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Nach dem Bahr-Vorschlag : Acht Fragen zur privaten Krankenversicherung

Würde das Problem der Zwei-Klassen-Medizin gelöst?

Gesetzlich Versicherte beklagen heutzutage, dass sie bei Fachärzten schlechter Termine bekommen und im Wartezimmer benachteiligt werden. Wen das zu sehr stört, der könnte nach Bahrs Modell einfach in die Privatversicherung gehen. Allerdings warnt Gesundheitsökonom Wasem: „Wenn die Privaten künftig gezwungen wären, jeden Versicherungswilligen zum Basistarif aufzunehmen, dann würde innerhalb der privaten Krankenversicherung eine Zwei-Klassen-Medizin entstehen: Die Basistarifler und der Rest. Es wäre also wenig gewonnen.“

Was bezweckt der Gesundheitsminister dann mit seinem Vorschlag?

Patienten hätten die Möglichkeit, die Beiträge der gesetzlichen Kassen mit dem Basistarif der privaten zu vergleichen. Sie könnten schauen, was billiger ist und danach entscheiden. So könnten beide Systeme besser miteinander in den Wettbewerb treten, was womöglich Effizienzgewinne zur Folge hätte. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem befürwortet zwar einen stärkeren Wettbewerb, findet aber, dass durch die unterschiedlichen Spielregeln des gesetzlichen und privaten Systems die Preissignale verzerrt würden. „Besser wäre bei der Beitragskalkulation ein einheitliches System für alle Versicherten zu haben“, sagt er.

Was haben die privaten Krankenversicherer davon?

Die privaten Versicherer beklagen schon seit einiger Zeit geringe Zuwachsraten. Fiele die Versicherungspflichtgrenze weg, so könnten sie neue Kunden unter denjenigen finden, die sich bislang gar nicht privat versichern durften. „Sicherlich wünschen sich die privaten Versicherer mehr frisches Blut unter ihren Kunden“, sagt Wasem.

Gibt es noch andere Szenarien, den Vorschlag Bahrs umzusetzen?

Statt die private Krankenversicherung mithilfe eines Basistarifs der gesetzlichen anzugleichen, gäbe es auch noch den umgekehrten Weg: Die gesetzliche Versicherung ganz abzuschaffen und alle Menschen privat zu versichern. „Dann muss man natürlich schauen, was mit denjenigen ist, die sich eine Privatversicherung nicht leisten können und ihnen aus Steuermitteln Zuschüsse zahlen“, sagt Gesundheitsökonom Wambach.

Gesundheitsminister Bahr möchte außerdem, dass auch gesetzlich Versicherte künftig eine Rechnung erhalten. Welche Auswirkungen hat das?

Der Minister hat nicht genau gesagt, ob die gesetzlich Versicherten ihre Rechnungen nach seinem Wunsch auch vorab bezahlen sollen, wie es in den privaten Kassen üblich ist. „Falls er sich eine solche Lösung vorstellt, könnte das wohl so manchen Geringverdiener in kurzfristige Liquiditätsschwierigkeiten bringen, weil er die teuren Arztkosten immer vorstrecken muss“, glaubt Wambach. “Allerdings wären die Rechnungen ein Schritt hin zu mehr Transparenz. Alle Versicherten wüssten, welche Arztkosten sie überhaupt verursachen.“

Jürgen Wasem glaubt darüber hinaus, dass hinter der Forderung einer Rechnung der Wunsch nach einem weiteren, gewichtigen Systemwechsel stehen könnte: „In letzter Konsequenz hieße das doch, dass auch in der gesetzlichen Versicherung die Einzelleistungen der Ärzte vergütet würden und sie keine festen Budgets mehr hätten“, mutmaßt er. Das könnte die Menge der von Ärzten erbrachten Leistungen nach oben treiben. Schon lange wird gemutmaßt, dass Privatpatienten häufig einmal mehr als nötig geröntgt oder sogar operiert werden, weil das den Ärzten Einnahmen sichert. „Für die Patienten würde es dann generell teurer“, glaubt Wasem. „Ein Vorteil wäre aber, dass manche Patienten künftig auf unnötige Arztbesuche verzichten würden.“

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