https://www.faz.net/-gqe-a3fb4

Musikbranche in der Krise : Konzerte als bloße „Beschäftigungstherapie“

Alles auf Abstand: ein „Picknickdecken-Konzert“ von Schlagersängerin Beatrice Egli im Erfuter Steigerwaldstadion Bild: dpa

Die deutsche Musikwirtschaft boomte und auch die Prognosen waren rosig, zeigt eine neue Studie zur volkswirtschaftlichen Bedeutung. Doch dann kam die Corona-Pandemie.

          3 Min.

          Auch das Reeperbahn-Festival hat sich angepasst: Statt gut 1000 Konzerten im vergangenen Jahr, werden es zu dieser Ausgabe etwa 140 sein – natürlich deutlich kleiner als üblich und unter Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen. Der Konferenzteil des viertägigen Festivals und Branchentreffens findet dagegen ausschließlich digital statt.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sowohl digital als auch vor Ort wurde am Mittwoch im Rahmen des „Hamburger Musikdialogs“ eine neue Studie zur Lage der Musikwirtschaft in Deutschland und zu ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung vorgestellt. Es ist die zweite Erhebung dieser Art nach der Erstauflage 2015. Die Bruttowertschöpfung des Wirtschaftszweigs ist demnach von 4 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 5,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr 2019 gestiegen. Der Umsatz der Musikunternehmen legte von 11,5 Milliarden Euro auf 13,6 Milliarden Euro zu. Neben den Kreativen fassen die Autoren der Studie hierunter den vielschichtigen Live-Bereich sowie das Feld Musikaufnahmen und die Musikverlage, aber auch die Zweige Instrumente, Musikschulen und Verwertungsgesellschaften.

          Die Studie unterstreiche die wirtschaftliche Bedeutung der Branche und diene als gute Grundlage für die politische Diskussion wie auch für Forderungen von Seiten der Branche an die Politik, so der Hamburger Kultursenator, Carsten Brosda (SPD), im Rahmen der Vorstellung der Studie.

          Wie schon 2015 ist die Studie im Auftrag der zentralen deutschen Musikverbände sowie der beiden großen Verwertungsgesellschaften Gema und GVL entstanden. Gefördert wurde sie unter anderem mit Mitteln aus dem Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters über die Initiative Musik. Befragt wurden vom Institut DIW Econ auch dieses Mal ausschließlich private Unternehmen, sodass öffentlich geförderte Einrichtungen wie Theater oder Orchester nicht erfasst sind.

          13 Milliarden Euro Umsatz durch Musiktourismus

          Der Studie zufolge stieg die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in der Branche innerhalb des untersuchten Zeitraums um 25 Prozent auf 157.800 Personen im vergangenen Jahr. Diese gliedern sich auf in rund 93.000 Arbeitnehmer und 65.000 Selbständige, wovon etwa 55.130 Personen in der Künstlersozialkasse versichert gewesen seien. Damit seien in der Musikwirtschaft mehr Menschen tätig als in jeder anderen Medienbranche. Mit Blick auf die Bruttowertschöpfung stünden nur die Fernsehveranstalter (rund 5,9 Milliarden Euro) besser da. Darüber hinaus strahlten die Tätigkeiten der Branche in andere Wirtschaftsbereiche aus. Alleine durch den Musiktourismus, also Reisen zu Konzerten und Festivals, sind der Studie zufolge 2019 insgesamt 13 Milliarden Euro Umsatz angefallen.

          Der positive Rückblick wird natürlich durch die derzeitigen Auswirkungen der Corona-Pandemie getrübt. Im Vergleich zu dem ursprünglich äußerst positiven Ausblick auf das laufende Jahr erwarten die Branchenvertreter nun knapp 7 Milliarden Euro weniger. Zuvor hatten die Befragten mit einem Anstieg auf mehr als 16 Milliarden Euro Umsatz gerechnet. 2021 dürften die Umsätze dem Stimmungsbild zufolge immer noch fast 2 Milliarden Euro unter dem Niveau von 2019 liegen. Die Studienautoren weisen jedoch daraufhin, dass die 861 Selbständigen und Unternehmen von Mitte Mai bis Ende Juni befragt wurden, was eine mögliche Überschätzung der Auswirkungen der Corona-Krise zur Folge haben könnte. Letztlich unterstreicht dieser Befund abermals die Unsicherheit, die vor allem mit Blick auf den Live-Sektor herrscht.

