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Muhammad Yunus : „Die Finanzkrise trifft die Armen besonders hart“

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„Armut wird nicht von den Armen gemacht”
          5 Min.

          Ist mein Geld noch sicher? Das fragen sich im Moment fast alle. Doch wie ergeht es den Armen dieser Welt in der Finanzkrise? Und was wird denjenigen passieren, die sich mit kleinsten Krediten nur gerade so eine Existenz aufgebaut haben. FAZ.NET hat mit dem Friedensnobelpreisträger aus dem Jahr 2006, Muhammad Yunus, darüber gesprochen.

          Yunus gilt als Vater der globalen Mikrokredit-Bewegung. Seine Grameen Bank vergibt kleine Kreditsummen an Bangladeschs Arme - und ist damit zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Hilfsbanken in der dritten Welt geworden. Obwohl seine Kunden ihm keine Sicherheiten bieten können, erzielt Yunus äußerst stabile Rückzahlungsquoten. Inzwischen bietet er sogar in Amerika Kleinstkredite an.

          Herr Yunus, Ihr Motto ist, dass viel Armut entsteht, weil Menschen zu wenig Zugang zu Finanzmärkten haben. In der Finanzkrise scheint es, als entstünde viel Armut, weil Menschen zu viel Zugang zu den Finanzmärkten hatten.

          Im Prinzip haben Sie Recht mit Ihrer Beobachtung. Aber Sie vergessen: Armut wird nicht von den Armen gemacht. Armut entsteht durch Institutionen und Systeme. Wenn wir das momentan kränkelnde System nicht reparieren, wird es unmöglich sein, Armut zu beseitigen. Mit der von uns gegründeten Grameen Bank versuchen wir das.

          „Der Sektor, in dem wir hier arbeiten, ist der Sub-Sub-Subprime Sektor”
          „Der Sektor, in dem wir hier arbeiten, ist der Sub-Sub-Subprime Sektor” : Bild: Uni Köln/Alexander Rüsche

          Sie vergeben Kredite an Tagelöhner, Bauern, ja sogar an Bettler, die nur gelegentlich arbeiten. Was macht Sie so sicher, dass sie verlässlichere Kunden sind als amerikanische Häuslebauer?

          Den Amerikanern, die es sich eigentlich nicht leisten konnten, Häuserkredite zu geben, war riskant. Was wir machen ist - wenn es nach der Kreditwürdigkeit der Leute geht - ungleich riskanter. Aus westlichem Blickwinkel betrachtet ist unser Sektor der Sub-Sub-Subprime-Sektor.

          Klingt nicht nach einem guten Geschäft.

          Wir sehen es nicht als riskant, vielmehr als absolut sicher. Denn wir sehen jeden Tag, dass quasi all unser Geld wieder zurückkommt. Unsere Leute geben uns keine Sicherheiten, wir haben keine formaljuristischen Verträge. Weil wir unsere Leute kennen und die Betriebe, in denen sie arbeiten. Und Sie sehen: Es sind nicht wir, die in dieser Krise Geld verlieren, es sind Sie im Westen, mit all Ihren Sicherheiten und Verträgen.

          In der jetzigen Krise weiß keiner so recht, wie er sein Geld noch sicher anlegen soll. Sind Mikrokredit-Fonds eine Alternative?

          Absolut. Sie würden Ihr Geld letztlich in kleine Betriebe investieren, die relativ unabhängig von der strauchelnden Weltwirtschaft sind. Aber wenn Sie das große Geld machen wollten, würde ich Ihnen abraten. Da gibt es andere Produkte, die Ihnen viel höhere Renditen bringen.

          Ist nicht zu befürchten, dass die Krise auch den Mikrofinanzsektor trifft?

          Nicht direkt. Aus dem simplen Grund, dass wir nicht mit den internationalen Finanzmärkten verbunden sind. Von dieser Seite ist der Mikrofinanzsektor derzeit einer der sichersten überhaupt.

          Was ist mit Ihren Kunden? Wird die Krise nicht früher oder später zur Katastrophe gerade für den Tagelöhner in Bangladesch?

          Selbstverständlich wird die Krise auch unsere Kreditnehmer treffen. Sie wird sie sogar besonders hart treffen. Wenn die amerikanische Ökonomie wankt, schickt sie ihre Schockwellen um die Welt. Die meisten unserer Kunden sind darauf angewiesen, dass Bangladesch Waren exportiert. So sind es die Arbeiter und Tagelöhner, die leiden, weil ihren Textilfabriken die Nachfrage aus Übersee ausgeht.

          Wieviele Menschen werden durch die Krise überhaupt erst in Armut stürzen?

          Eine Zahl ist unmöglich zu schätzen. Denn man müsste auch diejenigen berücksichtigen, die es ohne diese Krise bald geschafft hätten, sich hochzuarbeiten. Und diejenigen, die schon arm sind und durch die Krise noch ärmer werden. Außerdem hängt das stark davon ab, wo diese Finanzkrise noch hingeht. Es ist ja kaum noch absehbar, in welchem Maß sie sich noch ausweiten wird. Und es hängt stark von dem Land ab, in dem die armen Menschen leben. Je weniger Verbindungen zur internationalen Ökonomie bestehen, desto weniger hart wird die Krise einschlagen.

          Wie schlimm wird die Krise für die Armen?

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