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Musikindustrie : Hunderttausende strömen zu den Festivals

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House im Hunsrück: Besucher feiern auf dem Techno-Festival Nature One auf der ehemaligen Raketenbasis Pydna in Kastellau Bild: dapd

Der deutsche Konzert- und Veranstaltungsmarkt erzielt Umsatzrekorde. Verlierer sind die Musicals und die Tonträger. Gewinner sind die Musikfestivals, die zu Wochendausflügen genutzt werden.

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          Der deutsche Konzert- und Veranstaltungsmarkt hat die Krise der Jahre 2008 und 2009 überwunden. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011 sind auf dem deutschen Konzert- und Veranstaltungsmarkt 3,9 Milliarden Euro umgesetzt worden, wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) meldet. Das ist ein Rekordwert. Mit einem Zuwachs von 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr wurden 32,9 Millionen Besucher registriert, die insgesamt 122,1 Millionen Eintrittskarten kauften.

          Dennoch mahnt Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft (BDV) zur Zurückhaltung: „Umsatzergebnisse sind zwar grundsätzlich ein wichtiger Gradmesser für die wirtschaftliche Bedeutung eines Marktes. Wer aus den vorliegenden Ergebnissen jedoch folgert, dass es der Branche offensichtlich besser denn je geht, irrt erheblich.“ Höhere Honorarforderungen international erfolgreicher Künstler sowie teurere Bühnenproduktionen hätten die Gewinne nicht proportional steigen lassen.

          Weniger Tickets, mehr Umsatz

          Trotz des Rekordumsatzes ist die Zahl der verkauften Eintrittskarten noch nicht auf dem Niveau von vor der Krise. „Während 2007 noch rund 127 Millionen Tickets verkauft wurden, waren es im vergangenen Jahr nur noch 122 Millionen“, sagte Stefan Zarges, Chefredakteur des Fachmagazins Musikmarkt. Mit weniger Besuchern wird momentan mehr Umsatz generiert als im Jahr 2007.

          Nach Angaben des Bundesverbandes der Musikindustrie hat der deutsche Musikmarkt im Jahr 2011 einen Gesamtumsatz von 1,67 Milliarden Euro erwirtschaftet. Mit einem Wachstum von 0,1 Prozent ist erstmals seit 15 Jahren kein Umsatzrückgang zu verzeichnen.

          Die rückläufigen Einnahmen aus dem Verkauf von physischen Tonträgern müssen von den Künstlern aber nach wie vor durch Live-Aufritte kompensiert werden. Höhere Eintrittspreise sind daher die Folge. Der wirtschaftlich bedeutendste Bereich der Branche, das Musical, konnte trotz eines weiterhin hohen Umsatzniveaus nicht von dem Branchenwachstum profitieren.

          Dem Alltag entfliehen

          Musikfestivals haben innerhalb der Branche hingegen deutliche Zuwächse zu verzeichnen gehabt. Nach Angaben des BDV machten sie im Jahr 2011 mit 341 Millionen Euro 12 Prozent der Gesamtumsätze der Branche aus - Tendenz steigend. Das spiegelt sich auch in dem Angebot an Festivals wider, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen.

          Auf 50 Festivals strömten allein am vergangenen Wochenende zusammen mehrere hunderttausend Deutsche. Neben der musikalischen Unterhaltung steht bei vielen Besuchern der Wunsch im Vordergrund, dem Alltag für mehrere Tage zu entfliehen. Camping, Musik und ein breites Veranstaltungsprogramm tragen so zur Popularität bei.

          Das Festival mit dem größten Besucheransturm fand allerdings wenige Kilometer hinter der deutschen Grenze statt. „Haltestelle Woodstock“ in der polnischen Grenzstadt Küstrin (Kostrzyn) lockte dieses Jahr 500.000 Besucher. Darunter zwei besonders bekannte Gäste: Bundespräsident Joachim Gauck und Polens Präsident Bronislaw Komorowski haben erstmals den deutsch-polnischen Dialog im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Jugendlichen verstärkt.

          Eintritt mussten beide nicht bezahlen, denn das Festival ist für alle Besucher kostenlos. Organisiert wird es durch die Stiftung „Das große Orchester der Weihnachtshilfe“, einer großen polnischen nichtstaatlichen Wohltätigkeitsorganisation. Das Festival wurde ursprünglich initiiert, um sich bei den Tausenden Helfern, die zu Beginn jeden Jahres bei der Sammlung von Spenden für Kinderkrankenhäuser helfen, zu bedanken.

          In Schleswig Holstein waren zwar am vergangenen Wochenende keine Staatspräsidenten anzutreffen, dafür tummelten sich auf den Weiden des winzigen Ortes Wacken neben ein paar Dutzend Kühen 75.000 Heavy-Metal-Fans. Auf dem größten Heavy-Metal-Festival der Welt spielten an drei Tagen 130 Bands und Künstler. Seit acht Monaten war die 23. Auflage des Festivals zum sechsten Mal in Folge ausverkauft.

          Das Ticket kostete 150 Euro. Zeitgleich fand im Hunsrück auf der ehemaligen Raketenbasis Pydna zum 18. Mal die „Nature One“ statt. Es hat sich in den vergangenen Jahren mit durchschnittlich 55.000 zahlenden Besuchern und einem Umsatz von mehreren Millionen Euro als eines der größten Festivals für elektronische Musik in Deutschland etabliert.

          Ausgelost werden, um kaufen zu dürfen

          Selbst kleinere, unbekanntere Festivals profitieren von der steigenden Nachfrage nach Freiluftveranstaltungen. Aber nicht alle möchten entsprechend expandieren. In Thüringen fand zum 15. Mal die „Nachtdigital“ statt. Trotz hochkarätiger Künstler wird die Veranstaltung bewusst klein gehalten und wird auf liebloses Namedropping sowie eine kommerzielle Massenabfertigung verzichtet. Dem Charme der familiären Atmosphäre wollen sich dennoch nur wenige widersetzen. Innerhalb von Stunden waren alle 3.000 Eintrittskarten am ersten Verkaufstag im Dezember vergriffen.

          Der Kulturkosmos Müritz e.V., der Veranstalter der „Fusion“, hat mit einer neuen Idee auf den zunehmenden Besucheransturm reagiert. Wer eine Karte wollte, musste im Internet an einem Verlosungssystem teilnehmen. Unter den 90.000 Teilnehmern wurden 55.000 Gewinner ausgelost, die sich für 84 Euro eine Karte kaufen durften.

          In Zeiten, in denen das physische Schlangestehen vorbei ist, Tickets nur noch über das Internet verkauft werden und überlastete Server dem Ansturm nicht mehr standhalten können, scheint dies die fairste Lösung zu sein, um dem steigenden Interesse an Musikfestivals gerecht zu werden.

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