          Denn während der deutsche Markt für Musikaufnahmen zum Halbjahr durch starke Zuwächse im Streaming noch ein leichtes Plus verbuchte, trafen die Corona-bedingten Einschränkungen den stationären Handel mit Plattenläden und Musikgeschäften, aber etwa auch Studios hart. Die größten Auswirkungen haben freilich die Einschränkungen für Konzerte, führen die Studienautoren an und weisen zudem daraufhin, dass entstandene Einnahmeverluste nicht nachgeholt werden könnten.

          „Vielfalt des Kulturangebots auf dem Spiel“

          Trotz der Hilfsprogramme stünden im vor der Krise gut laufenden „Teilsektor Musikveranstaltungen“ viele der knapp 53.000 Arbeitsplätzen auf dem Spiel. Zwar gibt es längst wieder Konzerte in verschiedenen, den Corona-Maßnahmen angepassten Formaten, aber diese seien mit Abstandsregeln und damit erheblich verringerten Zuschauerzahlen kaum wirtschaftlich zu gestalten, sagt Jens Michow, der geschäftsführende Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Er bezeichnete diese Konzerte abermals als „Beschäftigungstherapie“, die primär dazu dienten, dass zumindest Künstler und Dienstleister wieder etwas verdienten, anstatt womöglich umzusatteln.

          Neben Veranstaltern, Tour-Crews, Booking-Agenturen, Bühnenbauern und diversen weiteren Berufsgruppen, die im Konzertgeschäft regelmäßig tätig sind, trifft die aktuelle Lage gerade auch aufführende Künstler und Autoren. Erstere stehen momentan ohne oder fast ohne ihre oftmals wichtigste Einnahmequelle und beste Promo-Möglichkeit dar. Auch durch das zunehmende Angebot kostenpflichtiger Livestreams von Konzerten kann dies nur sehr bedingt abgefedert werden. Autoren von Werken wie auch ihre Verlage müssen ebenfalls Einbußen hinnehmen, da ihre Kompositionen deutlich weniger aufgeführt oder etwa in Werbung oder Film genutzt werden. Durch die Ausschüttungs-Rhythmen fallen diese aber erst mit Verzögerung ins Gewicht.

          „Wir sehen schon, dass Unternehmen nur deshalb noch keine Insolvenz angemeldet haben, weil die Antragspflicht ausgesetzt wurde“, so BDKV-Präsident Michow. Eine vor der Krise wachsende und kerngesunde Branche liege jetzt am Boden, daher brauche es schnelle unbürokratische Hilfe zur Überbrückung, wenn die Vielfalt des Kulturangebots erhalten bleiben solle. Vor allem die kleineren Veranstalter und Venue-Betreiber verfügen oftmals kaum über Rücklagen oder finanziellen Spielraum. Und wie zutreffend sich der Ausblick der Branchenbeteiligten für 2021 gestalten wird, hängt vor allem davon ab, ob und wie die vielen verlegten Touren neben den schon vorher gebuchten Konzerten letztlich stattfinden werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zucchini, Paprika und angebratene Mehlwürmer auf einem Löffel

          Nachhaltige Lebensmittel : Die Zukunft der Ernährung

          Algen und Insekten gelten als die große Hoffnung, um das Ernährungsproblem der Welt zu lösen. In anderen Ländern sind sie schon als Nahrungsmittel verbreitet. Müssen wir nun auch in Europa unseren Speiseplan umstellen?
          Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

          Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

          Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
          Canan Topçu und Krsto Lazarević

          Streitgespräch : Gibt es Sprechverbote in Deutschland?

          Sie stimmt nicht mit den Menschen überein, die Deutschland einen allgegenwärtigen Rassismus attestieren. Für ihn dagegen ist Rassismus Alltag. Ein Streitgespräch über Identitätspolitik zwischen Canan Topçu und Krsto Lazarević.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.