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Nach dem Bahr-Vorschlag : Acht Fragen zur privaten Krankenversicherung

Herumdoktern am System: Die Folgen sind riesig, wenn eine einzelne Stellschraube im komplexen Gesundheitswesen verändert wird. Bild: dpa

Gesundheitsminister Daniel Bahr will die private Krankenversicherung für alle Menschen öffnen. Würde es dadurch billiger oder teurer? Wir haben mit Ökonomen gesprochen und beantworten die wichtigsten Fragen.

          4 Min.

          Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat mitten im Wahlkampf einen Aufsehen erregenden Vorschlag gemacht: „Ich möchte, dass alle Menschen selbst entscheiden können, wie und wo sie sich versichern wollen. Das ist meine Vision. Notwendig ist, dass jeder die Grundleistung versichert hat“, sagte er in einem Zeitungsinterview. Bahrs Vorschlag bedeutet eine Abschaffung der Versicherungspflichtgrenze, die bislang nur Menschen, die mehr als 47.250 Euro im Jahr verdienen, den Gang in die private Krankenversicherung erlaubt. Für alle anderen blieb die gesetzliche Versicherung. Aber was für Konsequenzen ergeben sich daraus? Acht Fragen, acht Antworten.

          Welche Folgen hätte Bahrs Vorschlag?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Das hängt davon ab, ob sich im Krankenversicherungssystem sonst noch etwas ändern soll. Dazu hat der Gesundheitsminister aber nichts gesagt. „Die geschilderte Vision ist sehr vage“, bemängelt der Kölner Gesundheitsökonom Achim Wambach. „Die gesetzliche und die private Krankenversicherung sind zwei völlig unterschiedliche Systeme“, sagt auch der Duisburger Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. Denn in die gesetzlichen Kassen zahlen die Versicherten einkommensabhängig ein, in die privaten risikoabhängig (Kranke zahlen mehr, Gesunde zahlen weniger). Außerdem bieten die gesetzlichen Versicherer eine beitragsfreie Mitversicherung für Ehegatten und Kinder. „Dass man nun eine Stellschraube verändert und die Spielregeln ansonsten so belässt, ist kaum vorstellbar“, glaubt Wasem.

          Was, wenn wirklich nur die Versicherungspflichtgrenze fällt?

          Bleibt das Krankenversicherungssystem ansonsten wie es ist, böte sich für mehr junge, gesunde und alleinstehende Menschen ein Anreiz, in die private Krankenversicherung zu wechseln. „Der gesetzlichen Versicherung blieben also nur noch die Mühseligen und Beladenen“, sagt Wasem. „Die so genannten guten Risiken würden abwandern. Die Versicherten könnten wählen, ob sie solidarisch sein wollen und im gesetzlichen System bleiben oder nicht.“ Achim Wambach befürchtet, dass die gesetzliche Krankenversicherung in diesem Fall ihre Beiträge extrem anheben müsste. „Sie würde sonst implodieren.“ Falls den Versicherten in privaten Kassen dann auch noch jederzeit ein Rückkehrrecht in die gesetzliche Versicherung gewährt würde, werde es laut Wasem „ganz schräg“. Dann könne ein privat Versicherter, der im Alter mit vielen Krankheiten und hohen Beiträgen konfrontiert sei jederzeit ins solidarische System zurück wechseln. „Das ist eigentlich keine ernsthafte Option“, sagt Wasem.

          Wie müsste sich das System ändern, damit private Versicherer auch ältere und kränkere Menschen aufnehmen?

          Es müsste ein so genannter Kontrahierungszwang eingeführt werden, der die Privaten zwingt, nicht zu diskriminieren. Einen solchen Zwang gibt es heute schon in Teilen, etwa im Bereich der Selbständigen, die unabhängig von ihrem Einkommen gar nicht in die Gesetzliche Krankenversicherung dürfen. Sie sind zum Basistarif in der privaten Krankenversicherung versichert. „Man könnte sich vorstellen, dass der Gesundheitsminister möchte, dass die Menschen, die heute unter der Versicherungspflichtgrenze liegen, künftig in den Basistarif der Privaten gehen können“, spekuliert Gesundheitsökonom Wasem.

