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Nach dem Militärputsch : Tauziehen um Thailand

  • -Aktualisiert am

Der Chef der Militärjunta inmitten seiner Getreuen: General Prayuth Chan-ocha Bild: dpa

Die Machtübernahme der Generäle kam zwar ohne Blutvergießen aus, aber die Situation in Thailand ist alles andere als entspannt. Das Militär will Investoren locken - doch die wachsende Mittelschicht wird weiter um ihre Rechte kämpfen.

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          Es herrscht wieder Ruhe in Thailand. Niemand, der in diesen Tagen durch die Hauptstadt Bangkok oder den Vergnügungsort Pattaya schlendert, käme auf die Idee, dass das Militär die Macht in Thailand an sich gerissen hat. Dabei führen seit Mai die Generäle Südostasiens zweitgrößte Volkswirtschaft.

          Kaum einer der Konflikte Asiens ist so undurchdringlich wie derjenige in Thailand. Nur auf den ersten Blick scheint alles ganz einfach: Bauern und einige Studenten begehren gegen die Aristokratie Bangkoks auf. Die Demonstranten sind die „Roten“, ihr Idol ist Thaksin Shinawatra. Ihn wählten sie mit überwältigender Mehrheit zum Ministerpräsidenten, er verteilte Hilfsgelder an die Armen, die ihm gerne ihre Stimme geben. Der Milliardär Thaksin aber ist nicht ganz sauber, er hinterzog Steuern, legte sich mit dem Establishment Bangkoks an. Das Militär putschte erst ihn, dann seine später ebenfalls demokratisch gewählte Schwester Yingluck aus dem Amt. Auf der anderen Seite stehen die „Gelben“, die sich als Vertreter des altehrwürdigen Thailands mit seinen überbrachten Strukturen betrachten. Um die Sprachverwirrung vollständig zu machen, nennen sie sich „Demokraten“ – obwohl sie vom Putsch des Militärs gegen die Roten profitierten.

          Rothemden fordern Teilhabe

          Nun verordnen die Generäle dem Land eine „Demokratie im Thai-Stil“. Die Machtübernahme erscheint als „Putsch light“: kein Blutbad, fast alle Oppositionelle auf freiem Fuß, allerdings Kriegsrecht, Einschüchterung, Zensur. Und doch sympathisieren viele Thailänder mit den Generälen. Denn sie haben ein langes Vakuum beendet, ein Tauziehen, in dem die Wirtschaft siechte. Nun entscheidet einer: General Prayuth Chan-ocha, der selbst gekürte Ministerpräsident. Er handelt entschieden. So kommt die Maschinerie des gelähmten Königreiches wieder unter Dampf. Touristen kehren zurück, Unternehmen investieren, Menschen finden Arbeit. Doch der General verkündet auch, von der Opposition entsandte Dämonen versuchten, ihn zu verhexen. Bittere Erinnerungen werden wach: an die blutrünstige Junta im Nachbarland Burma, deren Führer vor dem Morden Wahrsager befragten.

          Trotz ihres lächelnden Antlitzes sollte niemand die jüngste Militärdiktatur Asiens unterschätzen. Die Lage Thailands ist viel ernster, als sie aussieht. Denn die unterdrückten Roten sind gut bewaffnet, empfangen ihre Weisungen weiterhin von Thaksin aus dessen Exil in Dubai. Vielen von ihnen geht es um mehr als nur Macht: sie wollen teilhaben an der bislang hierarchischen Gesellschaft, Studienplätze, ein Auskommen, eine nur noch konstitutionelle Monarchie. Insofern ist der thailändische Kampf typisch für Konflikte in aufstrebenden Volkswirtschaften, in denen sich die heranwachsende Mittelschicht nicht länger mit Versprechen und kleinen Wohltaten abspeisen lassen will.

          Junta spielt die „China-Karte“

          Die selbsternannte Elite des Landes klebt derweil an Macht, Einfluss und Privilegien. Sie weiß das Militär an ihrer Seite, denn auch Generäle sorgen sich um ihr Auskommen. Doch reicht der Konflikt tiefer und wird für Europäer damit fast unlesbar: Das gottgleiche Königshaus steht vor einer Zerreißprobe. Denn der König, vom Alter tief gezeichnet, wird wohl seinen im Volk wenig geachteten Sohn als Nachfolger inthronisieren statt der verehrten Prinzessin. Für Thailänder ist es ein Sakrileg, über das Ableben ihres Königs überhaupt nachzudenken. Vieles spricht dafür, dass das Militär die Macht behalten wird, bis die nächste Generation das Königshaus führt.

          Thailands Probleme haben große Auswirkungen auf die Region. Ende 2015 soll die südostasiatische Wirtschaftsgemeinschaft AEC in Kraft treten. Wird das Königreich der Junta dafür bereit sein? Auch wird schon über eine Blockbildung in Südostasien spekuliert: Die Generäle in Burma, Thailand und Kambodscha – mit dem Thailand früher immer wieder aneinandergeriet – dürften die Welt aus demselben Blickwinkel betrachten. Das macht sie attraktiv für die Chinesen. Ihnen fällt es leichter, mit straff organisierten Militärs zu verhandeln als mit schwachen zivilen Regierungen. Während Europäer und Amerikaner die Hände zurückziehen, öffnet Peking seine Arme weit. Denn China braucht kaum etwas dringender als Freunde in Südostasien. Kambodscha zählt dazu, Burma steigt mit jedem ins Bett, der Geld verspricht, und Thailand bleibt angesichts seiner großen Investitionspläne kaum anderes übrig, als auf die Liebesgrüße aus Peking einzugehen. Zugleich können die Generäle die „China-Karte“ spielen, um Druck auf Europa und Amerika auszuüben. Denn der Westen hat seine Ministerbesuche in Bangkok ausgesetzt. Die EU will den Kooperations- und den Freihandelsvertrag derzeit nicht unterzeichnen.

          Das Militär will sein Image aber auch durch neue Investoren polieren. Thailand lockt mit langjähriger Steuerbefreiung und mit Löhnen, die halb so hoch sind wie in Schanghai. Niemand wird es sich leisten können, das Kernland Südostasiens mit seiner wachsenden Mittelschicht links liegenzulassen. Nur sollte jeder Investor wissen, dass es so ruhig wie derzeit nicht bleiben wird. Der Kampf um das Königreich hat erst begonnen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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