmausten und die Bauern murrten. Dieses Jahr ist es anders: Den Bürgern bleibt so mancher Bissen im Halse stecken, weil er deutlich teurer wurde, die Bauern dagegen jubeln, weil sie mehr verdienen. Selten fuhren die Landwirte so fröhlich zu dieser traditionsreichen Leistungsschau nach Berlin. Die Branche sonnt sich, wenn man von den Schweinezüchtern absieht, in einem unerwarteten wirtschaftlichen Erfolg, weil die Preise für Milch und Getreide steigen. Wird Bauer wieder zu einem lukrativen Job? Zumindest ist es kein Beruf mehr, der beim Städter ein mitleidiges Lächeln erregt.

          Durch die Renaissance dieses traditionsreichen Berufsstandes fühlt man sich an eine alte Volksweisheit erinnert: Totgesagte leben länger. Vor einigen Jahren glaubte so mancher, alle bäuerlichen Familienbetriebe müssten aufgegeben und viele Flächen stillgelegt werden, nur eine stark rationalisierte und verkleinerte Agrarindustrie werde in Europa überleben. Um das Bauernsterben zu verlangsamen, wurden Milliarden lockergemacht und Zollschranken hochgezogen, um Konkurrenten aus Amerika oder Australien vom Markt fernzuhalten. Zeitweise quollen die Läger daher über von staatlich angekauften Produkten.

          Die Reflexe sind nicht verschwunden

          Die Butterberge sind längst abgetragen, die Milchseen verdunstet, weil in den Schwellenländern Asiens eine reicher werdende Mittelschicht mehr europäische Produkte kauft. Der Markt funktioniert also. Doch so ganz unternehmerisch wollen die Bauern noch nicht sein, ihre interventionistischen Reflexe sind nicht verschwunden. Die Höhe der EU-Subventionen ist vorerst ein politisches Tabu. Trotz der höheren Preise scheut man eine Debatte darüber, ob jetzt nicht die Beihilfen an die Bauern, die fast die Hälfte des EU-Etats verschlingen, schneller sinken könnten.

          Faible für die Selbstversorgung

          Die Beihilfen wurden von der Produktion entkoppelt. Das war ein guter erster Schritt der EU. Deutschland hat diese Reform schneller als andere Länder vollzogen. Dies lehrte die deutschen Landwirte mehr unternehmerisches Denken. Warum aber dürfen die EU-Hilfen bis 2013 nicht angetastet werden? Sie wurden schließlich 2002 im Schröder-Chirac-Kompromiss vereinbart, als die Weltmarkt-Preise für Milch und Getreide halb so hoch waren wie heute.

          Sehnsucht nach landwirtschaftlicher Autarkie

          Landwirtschaftsminister Horst Seehofer will in der Agrarpolitik Verlässlichkeit zeigen. Man dürfe nicht wegen jeder Preisschwankung die Politik und damit die Subventionen verändern, sagt der CSU-Politiker. Die Preise könnten ja wieder fallen. Wie der Markt sich entwickelt, kann tatsächlich niemand vorhersagen. Das müssen die Politiker auch nicht tun, sie können dies getrost dem Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen. Denn es ist offenkundig, dass die Phase billiger Nahrung vorüber ist. Die Preise werden schwanken, wie es an jedem Markt geschieht, dies wird aber auf einem höheren Niveau als bisher geschehen und die Bauern aus der Tretmühle sinkender Erzeugerpreise befreien.

          Wenn Seehofer trotz der Agrarwende die Subventionskurve noch nicht zeichnen, eine Festlegung auf die Hilfen vor und nach 2013 umgehen will, dann folgt er einem cleveren Kalkül. Er spekuliert darauf, dass die steigenden Ölpreise und die hohe Importabhängigkeit bei Energie die Bürger nachdenklich machen und wieder die Sehnsucht nach landwirtschaftlicher Autarkie wecken werden. Das ist für konservative Bayern kein neuer Gedanke; in ländlichen Regionen hatte man schon immer ein Faible für die nationale Selbstversorgung. Seehofer benutzt zwar nicht das Wort Autarkie, weil es in der Globalisierung wie ein Begriff aus der ökonomischen Mottenkiste wirkt. Doch er betont gerne die nationalen Interessen in der Agrarpolitik, und das ist nichts anderes als Eigenversorgung.

          Subventionen für Biogasanlagen

          Die Warnung vor einer gefährlichen Abhängigkeit wie in der Energie ist kurios: Die meisten deutschen Agrarimporte kommen aus Holland oder Frankreich, nicht aus Krisenregionen. Im Übrigen ist die Handelsbilanz im Agrarhandel fast ausgeglichen, der Importüberschuss beläuft sich auf nur zehn Milliarden Euro.

          Mit Angst vor der Importabhängigkeit kalkuliert Seehofer auch, wenn er die Subventionen der Bioenergie rechtfertigt. Zusammen mit seinem bayerischen Kollegen Michael Glos sorgte er dafür, dass die Bauern für Biogasanlagen noch mehr Zuschüsse bekommen. Damit erhalten sie faktisch einen Ausgleich dafür, dass sich die Agrarrohstoffe verteuerten. Das ist paradox: Erst fördert der Staat Bioenergie und verteuert so Rohstoffe und Nahrungsmittel, dann gleicht er diesen ökonomisch sinnvollen Markteffekt wieder aus.

          Auch in Sachen grüner Gentechnik agiert Seehofer widersprüchlich. Einerseits hört er auf die bayerischen Bauern, die von der Gentechnik nichts wissen wollen. Um sie zufriedenzustellen, wurden die Feldabstände vergrößert. Andererseits stimmt er der SPD bei der neuen Kennzeichnung „ohne Gentechnik“ zu, einem Etikett, das gentechfreie Produkte im Handel fördern soll. Doch so ganz gentechfrei sind diese gar nicht. Seehofer wäre nicht Seehofer, wollte er sich nicht alle Optionen offenhalten.

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