          Würde das Problem der Zwei-Klassen-Medizin gelöst?

          Gesetzlich Versicherte beklagen heutzutage, dass sie bei Fachärzten schlechter Termine bekommen und im Wartezimmer benachteiligt werden. Wen das zu sehr stört, der könnte nach Bahrs Modell einfach in die Privatversicherung gehen. Allerdings warnt Gesundheitsökonom Wasem: „Wenn die Privaten künftig gezwungen wären, jeden Versicherungswilligen zum Basistarif aufzunehmen, dann würde innerhalb der privaten Krankenversicherung eine Zwei-Klassen-Medizin entstehen: Die Basistarifler und der Rest. Es wäre also wenig gewonnen.“

          Was bezweckt der Gesundheitsminister dann mit seinem Vorschlag?

          Patienten hätten die Möglichkeit, die Beiträge der gesetzlichen Kassen mit dem Basistarif der privaten zu vergleichen. Sie könnten schauen, was billiger ist und danach entscheiden. So könnten beide Systeme besser miteinander in den Wettbewerb treten, was womöglich Effizienzgewinne zur Folge hätte. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem befürwortet zwar einen stärkeren Wettbewerb, findet aber, dass durch die unterschiedlichen Spielregeln des gesetzlichen und privaten Systems die Preissignale verzerrt würden. „Besser wäre bei der Beitragskalkulation ein einheitliches System für alle Versicherten zu haben“, sagt er.

          Was haben die privaten Krankenversicherer davon?

          Die privaten Versicherer beklagen schon seit einiger Zeit geringe Zuwachsraten. Fiele die Versicherungspflichtgrenze weg, so könnten sie neue Kunden unter denjenigen finden, die sich bislang gar nicht privat versichern durften. „Sicherlich wünschen sich die privaten Versicherer mehr frisches Blut unter ihren Kunden“, sagt Wasem.

          Gibt es noch andere Szenarien, den Vorschlag Bahrs umzusetzen?

          Statt die private Krankenversicherung mithilfe eines Basistarifs der gesetzlichen anzugleichen, gäbe es auch noch den umgekehrten Weg: Die gesetzliche Versicherung ganz abzuschaffen und alle Menschen privat zu versichern. „Dann muss man natürlich schauen, was mit denjenigen ist, die sich eine Privatversicherung nicht leisten können und ihnen aus Steuermitteln Zuschüsse zahlen“, sagt Gesundheitsökonom Wambach.

          Gesundheitsminister Bahr möchte außerdem, dass auch gesetzlich Versicherte künftig eine Rechnung erhalten. Welche Auswirkungen hat das?

          Der Minister hat nicht genau gesagt, ob die gesetzlich Versicherten ihre Rechnungen nach seinem Wunsch auch vorab bezahlen sollen, wie es in den privaten Kassen üblich ist. „Falls er sich eine solche Lösung vorstellt, könnte das wohl so manchen Geringverdiener in kurzfristige Liquiditätsschwierigkeiten bringen, weil er die teuren Arztkosten immer vorstrecken muss“, glaubt Wambach. “Allerdings wären die Rechnungen ein Schritt hin zu mehr Transparenz. Alle Versicherten wüssten, welche Arztkosten sie überhaupt verursachen.“

          Jürgen Wasem glaubt darüber hinaus, dass hinter der Forderung einer Rechnung der Wunsch nach einem weiteren, gewichtigen Systemwechsel stehen könnte: „In letzter Konsequenz hieße das doch, dass auch in der gesetzlichen Versicherung die Einzelleistungen der Ärzte vergütet würden und sie keine festen Budgets mehr hätten“, mutmaßt er. Das könnte die Menge der von Ärzten erbrachten Leistungen nach oben treiben. Schon lange wird gemutmaßt, dass Privatpatienten häufig einmal mehr als nötig geröntgt oder sogar operiert werden, weil das den Ärzten Einnahmen sichert. „Für die Patienten würde es dann generell teurer“, glaubt Wasem. „Ein Vorteil wäre aber, dass manche Patienten künftig auf unnötige Arztbesuche verzichten würden.“

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