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Nach Anschlägen in Istanbul : Der Terror verändert die Reisewelt

  • -Aktualisiert am

Die Blaue Moschee in Istanbul: Nach den Anschlägen fürchtet die Türkei um ihren Tourismus. Bild: Reuters

Der Attentäter von Istanbul tötete deutsche Urlauber – doch sein Handeln traf auch die gesamte Reisebranche, vor allem türkische Hoteliers. Die bangen um ihr Geschäft – denn Reisekonzerne arbeiten an alternativen Zielen.

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          Die deutsche Reisebranche trägt Trauer. Zehn deutsche Urlauber sind nach am Mittwoch korrigierten Angaben des Auswärtigen Amts bei dem Terroranschlag in Istanbul ums Leben gekommen. Es ist das zweite Mal innerhalb von sieben Monaten, dass Reisende aus der Bundesrepublik während ihrer Ferien dem Terror zum Opfer fielen. Am 26. Juni vergangenen Jahres hatte ein Attentäter am Strand des tunesischen Orts Port El-Kantaoui 38 Touristen erschossen – darunter zwei Deutsche. Davor hatten die hiesigen Reiseanbieter mehr als ein Jahrzehnt lang kein Terroropfer zu beklagen. Die Branche legte eine Bilanz hin, die es ihr gestattete, Sicherheit als Marketingargument in den Vordergrund zu stellen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch spätestens seit der Detonation zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee am Dienstag sind deutsche Reisekunden in Angst. Und die Reisebranche hat in den Krisenmodus umgeschaltet. „Vorherzusagen, was in diesem Sommer mit der Türkei als Feriendestination passiert, ist wie in die Glaskugel zu schauen“, sagte Fritz Joussen, der Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Reisekonzern TUI, in Düsseldorf. Das Land gehört nach Spanien und Griechenland zu den wichtigsten Zielen der Pauschalreiseanbieter. Tunesien und Ägypten zählen hingegen nicht zu den Top-Ten unter den Auslandszielen der Deutschen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Verunsicherung gerade in der wichtigen Frühbucherphase in der Reisewelt breitmacht. Joussen sagte, dass vor allem Familien später buchten. Unter dem Eindruck der islamistischen Terrorserie von Paris hatten vor Weihnachten 20 Prozent der befragten Bundesbürger gegenüber den Marktforschern der GfK angegeben, ihr Reiseverhalten im Jahr 2016 wahrscheinlich oder sicher zu ändern.

          Eine türkische Zeitung mit deutschsprachiger Schlagzeile an einem Kiosk in Istanbul, am Tag nach dem Terroranschlag im Viertel Sultanahmet.

          Mit den getöteten Urlaubern in Istanbul rückt die Terrorgefahr noch stärker ins Bewusstsein der Deutschen. Der Attentäter in Tunesien zielte vor allem auf Briten, 30 der 39 Toten stammten aus Großbritannien, was für die dortige Reisewelt ein nationales Trauma war. Die Pariser Terrorserie traf kaum Urlauber. Die Opfer in Istanbul dagegen waren alle in Deutschland aufgebrochen. Das bestätigte der Berliner Reiseveranstalter Lebenslust-Touristik am Mittwoch. Der Anschlag traf die Mitglieder einer Gruppe des Unternehmens während ihrer Besichtigungstour. Sie hatten eine Rundreise gebucht, die als „10-tägige Erlebnisreise der Superlative“ für rund 1500 Euro pro Person von Istanbul weiter nach Dubai und Abu Dhabi führen sollte. Das Unternehmen zeigte sich erschüttert, zwei der drei Geschäftsführer brachen nach Istanbul auf.

          Kostenfreie Stornierungen auch ohne Reisewarnung

          Nahezu alle Reiseveranstalter bieten für die nächsten Tage und Wochen an, vom Reiseziel Istanbul Abstand zu nehmen und umzubuchen oder kostenfrei zu stornieren. Zuvor hatte das Auswärtige Amt seinen Reisehinweis für die Stadt verschärft. Das Ministerium rät dringend, Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden. Für die gesamte Stadt werden Urlauber zu „erhöhter Vorsicht“ aufgerufen. Zudem sei in der ganzen Türkei mit „gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen“.

          Die Formulierungen klingen wenig beruhigend, doch hat sich das Auswärtige Amt vorerst auf eine mittlere Warnstufe festgelegt – deutlich unter einer offiziellen Reisewarnung, die zu einem Verkaufsstopp für Reisen und zu einer Urlauberrückholaktion führen würde. Reisekonzerne hatten in der Vergangenheit kostenfreie Stornierungen von einer Reisewarnung abhängig gemacht. Von diesem Prinzip wendet sich die Branche nun langsam ab. Ängste und Sorgen der Urlauber werden relevanter für das Reisegeschäft.„Wir werden mehr und mehr neben schönen Hotels und Flügen auch Sicherheit in den Zielgebieten verkaufen“, schrieb DER-Touristik-Chef Sören Hartmann in einem Gastbeitrag für das Touristik-Fachmagazin „FVW“. Das bedeutet auch, dass Kunden mehr Flexibilität zum Ändern ihrer Reisen bekommen. Für die Anbieter geht ein Teil der durch Frühbucherrabatte erkauften Planungssicherheit verloren.

          Doch das ist Reisemanagern lieber als ein Geschäftseinbruch. Wie die meisten Urlaubsanbieter berichten, hielt sich zum Zeitpunkt des Anschlags nur jeweils eine zweistellige Zahl ihrer Kunden in Istanbul auf. Das hat zwei Gründe: Der Januar ist kein wichtiger Monat im Türkei-Geschäft, und Städtetouren werden mehr individuell gebucht als über Reisekonzerne. Sie trifft es schwerer, wenn Urlauber im Sommer nicht an die Strände der türkischen Riviera reisen.

          Vorzeichen für 2016 sind schlecht

          Islamistische Terroristen haben den Tourismus als Ziel entdeckt. Dort treffen sie mehrfach: Reisende, das Herkunftsland der Urlauber und die Wirtschaft im Anschlagsland. Türkische Hoteliers sind ohnehin gebeutelt. Mit 5,5 Millionen Gästen waren die Deutschen 2015 ihre größte Gästegruppe, in der Vergangenheit folgten knapp dahinter die Russen. Doch die bleiben aus. Zunächst lag das an der Abwertung des russischen Rubels, die Reisen verteuerte. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets sprach Moskau eine Reisewarnung für die Türkei aus, damit keine Russen mehr in das Land fahren.

          Im Jahr 2015 klagten Händler, Gastronomen und Hoteliers über eine schlechte Saison. Hotels verzeichneten Leerstände und waren gezwungen, ihre Zimmerpreise zu senken. Für dieses Jahr sind die Vorzeichen zum Jahresauftakt schlecht. TUI hat sich Zusatzkapazitäten in Spanien und Griechenland gesichert, auch bei DER Touristik rechnet man mit rückläufiger Nachfrage nach Zielen im östlichen Mittelmeerraum.

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