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Nach dem Terror : Barcelona lässt sich nicht einschüchtern

Handreichung: Am Samstag in der Innenstadt von Barcelona Bild: AFP

Die insgesamt 16 Toten und mehr als 120 Verletzten der Anschläge stammen aus der ganzen Welt. Doch die Touristen fürchten sich offenbar nicht – im Gegenteil: Die Gastgeber erwarten in diesem Jahr einen Besucherrekord.

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          Knapp zwei Wochen nach der Amokfahrt mit 16 Toten halten Passanten vor den mehr als 20 improvisierten Gedenkstätten inne, zünden Kerzen an und legen Blumen nieder. Bald wird der Flanierstreifen zusätzlich gesichert, wie auch die Basilika Sagrada Família, auf die die Terrorzelle offenbar einen Bombenanschlag verüben wollte. Inzwischen sind auch zusätzliche Polizeistreifen im Einsatz.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bürger und Besucher lassen sich von den Attentaten am 17. August nicht einschüchtern. Schon am Tag danach drängten sich die Menschen wieder auf dem Rambla-Boulevard, am Samstagabend strömten über eine halbe Million Menschen auf die Placa de Catalunya zum „Marsch gegen den Terror“, darunter auch der spanische König Felipe.

          Die insgesamt 16 Toten und mehr als 120 Verletzten der Anschläge stammen aus mehr als 30 Staaten. Keine andere spanische Großstadt lebt so sehr vom Tourismus wie Barcelona, mehr als 17 Millionen Besucher waren es im vergangenen Jahr. Für 2017 rechnete man für ganz Spanien mit einem neuen Rekord von mehr als 80 Millionen Touristen. Besorgte Gastgeber und Hoteliers erinnern sich an Paris: Nach den Anschlägen 2015 kamen im folgenden Jahr 1,5 Millionen Besucher weniger dorthin. Der Vorsitzende des Dachverbands der spanischen Reisebüros (CEAV) Rafael Gallego erwartet, dass es in Barcelona nicht so weit kommt. Die meisten ausländischen Besucher seien Europäer, die sich der Terrorgefahren nach den Attentaten Paris, Brüssel, Nizza und Manchester bewusst seien. Es handele sich um ein „Risiko, mit dem wir schon seit einigen Jahren leben müssen“, meint Gallego. Auch Wirtschaftsminister Luis de Guindos rechnet mit keinen „besonders relevanten“ Auswirkungen und verweist auf das Jahr 2004. Die Folgen der Attentate am Madrider Atocha-Bahnhof mit fast 200 Toten seien nur im folgenden Vierteljahr zu spüren gewesen. „Aber die Wirtschaft erholte sich schnell, und wir hatten danach sehr gute Jahre.“

          Mehr als 10 Millionen Haupturlaubsreisen

          In Spanien schätzt man, dass die Angst vor Anschlägen in früher beliebten Reiseländern wie Ägypten, Tunesien und Türkei dem Land jedes Jahr rund fünf Millionen zusätzliche Touristen brachten. Spanien galt bis jetzt als ungefährlich. Aber es ist bekannt, dass besonders Reisende aus Asien empfindlich auf neue Gefährdungen reagieren. In Barcelona ist davon jedoch noch nichts zu beobachten: Ein Blick auf die Buchungsportale im Internet bestätigt, was Hotelbesitzer und Vermieter sagen. Es ist schwer, selbst kurzfristig eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Die spanische Regierung hält die Lage für unter Kontrolle und verzichtete darauf, die Terrorwarnstufe zu erhöhen. Gleichzeitig verstärkten nicht nur Barcelona, sondern auch andere Städte ihre Sicherheitsvorkehrungen, zum Beispiel Madrid, Sevilla und Palma de Mallorca.

          Obwohl 13 Deutsche in Barcelona verletzt wurden – eine 51-Jährige starb am Sonntag –, hielten sich für die deutschen Reisekonzerne die Folgen der Anschläge bislang in Grenzen. TUI teilte mit, es seien am Tag des Anschlags etwa 300 Kunden in Barcelona gewesen. Konkurrent DER Touristik sprach von einer hohen dreistelligen Zahl. Auf Mallorca kommen hingegen zu Spitzenzeiten innerhalb weniger Stunden Hunderte Kunden der stärker auf Pauschalreiseurlauber ausgerichteten Konzerne an. Da das Auswärtige Amt die Bewertung der Sicherheitslage nicht änderte, bekamen Urlauber keine weitgehenden Umbuchungsrechte eingeräumt. Ohnehin gab es wegen der geringen Kundenzahl wenige Anfragen besorgter Urlauber. Städtereiseziele zählen traditionell nicht zu den Domänen der Reiseveranstalter.

          Der Großteil der Urlauber in Metropolen wie Barcelona bucht separat Flugtickets und Hotelzimmer. Kurzfristig sind daher schwer Änderungen im Urlauberverhalten zu diagnostizieren. Bedeutender ist Barcelona im Geschäft mit Schiffsreisen, die Stadt ist Europas wichtigster Kreuzfahrtstandort. In keinem anderen Hafen beziehen so viele Passagiere ihre Kabinen oder gehen während eines Tagesaufenthalts an Land. 2016 waren es 2,7 Millionen Passagiere, die deutsche Kreuzfahrthauptstadt Hamburg kam auf 71.0000. Und Kreuzfahrtreedereien reagieren inzwischen empfindlicher auf Meldungen über Zwischenfälle an Land, seit 2015 durch einen Terroranschlag in Tunis 20 Kreuzfahrtpassagiere auf Landgang ums Leben kamen. Anders als für Tunesien vor zwei Jahren verschob nun aber vorerst keine Reederei ihre Fahrtrouten. Allerdings gab es Änderungen bei Landgängen. Der deutsche Marktführer Aida sagte vorübergehend Ausflüge in Gebiete in der Nähe der Innenstadt Barcelonas ab und riet unmittelbar nach dem Anschlag Passagieren auch davon ab, auf eigene Faust dorthin zu gehen.

          Der Terror in Katalonien traf das beliebteste Reiseland der Deutschen. Nach Daten der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen führten im vergangenen Jahr 14,8 Prozent aller Touren, für die Urlauber mindestens fünf Tage unterwegs sind, nach Spanien. Das entspricht knapp mehr als 10 Millionen Haupturlaubsreisen. Mit Kurzzeitbesuchern und Geschäftsreisende lag die Zahl der Ankünfte aus Deutschland noch höher. Und 2017 hat sich trotz steigender Hotelpreise der Spanien-Trend fortgesetzt: Das Land profitiert davon, dass die Türkei als Reiseziel gemieden wird. Für das erste Halbjahr wurden nach Branchenangaben 5,5 Millionen Ankünfte deutscher Reisender gezählt, 9,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit es auch in Barcelona dabei bleibt, ging jetzt die Fluggesellschaft Ryanair in die Offensive. Sie senkte die Flugpreise um bis zu 7 Prozent. Das geschehe nicht, weil die Zahl der Fluggäste zurückgegangen sei, sagte Ryanair-Chef Michael O’Leary. Nach Attentaten in Europa habe seine Fluggesellschaft ähnlich reagiert.

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